Flusslandschaft 1984

Internationales

Iran
Vietnam
Großbritannien
Türkei
Nicaragua und USA
Guatemala
Indien


IRAN

Am 12. Februar demonstrieren in München lebende Iraner für die Einführung der konstitutio-
nellen Monarchie im Iran vor der Feldherrnhalle.1

VIETNAM

Am 23. Februar wird die Aufführung einer „Nationalen Theatergruppe“ wegen einer drohenden Demonstration von Exil-Vietnamesen abgesagt.2

GROSSBRITANNIEN

Im März beginnt die National Union of Mineworkers (NUM) ihren letzten großen Kampf
gegen Privatisierung und drohende Schließung der Zechen. 130.000 Bergarbeiter treten in
den unbefristeten Streik gegen den neoliberalen Umbau der Gesellschaft durch die Regierung
der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher. Die Regierung spannt die Presse ein, beschlagnahmt Gewerkschaftskonten, läßt Telefone abhören und setzt Provokateure und Spitzel ein, Agenten
des MI-5 und MI-6; auch die CIA mischt mit. Der Streik dauert fast ein Jahr und endet mit einer verheerenden Niederlage.3

TÜRKEI

Der NATO-Partner Türkei ist eine Diktatur. Hier wird gefoltert, hier gibt es Todesurteile.

„Bericht aus der Türkei – Im Oktober vergangenen Jahres reiste eine Delegation der Türkei-Gruppe in der Evangelischen Studentengemeinde München im Auftrag der Humanistischen Union, des Republikanischen Anwaltsvereins und der Initiative Bayer Strafverteidiger in die Türkei. Die Gruppe hatte den Auftrag zu untersuchen, ob grundlegende Menschenrechte von Beschuldigten beachtet werden, die seit dem Militärputsch unter dem Vorwurf politischer Vergehen angeklagt sind und vor Gericht stehen. Aufbauend auf den Erfahrungen anderer Gruppen haben die Teilnehmer – eine Anwältin, ein Anwalt, ein Arzt – vor allem drei The-
menbereiche beobachtet
► die Folter an Gefangenen,
► den aktuellen Gesundheitszustand der Gefangenen,
► die Lage der Verteidigung.
Die Gruppe hat sich bemüht, Informationen aus erster Hand und aus möglichst vielfältigen Quellen zu erhalten, die sie nun in einem Bericht veröffentlicht hat. Der ‚Bericht aus der Türkei’ kann für 5 DM bestellt werden bei Wolfgang Döbrich, Friedrichstraße 25, 8000 München 40.“4

Seit dem 11. April kommt es zu Hungerstreiks in den Istanbuler Gefängnissen. Am 19. Juni sterben vier Gefangene. Am gleichen Tag wird der türkische Außenminister in Bonn empfangen. Am Mon-
tag, dem 28. Juni stirbt der fünfte Gefangene. In vielen deutschen Städten wird protestiert.

NICARAGUA und USA

Präsident Ronald Reagans Nationale Sicherheitsdirektive Nr. 138 erklärt im April den Kampf ge-
gen staatlich geförderten Terrorismus zum vorrangigen Ziel. Am 22. Mai marschieren zweitausend Menschen von der Paulskirche zum Marienplatz unter dem Motto „Reagan-Zeit über Nicaragua — Für Frieden und Selbstbestimmung in Mittelamerika“.5

Das Münchner Aktionsforum Mittelamerika mit Sitz im Mailaden in der Maistraße 29 stellt For-
derungen.6

Wenig später fährt die erste Münchner Bert-Brecht-Brigade nach Nicaragua, die in San Miquelito, Region Rio San Juan, das erste Schulgebäude, eine Lehrerbildungsstätte, baut.

GUATEMALA

7
23. Juni — 8. Juli: „Guatemala — 100.000 Opfer“

INDIEN

Seit 1977 stellt der US-Chemiekonzern Union Carbide Corporation in Bhopal, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Madhya Pradesh das Schädlingsbekämpfungsmittel Sevin her. Aus Ko-
stengründen produziert man in einem Niedriglohnland mit niedrigen Sicherheitsvorschriften. Nachdem der Verkauf des Produkts rückläufig ist, spart die Firma zusätzlich an Aufsichtspersonal und an technischen Sicherheitseinrichtungen. Am 3. Dezember 1984 kommt es zu einer exother-
men Reaktion in einem Tank, aus dem Kohlenstoffdioxid, Dimethylamin, 1,3,5-Trimethylisocyan-
urat und 1,3- Dimethylisocyanurat entweicht. Zwischen 3.800 und 25.000 Tote sind die geschätz-
en Folgen der Gaswolke; etwa 500.000 Menschen werden verletzt, die zum Teil bis heute unter den Spätfolgen wie Blindheit, Hirnschäden, Lähmungen, Lungenödemen, Herz-, Magen-, Nieren-, Leberleiden und Unfruchtbarkeit leiden. Bei Neugeborenen zeigen sich Fehlbildungen. 1989 zahlt der Chemiekonzern 470 Millionen Dollar Entschädigung an Indien; von dem Geld kommt aller-
dings bei den Betroffenen beinahe nichts an.

Auch dreißig Jahre nach der Katastrophe von Bophal haben die Überlebenden keine angemessene Entschädigung erhalten: viele von ihnen leben in bitterer Armut. Bis heute ist das Gelände nicht dekontaminiert, die beteiligten Konzerne wurden nicht zur Verantwortung gezogen.

Ökologen warnen schon lange, dass der moderne Imperialismus Schäden mit Langzeitfolgen verursacht, deren Kosten vermeintlich kurzfristige und private Gewinne bei weitem übertreffen. Dauerschäden, die ununterbrochen verursacht werden, fallen nicht so auf. Werden Katastrophen plötzlich auslöst, werfen sie ein grelles Licht auf die Verhältnisse zwischen den Kapitalien der Ersten Welt und den Produktionsstandorten in der Dritten Welt. Zwei Beispiele:

Am 19. August 1995 bricht ein Damm des Abfallsicherungssystems bei einer der größten Goldmi-
nen der Welt, der Omai-Mine in Cuyuni-Mazaruni, und lässt den Fluß Essequibo „umkippen“. Das Bergbauunternehmen wird daraufhin vergeblich auf eine Entschädigung von 2 Milliarden Dollar verklagt.

Der Giftmüll der Firma Trafigura, der an zwölf Standorten in und um die Stadt Abidjan in der Elfenbeinküste gelagert wird, schädigt im August 2006 mehr als 100.000 Menschen, mindestens 17 sterben. Anfang 2007 zahlt die Firma 198.000.000 US-Dollar an die ivorische Regierung ohne eigenes Fehlverhalten zuzugeben. Die Regierung stellt daraufhin die juristische Verfolgung der Firma ein.

Für kurze Zeit geht nach Bekanntwerden einer solchen Katastrophe eine Welle der Erregung
durch die Medien der Welt. Für kurze Zeit richtet sich Empörung gegen das herrschende Wirt-
schaftssystem. Genauso schnell ebben die Wellen wieder ab.


1 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

2 Vgl. Münchner Merkur 46/1984.

3 Vgl. David Peace, GB84, München 2014.

4 Mitteilungen der Humanistischen Union vom März 1984, 2.

5 Vgl. Süddeutsche Zeitung 118/1984.

6 Siehe „Hände weg von Nicaragua und El Salvador!“.

7 Plakatsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung