Flusslandschaft 1984

Gewerkschaften/Arbeitswelt

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ALLGEMEINES

Arbeitslosigkeit ist ein Auslöser für Lebens-Spiralen nach unten. Arbeitslose haben oft das Gefühl, an ihrem Schicksal selbst schuld zu sein. Manchmal kommt aber einer, der die individuelle Depres-
sion aufzuhalten versucht.1

Bei der geplanten Änderung des § 116 Arbeitsförderungsgesetz handelt es sich um einen Angriff
auf das Streikrecht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Der sogenannte „Francke-Erlass“ verfügt, dass im Rahmen des § 116 AFG die mittelbar von einem Arbeitskampf betroffenen Arbeit-
nehmer keine Kurzarbeiterunterstützung erhalten sollen. Das Ziel der Unternehmer und ihrer po-
litischen Eliten ist, dass Arbeitnehmer, die außerhalb des Kampfgebietes durch Arbeitseinstellung der Arbeitgeber wegen Nachschub- oder Auftragsmangel die Arbeit einstellen müssen, als Faust-
pfand gegen ihre im Arbeitskampf stehenden Kolleginnen und Kollegen eingesetzt werden können.

Die Gewerkschaften sind auf Seiten der Friedensbewegung, engagieren sich für „Rüstungskonver-
sion“. Ganz anders manche Politiker, die in vermeintlich gewerkschaftliche Rhetorik verfallen. Dies greift Andreas Altmann an: „… Mir wird mal wieder bewusst, was für ein idealistischer Dodel ich bin. Nachrüstung her, Milliarden Tote hin. Und das Bruttosozialprodukt? Hä? Als es vor einiger Zeit um die Frage ging, ob Panzer an Saudiarabien geliefert werden sollen oder nicht, las ich in der Zeitung die folgende verbale Absonderung einiger hiesiger Politiker, Zitat: ‚Die Waffen müssen ge-
liefert werden, um Arbeitsplätze zu erhalten.’ Zitatende. Hätte ich die Macht, ich würde jemanden für einen solchen Ausspruch vor ein Gericht stellen. Was ist das? Exorbitante Dummheit? Worte aus dem bis zur Gefühlslosigkeit verhornten Herzen eines menschenförmigen Monsters? Oder der kaltschnäuzige Zynismus eines Taktikers, der Wählerstimmen sucht? Etwas zu verkaufen, von dem ich weiß, dass es ausschließlich dazu da ist, um den Körper eines Menschen zu zerschmettern, ist gespenstisch und obszön genug. Aber dieses todbringende Geschäft mit der Erhaltung heimischer Arbeitsplätze zu rechtfertigen, ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit. – Warum exportieren wir keine KZs, um die Stacheldrahtindustrie anzukurbeln? Arbeit für alle! Vom angelernten Handgra-
natenpolierer über den Patronenhülsenverpacker bis hin zum Maschendrahtdesigner. ‚Krieg ist’, nach Franz Kafka, ‚das Produkt furchtbarer Phantasielosigkeit.’ Diese Anmerkung hilft. So ein von Sachzwängen verfinstertes Technokratengehirn weiß wohl gar nicht mehr, wie die Wirklichkeit hinter seinen lapidaren Sätzen aussieht …“2

Eine Strategie der „Wende“politik ist es, viele Bereiche des öffentlichen Dienstes zu privatisieren. Wieland Sternagel zeichnet für die Schulungshefte des DGB-Bildungswerks3, die zudem mit ein-
fachen Grafiken über kapitalistische Produktionsverhältnisse informieren. Er verdeutlicht, dass die Lage der abhängig Beschäftigten immer durch die Interessen des Kapitals bestimmt wird.4 Lohn-
abhängige sollen willig, billig und vor allem flexibel sein. Ein neues Unwort macht die Runde: „Ka-
povaz“. Es meint „kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit“.5 Zugeständnisse an Forderungen der abhängig Beschäftigten werden immer zurückgenommen, wenn es der unternehmerischen „Ratio“ notwendig erscheint, es sei denn, die Betroffenen entwickeln genügend Gegenmacht …

DGB

Die Demonstration am Ersten Mai beginnt um 8.45 Uhr mit einem Standkonzert vor dem Deut-
schen Museum
, dann zieht der Zug zum Marienplatz. Seit den späten Sechziger Jahren kommt es regelmäßig zu Protesten gegen die Reden von Politikern und Gewerkschaftsfunktionären bei den Versammlungen am Ersten Mai, so auch 1984. Das Motto der Kundgebung lautet „Arbeit für alle – DGB“.6

Einige Menschen haben einen Lachsack an ein Megaphon angeschlossen. Gewerkschafter drohen den Kritikern Prügel an, so dass diese ihre Aktion schließlich abbrechen. – Richy Meyer arbeitet 1984/85 an der DGB-Bundesschule in Niederpöcking am Starnberger See, um sich ein Zweitstu-
dium an der Münchner Uni zu ermöglichen. Eine seiner Aufgaben besteht darin, Reden zu ver-
fassen. Als er in die Rede einer führenden Gewerkschaftsfunktionärin kritische, nicht verklausu-
lierte Gedankengänge einfügt, zeigt sich, dass er Illusionen erliegt und Illusionen erzeugt. Kritisch eingestellte Zuhörerinnen und Zuhörer dieser Rede glauben, die Rednerin meine, was sie sagt.
Der Verfasser der Rede glaubt, die Rednerin würde infolge der Rede, die sie hält, selbst anfangen nachzudenken. Inwieweit eine Zuhörerin oder ein Zuhörer infolge der Rede einen neuen Gedanken fasst, entzieht sich der Meyerschen Erkenntnis. Zumindest ist er aber verblüfft, wie authentisch
der Auftritt der Gewerkschaftsfunktionärin wirkt. Er selbst zweifelt im Verlauf der Veranstaltung mehrmals daran, dass er der Autor der Gedankengänge ist, die er hier hört, und er stellt sich einige Fragen: Verlieren Bekundungen der führenden Repräsentanten der politischen Klasse umso mehr an Glaubwürdigkeit, je häufiger der ghostwhriter tätig ist? Wo beginnt die Manipulation, die alle Beteiligten, Redner, ghostwhriter und Rezipienten gleichermaßen beeinflusst? Und: Sind diese Fragen naiv? Infolge seiner eigenen Tätigkeit als Redenschreiber versteht Meyer Misstrauen, Un-
zufriedenheit und Proteste, wie sie jeden ersten Mai seit 1968 deutlich werden, viel besser.

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Im Anschluss an die DGB-Kundgebung demonstrieren der Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD und etwa fünfzig Autonome unter der Parole „Gegen Nato, Staat und Kapital – der
Kampf um Befreiung ist international“. Danach feiert die autonome Szene ihr Straßenfest in
der Holzstraße im Gärtnerplatzviertel.

Am 26. Juni sprechen beim europaweiten Solidaritätstag für Arbeitszeitverkürzung und gegen Aussperrung auf dem Marienplatz DGB-Vorsitzender Ernst Breit, der Hauptkassier der IG Metall Norbert Fischer und Alfred Ströer, Vizepräsident des Europäischen Gewerkschaftsbundes.


BUNDESBAHN

Bahn-Lehrlinge besetzen am 18. Dezember ihre Werkstatt aus Protest wegen der Nichtübernahme in den Bundesbahndienst.8

BUNDESPOST

Am 3. Oktober kommt es zu einer Demonstration gegen die Auflösung der Fernmeldewerkstätte an der Leopoldstraße.9

DRUCKINDUSTRIE

1973 arbeiteten in der Druckindustrie bundesweit 203.000 Menschen, 1984 sind es nur noch 165.000. Zugleich ist die Produktivität durch Rationalisierung um mehr als das doppelte gewach-
sen.

Am 2. April scheiterte die erste Schlichtungsrunde in der Druckindustrie über den Manteltarif-
vertrag und damit über die von der IG Druck und Papier geforderte 35-Stunden-Woche. Der Schlichter, der Berliner Arbeitsgerichtspräsident Manfred Kemter, erklärt unter Hinweis auf die „unvereinbaren Grundpositionen“ der beiden Parteien, dass die Formulierung eines vermittelnden Schiedsspruchs nicht möglich erscheine.“ Am 1. Mai stand an den Bild-Zeitungs-Kästen „Liebe BILD-Leser! Wegen des Druckerstreiks kann Ihre BILD-Zeitung nicht überall oder nur in ver-
ringertem Umfang erscheinen. Wir bitten Sie um Verständnis.“ Erstaunlich, denn gerade die Drucker und Setzer bei Bild wollten überhaupt nicht streiken. Am 10. Mai aber schließen sie sich dem Streik der anderen Druckhäuser an.10

Am 5. Mai fordern Postler, Metaller und Drucker gemeinsam im vollbesetzten Augustinerkeller
an der Arnulfstraße 52 die 35-Stunden-Woche. Jetzt findet einer der härtesten Arbeitskämpfe der Nachkriegszeit statt. Die Streikversammlung der Zeitungsbetriebe Münchens beschließt im großen Saal des Gewerkschaftshauses an der Schwanthalerstraße 64 am 5. Juni die Ausdehnung des Drei-Tage-Streiks auf eine Woche. Am 6. Juli kommt es nach 13 Wochen Arbeitskampf zum Tarifab-
schluss. Ergebnis in der Druckindustrie ist die 38,5-Stunden-Woche, eine günstigere Lohnstruktur, verbesserter Rationalisierungsschutz, ab 1. Juli 3,3 Prozent und ab 1. April 1985 zwei Prozent mehr Lohn.

