Flusslandschaft 1996

Kunst/Kultur

BILDENDE KÜNSTE

Vom 3. Dezember bis zum 5. Januar 1997 zeigt der Kunstpavillon im Alten Botanischen Garten „Die Ungemütlichen“, Bilder von Münchner Malern des gegenständlichen Realismus, die 1948 den Schutzverband Bildender Künstler gegründet haben.

FERNSEHEN

Schwabing an einem Nachmittag im Sommer: Ein Mann überquert die Herzogstraße. Gedanken-
verloren. Bremsen quitschen, eine Blechkarosse hält abrupt. Der Fahrer läßt die Scheibe herunter und schimpft erregt. Der nachdenkliche Fußgänger geht weiter, er hat gar nichts davon mitbekom-
men. Da bleibt eine Frau stehen und blafft den Automobilisten an: „Hoit Dei Goschn, Du Krisch-
perl, Du windigs, und schleich Di!“ Ja, eine Autohasserin ist diese Frau nicht, aber ziemlich oft schaut sie Privatfernsehen. Nicht irgendwelche zwanzig Jahre alten US-Krimis, sondern „10 vor 11“. „Prime Time“ auf RTL und „News & Stories“ bei Sat 1. Hier erzählt Alexander Kluge zwischen Werbeblöcken und abgestandenen Hollywood-Streifen Erstaunliches, Überraschendes, interviewt Menschen, von denen noch niemand etwas gehört hat, und dann zeigt er Bilder, die er solange retuschiert, bis deren Copyright verdunstet ist. RTL-Chef Helmut Thoma spricht von „elektroni-
scher Wegelagerei“ und Sat 1-Kollege Jürgen Doetz findet es „völlig inakzeptabel“, daß nach der Entscheidung der Ministerpräsidenten die Privaten Sendezeit auch an „unabhängige Dritte“ abzu-
geben haben. Ja, Alexander Kluge geht fast traumwandlerisch durch die Traumstadt und denkt darüber nach, wie er die Entdeckerin des blau-gelb getüftelten Schlammrüttlers nach den neuesten poststrukturalistischen Diskursen in der Welt der Quantenmechanik fragen kann. Thoma und Doetz sind ihm ziemlich wurscht.

LITERATUR

Am 8. Februar stirbt in Unterwössen im Chiemgau August Kühn, der nicht nur mit seinem Roman „Zeit zum Aufstehn“ dem Münchner Westend ein Denkmal gesetzt hat.1

Wolfgang Koeppen lebte in der Widenmayerstraße inmitten seiner Manuskripte, seiner Bibliothek, zwischen Zeitungen und Briefen. »Mit einer Mischung aus Sorglosigkeit und Passivität, durch ein Verhalten, das selbst mit Kategorien eines zynischen Merkantilismus nur schwer begreifbar ist, hatte der Suhrkamp Verlag seinen wohl letzten großen Dichter deutscher Sprache im Stich gelas-
sen, um zugleich die Vorbereitungen für dessen am 23. Juni anstehenden 90. Geburtstag zu begin-
nen … Schon mit dem notwendig gewordenen Umzug ins Pflegeheim vor knapp zwei Jahren, sah „sein Verleger“ Siegfried Unseld sich finanziell überfordert, schlug eine rasche Auflösung von Koeppens Wohnung vor. Um den Zusammenhalt des Nachlasses gegen solches Ansinnen zu si-
chern und um eine vorzeitige Veräußerung auch nur von Teilen der Koeppenschen Habseligkei-
ten zu verhindern, übernahmen schließlich nahe Vertraute die Miete seiner Wohnung. Im Sommer vergangenen Jahres gab dann der Suhrkamp Verlag zu verstehen, daß mit einer Einstellung seiner monatlichen Zuschüsse an Koeppen (die selbstredend in Form von Darlehen ausbezahlt wurden) zu rechnen sei. Der Dichter stirbt offenbar nicht schnell genug. Etwa zum selben Zeitpunkt, als bei Suhrkamp der Band „Wolfgang Koeppen: Einer der schreibt. Gespräche und Interviews aus mehr als vierzig Jahren“ erschien und den Beginn einer Reihe von Publikationen zu Koeppens bevor-
stehendem Geburtstag markierte, suchte man in München fieberhaft nach einem neuen Pflege-
heim. Eine Verlegung Koeppens wurde unausweiphlich; die durch Sozialhilfe bewilligten Sätze würden die Kosten des bisherigen, unter privater Trägerschaft stehenden Heimes nicht decken. Mitten im Winter fand dann die Verlegung statt. In einem Haus der Inneren Mission fand Wolf-
gang Koeppen seinen Ietzten Ort – der Literat und Skeptiker par excellence als Sozialfall in den Armen der Kirche. Das hätte ihm bis kurz zuvor noch ein Lächeln entlockt. Wenig später,«2 am 15. März 1996 stirbt Wolfgang Koeppen.

