Flusslandschaft 1985

Medien

Im Herbst veranstalten das Gasteig-Kulturzentrum, die Filmgruppe Das Team e.V. und das Kulturreferat eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Neue Medien – Kommerzfunk“.1 — Zur üblen Rolle der Medien bei den so genannten „Haidhauser Krawallen“ siehe auch „Atomkraft“.

„… Laut SZ vom 19./20.4.‘84 soll es in München über 16.000 Beschäftigte geben, die dem Bereich Neue Medien (einschließlich allerdings den Videoverleihern und der Computer-Software) zuzu-
rechnen sind. Neben den fünfzehn herkömmlichen, empfangbaren Radioprogrammen gibt es aktuell zwölf neue private Anbieter (oder sind es mehr, den genauen Überblick hat keiner). Die jeweilige feste Mitarbeiterzahl muss man als gering einschätzen. Jedes Wort über das Qualitäts-
niveau der Sendungen ist zuviel – Discoschrott oder Musik für die Hausfrau auf allen Kanälen, unterbrochen von Preisfragen nach der schönsten Kellnerin Schwabings oder dem flottesten Friseur Bogenhausens. Helmut Markwort, Chef des größten privaten Anbieters, Radio Gong 2000, sieht das aber ganz anders. ’Die privaten Anbieter werden das Kulturniveau des Landes heben …’ Weder das Kultur-, noch das Demokratie-, noch das Einschaltniveau ist bei den neuen privaten Rundfunksendern als erwähnenswert hoch anzusehen. Nur das Intrigenniveau und Fingerhakeln hinter den Mikrophonen kann sich wirklich sehen lassen. Neben den ‘Großen’, Springer, Bertels-
mann, Holtzbrinck, Burda, sind jede Menge Provinzadvokaten, Adelstöchter und Politikerspezis hier mit ‘auf Sendung’. Die neuen Medien sind in München zu einer idealen Spielwiese der Young Urban Professionals geworden, einem ‘Arbeitsbeschaffungsprogramm für Rechtsanwälte’ (SZ). Hier kann investiert und schnelle Kohle gemacht werden, möglichst noch unter der Obhut ein-
flussreicher Eltern. Die bekanntesten von ihnen sind Franz-Georg Strauß, der Sohn des Landes-
vaters, und der CSU-Bundestagsabgeordnete Josef Linsmeier, die mit ‘TV Weiß-Blau’ bzw. der NEUEN WELLE ein ‘unabhängiges, überparteiliches, unpolitisches Programm’ anbieten und damit zur ‘lokalen Meinungsvielfalt beitragen’ wollen (Strauß jun.). Alles wird, wie es sich für München gehört, mit großem Hallotria und Blasmusi angekündigt. Aber noch ist vieles ungeklärt. Mehr noch: die Privatisierung der elektronischen Massenmedien hat sich in München bisher eher als ein Flop erwiesen. Die Verkabelung kommt überhaupt nicht vorwärts. Nach einer kurzen Zeit des Ab-
wartens hat sich die Stadt München jetzt entschlossen, von jeglichem kabelpolitischen Engagement erst einmal Abstand zu nehmen. Die ‘Münchener Pilotgesellschaft für Kabelkommunikation’ (mit HIS MASTERS VOICE Rudolf Mühlfenzl als Geschäftsführer), die alle privaten Anbieter zu einem Konsortium und auf die bislang freigegebenen Sendefrequenzen zusammenzwängen will, kommu-
niziert zum Teil nur noch vor Gericht miteinander. Die kleinen Advokatenradios wollen sich nicht dem Diktat der Großen beugen und erst recht nicht den Vorstellungen der Mühlfenzl-CSU. Kurz: die neuen privat organisierten Rundfunk- und Fernsehstationen sind in München eher eine Gaudi als eine wirkliche Alternative zum Bayrischen Rundfunk. Hier wird jedenfalls gstandene CSU-Poli-
tik gemacht, die private Werbung hält sich in Grenzen, die Staatskanzlei hört ständig mit und fürs Gemüt wird jede Menge Heimatfunk gesendet, Der Hörer und Zuschauer weiß, was ihn erwartet …“2


1 Siehe „Bewusstseinsverwüstung“ von Oskar Neumann.

2 Carl-Wilhelm Macke, Weltstadt mit Megahertz, in: links. Sozialistische Zeitung 190 vom Januar 1986, 9.

Überraschung

Jahr: 1985
Bereich: Medien

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