Flusslandschaft 1986

Frauen

Walpurgisnacht: Am Abend des 30. April treffen sich etwa hundertfünfzig Frauen am Stachus und gehen lautstark in Richtung Marienplatz. Es handelt sich hierbei um eine „nicht angemeldete“ Demonstration. Die Polizei greift zu.1

Einmal im Jahr sind die Söhne für ihre Mutter da, damit sie die restlichen 364 Tage im Jahr nicht an sie denken müssen. Etwa 1.000 Frauen demonstrieren am Sonntag, 11. Mai, nicht nur gegen die Alibieinrichtung „Muttertag“, sondern rufen angesichts der Katastrophe in Tschernobyl dazu auf, mit „bestrahlten Muttertagssträußen“ auf dem Marienplatz ein Strahlenschutzemblem auszulegen.2 Siehe auch „Atomkraft“.

Am Samstag, 5. Juli, demonstrieren hundert Frauen von autonomen Frauenprojekten. Sie fordern bezahlte Frauenselbstverteidigungskurse, Frauen-Nacht-Taxis ab 22 Uhr zum MVV-Tarif, Frauen- und Mädchenhäuser, öffentliche Aufklärung zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ und Frauennotruftelefonnummern als offizielle Notrufnummer.3

Am 19. Juli findet die „erste bayrische Frauen-Vollversammlung“ auf dem Marienplatz statt. Hinter der Bühne ist ein Transparent mit dem Frauenzeichen und dem Satz „Frauenversammlung Bayern. Jetzt erst recht. Wehrt Euch — leistet Widerstand. Gemeinsam sind wir stark“ aufgespannt.4


1 Siehe „Verreckt doch an der Strahlung und sterbt für diesen Staat“.

2 Siehe „11. mai“ von Cornelia Blomeyer.

3 Vgl. Spion. Zeitung für München 46 vom August 1986, 7.

4 Vgl. Süddeutsche Zeitung 164/1986. Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen 4470.