MUSIK

Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.): „Stefanie sagt / Dass es sie plagt / In Deutschland geboren zu sein / Stefanie sagt / Dass es sie plagt / In Deutschland geboren zu sein / Kommt ein Polyp / Stimmt sie ganz betrübt / Herr Wachtmeister, mein Totenschein! / In Germanias Hose / Lauert eine Rose / Pechschwarz und recht grob gewellt / Als Tätowierung / Und zur Verzierung / Des bombigsten Hinterns der Welt / In Germanias Hose / Lauert eine Rose / Pechschwarz und recht grob gewellt / Als Tätowierung / Und zur Verzierung / Des bombigsten Hinterns der Welt / Der deutsche Michel / Trägt seine Sichel / Wohlweislich unter dem Hemd / Lässt fallen erst Zöpfe / Dann rollen die Köpfe / Bonn, mach Dein Testament! / Stefanie mäkelt / Als sie sich räkelt / Unter dem Sternenzelt / Deutschland, Du bist doch / Acht Meilen hoch / Das schlechteste Land der Welt! …“3

Thomas Kunz und Gottfried Oy schreiben über die 1979/80 gegründete FSK: „… Sich auf diskurs-
theoretischem Terrain bewegend, versuchen FSK, Alltägliches zu dekonstruieren, aber auch Bruch-
stücke verschüttet gegangener künstlerischer und politischer Traditionen neu zusammenzusetzen. So steht für sie München für den Krautrock der Amon Düül I, die sie wie selbstverständlich in eine Linie mit der Kommune 1, der Roten Armee Fraktion und sich selbst setzen. Amon Düül I war eine Münchner Kommune der späten sechziger Jahre, die begann, in wilden LSD-getränkten Sessions von Karlheinz Stockhausens Experimentalmusik inspiriert, die Klangwelten der ersten Moog-Syn-
thesizer-Generation und archaische Percussioninstrumente zu kombinieren. Mit dem Song »Mama Düül und ihre Sauerkrautband spielen auf« von ihrem Album »Psychedelic Underground« wurden sie namensgebend für den psychedelisch-experimentellen Stil von Bands wie Embryo, Guru Guru, Tangerine Dream, The Can, Amon Düül II oder auch den frühen Kraftwerk … Maßgeblich war für diese Bands auch der Bezug auf den Freerock der Jefferson Airplaine, Greatful Dead oder auch der frühen Pink Floyd. – Zugleich ist für sie München auch die Stadt, in der Disco begann: Amanda Lear, Silver Convention, Boney M. …, Donna Summer und Munich Machine. »Roxy Munich« steht für das Versprechen des puren Hedonismus, den Angriff auf Geschlechtsidentitäten, dem Bloßstel-
len des vermeintlich »Authentischen« als vorgängig Konstruiertem. Während die Diether Dehms und Wolf Biermänner dieser Welt »das Volk« als linkes und nach Befreiung strebendes entdeckten und ihr ganzes musikalisches Tun auch noch als »linke Politik« oder auch »rote Brause« verkauf-
ten (im Dienst der »guten Sache« freilich, die sich für manchen MfS nannte), waren es Künstlerln-
nen wie Amanda Lear, die Identitäten gehörig ins Straucheln brachten, noch bevor Judith Butler den intellektuellen Soundtrack dazu schreiben konnte …“4

THEATER

Die Mieten steigen, die Subventionen gehen in den Keller: Ende Januar schließt das Theater rechts der Isar in der Wörthstraße 7 — 9 in Haidhausen, das im Januar 1980 als gesellschaftskritisches Privattheater mit Dario Fos „Zufälliger Tod eines Anarchisten“ begann.5

(zuletzt geändert am 12.10.2025)


1 Siehe „August Kühn“.

2 Armin Huttenlocher: „Das Schweigen war kein Verstummen. Der Dichter, der nicht schnell genug starb: Letzte Begegnungen mit Wolfgang Koeppen“ in: Süddeutsche Zeitung 142 vom 22./23. Juni 1996, III.

3 https://www.youtube.com/watch?v=OsujssjuMYw

4 links. Sozialistische Zeitung 314/315 vom Juli/August 1996, 55.

5 Vgl. „»… so ein bisschen in der Tradition von Dario Fo«. Interview mit Hartmut Baum“ in: Haidhauser Nachrichten 2 vom Februar 1996, 7 f.