Damit ist der Einstieg in die 35-Stunden-Woche geschafft; vollständig umgesetzt wird sie aller-
dings erst 1995 und muss seither immer wieder verteidigt werden. Die bittere Pille: Bei der Süd-
deutschen Zeitung
kommt es in der Folge kaum noch zu Neueinstellungen.

F.C. MAYER-VERLAG

Lohnabhängig Beschäftigte haben nichts anderes zu verkaufen als ihre Arbeitskraft. Diese Ware rechnet sich mehr schlecht als recht in Arbeitsstunden, nicht im Einsatz von Lebenssinn, Lebens-
zeit und Gesundheit. Arbeitsplatzsicherheit ist für Unternehmen ein Kostenfaktor.11

LEHRERiNNEN

LehrerInnen, die bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) organisiert sind, demonstrieren am 10. November gegen ihre Arbeitsüberlastung.12

METALLBETRIEBE

Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die IG Metall will die Einführung der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Damit könne man Arbeitsplätze schaffen. Die Arbeitgeber bieten Vorruhestands-
geld an, wollen aber bei der 40-Stunden-Woche bleiben. Zehntausende Münchner Kolleginnen und Kollegen nehmen am 23. März und am 5. April an Warnstreiks teil; zu Streiks kommt es nicht. Trotzdem schlagen die Arbeitgeber zurück.

Ab dem 18. Mai sperrt BMW täglich 8.500 Beschäftigte „kalt“ aus, MAN ab dem 21. Mai täglich 1.900 Beschäftigte. Die Strategie läuft darauf hinaus, IG Metall-Mitglieder gegen ihre eigene Ge-
werkschaft zu mobilisieren, die IG Metall zahlt nämlich „kalt ausgesperrten“ Mitgliedern keine Unterstützung. Viele Mitglieder protestieren nicht gegen die Strategie der Arbeitgeber, sondern gegen ihre Gewerkschaft, die alle Hände voll zu tun hat, die Zusammenhänge zu erklären. Die Schlichtung erreicht schließlich die Einführung der 38,5-Stunden-Woche zum 1. April 1985.

SIEMENS

Siemens-„Mit“arbeiter aus Stuttgart-Bad-Cannstadt demonstrieren am 28. November vor der Siemens-Hauptverwaltung gegen die drohende Schließung ihres Werkes.13

SUMA

Mitarbeiter von SUMA demonstrieren am 5. Juni zugunsten eines Neubaus ihres Betriebs.14


1 Siehe „Der Kämpfer“ von Artur Troppmann.

2 1984. Einführung in den ganz konkreten Irrsinn. Aufgelockert durch Ausblicke auf die pure Lust am Leben. Manuskript und Sprecher Andreas Altmann (für Clara von Assisi, Schutzpatronin des Fernsehens, vom Heiligen Vater Papst Pius XII. dazu ausersehen, am 17. Februar a.D. 1958, zu Rom), München 1984, 27 f.

3 Siehe „Privatisierung – alle trifft’s“ von Wieland Sternagel.

4 Siehe „ziel der unternehmer“.

5 Siehe „‚Billiglohnland’ K + L Ruppert“ und „Gedanken einer Kabarettistin zum Arbeitsmarkt: ‚Kapovaz’“ von Sarah Camp.

6 2 Fotos: Erster Mai 1984, Standort: Archiv der Münchner Arbeiterbewegung, Mappe 26.

7 Plakatsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

8 Vgl. Süddeutsche Zeitung 293/1984.

9 Vgl. Süddeutsche Zeitung 230/1984.

10 Vgl. wir. Information für Münchner Gewerkschafter, hg. vom DGB-Kreis München 3/1984, 5.

11 Siehe „Alle 17 Sekunden ein Arbeitsunfall, der nicht zu verschweigen ist, z.B. Ibrahim Göck“.

12 Vgl. Süddeutsche Zeitung 262/1984.

13 Vgl. Süddeutsche Zeitung 277/1984.

14 Vgl. Süddeutsche Zeitung 139/1984.