Flusslandschaft 1996
Flüchtlinge
„Zu unserem Bericht ,Bespitzelung von Asylbewerbern bestätigt’ vom 4. Januar: Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, was da in den Köpfen der Menschen vorgeht. Welche Maßstäbe werden da angelegt? Welche Gewinn-und-Verlust-Rechnungen werden da aufgestellt? Wer macht sich die Mühe, darüber nachzudenken, ob nicht ein vorsorgendes Bemühen um die wirklich nicht zu be-
neidenden Insassen der Asylbewerberheime um ein Mehrfaches billiger ist als die sogenannte po-
lizeiähnliche Überwachung? Zur Illustration ein Beispiel: Auch an der Grenze zwischen Oberföh-
ring und Englschalking ist in der Fideliostraße ein Asylbewerberheim eingerichtet. Als die Stadt München vor fast drei Jahren mit der Vorbereitung zur Errichtung dieses Heimes begann, war die Aufregung unter den Bürgern groß, denn viele fürchteten um Leib und Leben. Einige Mitglieder der umliegenden evangelischen und katholischen Kirchen und aller Parteien gründeten darauf eine Initiative ,Miteinander leben in Oberföhring’. Sie engagierten sich, sprachen mit den Vertretern der Stadt und der Regierung von Oberbayern und brachten so einiges in die rechte Bahn. Da sich weder die Stadt noch der Freistaat für eine echte Betreuung der Asylbewerber zuständig fühlen, stellte der jetzt eingeschriebene Verein eine Sozialpädagogin ein und organisiert einige ehren-
amtliche Arbeitsgruppen aus Oberföhringer Bürgern, um sowohl den übrigen Oberföhringern Verständnis abzuringen als auch den Asylbewerbern zu helfen. Das erforderliche Geld wird über Spenden der 38 Mitglieder und 142 Förderer aufgebracht. Der Gesamtetat betrug 1994 etwa 30.000 Mark, dazu kam noch ein Betrag von 13.000 Mark an ABM-Maßnahmen. Für diesen lächerlichen Betrag von knapp 45.000 Mark wird Frieden in der ganzen Gegend gewonnen und erhalten. So oder ähnlich sollte und könnte unser Steuergeld eingesetzt werden, wir würden dann viele Milliarden sparen. Offensichtlich hat der Staat aber immer noch zuviel Geld. Gerhard Hin-
richsen, München“1
Die Humanistische Union veranstaltet am 21. Juni eine Podiumsdiskussion zum Asylrecht.2
In München haben etwa 20.000 Menschen vor dem Krieg in Bosnien Zuflucht gesucht. Ab 1. Okto-
ber droht ihre zwangsweise „Rückführung“. Der 4. Oktober ist der „Tag des Flüchtlings 1996“. Sel-
ten stehen sich Symbolpolitik und real durchgesetzte Politik so deutlich gegenüber. – Am 21. De-
zember kommt es zu einer Demonstration auf dem Odeonsplatz, wo gegen bereits erfolgte Abschie-
bungen von Flüchtlingen nach Bosnien und in den Kosovo protestiert wird.
1 Süddeutsche Zeitung 34 vom 10./11. Februar 1996, 37.
2 Siehe „Liebe oder Neugier“ von Bernd Michl.