Flusslandschaft 1993

Gedenken

Im Schatten der Bavaria steht ein Kriegerdenkmal, vor dem die Stadt regelmäßig einen Kranz niederlegen lässt.1

Am 30. Januar findet eine Demonstration anlässlich des 60. Jahrestags der Machtübergabe an die Nazis statt. Motto: „Gegen Neonazismus, rechte Gewalt und Rassismus“

Die Ludwig-Maximilians-Universität am Geschwister-Scholl-Platz 1 gedenkt am 15. Februar der Hinrichtung der Geschwister Scholl und der anderen Mitglieder der „Weißen Rose“. Bundespräsident von Weizsäcker besichtigt vor der offiziellen Feier eine Ausstellung zu „Weißen Rose“. Dabei wird er mehrmals mit seiner eigenen NS-Vergangenheit konfrontiert.2

In Ottobrunn befand sich ein kriegswichtiges Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Die Ottobrunner Initiative „Spurensuche“ plant an dem Ort einen Gedenkstein zu errichten, was der Gemeinderat allerdings ablehnt. Daraufhin schreibt Freidenker Peter Büchl aus Pfaffenhofen einen wütenden Brief.3

10. Mai, Königsplatz: Aktionstag der Freidenker zur Bücherverbrennung. — Zum 60. Jahrestag der Bücherverbrennung durch die Nazis sprechen Prof. Dr. Heinrich Fink, abgewickelter Direktor der Humboldt-Universität Berlin, und Dirk Joußen, Redner der Studenten/innen am 10. Mai in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität am Geschwister-Scholl-Platz 1. Es lesen Hanne Hiob: Bert Brecht, Jörg Hube: Oskar Maria Graf, Doris Schade: Anna Seghers, Margarete Spitz: Bertha von Suttner, Max Mannheimer: Ernst Toller. Das Traubeli-Weiss-Ensemble musiziert.

„Nur der Wachmann schaut zu“, Kunstaktion im Justizgebäude München zu den Todesurteilen gegen die Mitglieder der „Weißen Rose“ mit Unterbrechung durch sechs Justizbeamte mit F. Kochseder, Kai Winkler und W. Kastner ( genaues Datum? ).

„Die Landeshauptstadt München gedenkt im Rahmen einer Ausstellung und einer Dokumentation erstmals des Völkermords an Sinti und Roma; endlich wird die ganze Bandbreite der Verantwortlichen für Verfolgung, Deportation und Vernichtung offen aufgezählt: ‘… Zu ihnen gehörten beispielsweise die Standesbeamten und Meldeämter, die Daten für die Erfassung der Sinti und Roma bereitstellten und dann in Karteien die rassische Einstufung vermerkten; die Steuerbeamten, die eine Sondersteuer kassierten, die Polizeibeamten, die die Verhaftung und Deportation durchführten, die Finanzbeamten, die das zurückgelassene Hab und Gut für die Staatskasse beschlagnahmten, die Ärzte, die die erzwungenen Sterilisationen vornahmen; die Richter der Sondergerichte, welche Sinti als „rassisch minderwertig“ zum Tode verurteilten u.v.a.m. Viele waren Zeugen dieses Geschehens …’“4

Zwei als SA-Männer Uniformierte treiben am 5. November in Erinnerung an die Reichspogromnacht fünf andere Menschen, die mit einem gelben Stern gekennzeichnet sind, durch die Fußgängerzone. Zur Erinnerung an die „Reichskristallnacht“ inszeniert Wolfram P. Kastner zusammen mit Freunden des Kulturvereins „Das andere Bayern“ diese Performance. Die Polizei schreitet ein. „Politiker sagten ‚Das ist nicht der Ort für solche Aktionen’“, erinnert sich Wolfram Kastner. „Ich meine, natürlich ist es der richtige Ort; es begann nicht in Auschwitz, sondern mitten drin.“ Die an der Aktion Beteiligten erhalten Anklagen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und sogar Morddrohungen. Kastners Anwalt legt sein Mandat nieder. Als die Presse aufmerksam wird, zieht die Staatsanwaltschaft ihre Anklage zurück.

„Die niederbayerische Soziologin Anna Rosmus, die seit 1983 mit ihren Veröffentlichungen Geschichtsklitterung und Verharmlosung von NS-Verbrechen in Bayern aufdeckt und damit einen wertvollen Beitrag zur lokalen NS-Geschichtsschreibung leistet, äußert sich in einem Interview im November zur Mentalität so vieler ihrer bayerischen Landsleute: ‘Wie ist das denn möglich, einfach Befehle auszuführen, wo Christen doch verpflichtet sind nicht zu töten, nicht zu stehlen? … Und da bin ich dann darauf gekommen, dass der Katholizismus in der Umgebung eine wesentliche Rolle spielt, … einer ganz oben befiehlt … und das Fußvolk hat … nichts anderes zu tun als zu gehorchen. Dass das schon von der Religion her selbstverständlich geworden ist … verstärkt wurde vom politischen System, und wenn vom Staat her … über Jahrhunderte hinweg … immer das Gleiche anerzogen wird …: Gehorchen und Stillsein – nicht Rebellion. Wenn nicht Zivilcourage gelehrt wird oder gar ziviler Ungehorsam, dann ist es nicht mehr überraschend, wenn einer kommt und sagt: Führer befiehl, wir folgen.’“5


1 Siehe „Denk-mal“.

2 Siehe „Unsere Solidarität gilt den AntifaschistInnen“ von Dirk Joußen.

3 Siehe „Protest“ von Peter Büchl.

4 Robert Schlickewitz, Sinti, Roma und Bayern. Kleine Chronik Bayerns und seiner „Zigeuner“, 2008, www.sintiromabayern.de/chronik.pdf, 159.

5 A.a.O., 160 f.