Flusslandschaft 2010

Religion

„Nun endlich auch in klerikalen Kreisen: Sex & Drugs & Ministranten-Rock, Sadismus, Missbrauch und Gewalt: Da heißt es immer, die Kirche sei weltfremd und würde sich nicht dem Zeitgeist an-
passen!“1

2007 sind 6.682 Menschen in München aus ihrer Kirche ausgetreten, 2009 waren es 8.743. Im Frühjahr 2010 sind die Medien voll mit Berichten über Misshandlung und sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Einrichtungen.2

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Mauer am Alten Nordfriedhof in Schwabing im Frühjahr 2010

Das Kartell des Schweigens durchbricht im Januar der Rektor des „Canisius Kollegs“ in Berlin. In Bayern finden sich die meisten Mißbrauchsfälle, aber hier versucht man so lange wie möglich den schönen Schein zu wahren. Für einen hier geborenen und seit weit über einem halben Jahrhundert hier lebenden Mitmenschen waren diese Verhältnisse in bayrischen Klöstern und Internaten schon immer bekannt. Jeder wusste es, keiner sagte etwas. Und ausgerechnet in Berlin wird jetzt die Lawine ausgelöst. Ohne Berlin bliebe bei uns alles beim alten. Zwar versuchten in der Vergangen-
heit in Bayern immer wieder einzelne Mißbrauchsopfer auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen; sie wurden entweder mundtot gemacht oder als bedauernswerte Einzelfälle abgefertigt.4 Jetzt trauen sich sogar bayrische Internatszöglinge an die Öffentlichkeit, so dass das bis jetzt herrschen-
de Sprechverbot über die innerkirchlichen Zustände nicht mehr durchzuhalten ist. Im März treten in München 1.691 Menschen aus ihrer Kirche aus, im April sind es 1.477. In München, so vermutet der Verfasser dieser Zeilen, gibt es Anfang 2011 weniger als fünfzig Prozent Christen.

Drei Monate nach dem Canisius-Skandal bittet das Erzbistum München und Freising eine An-
waltskanzlei, im eigenen Archiv nachzuforschen, ob und wann seit 1945 Missbrauch durch Amts-
träger festzustellen ist. Freilich sind Missbrauchsfälle oft gar nicht aktenkundig geworden. Trotz-
dem ermitteln die Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte „365 auffällige Personen, darunter 15 Diakone, 96 Religionslehrer und 159 Priester, 43 von ihnen glasklar einer Sexualstraftat schuldig … Das 350 Seiten starke Original“ des Abschlussberichts „gibt es nur in zwei Ausfertigungen. Ein Exemplar liegt im Safe der … Anwaltskanzlei, das andere kaum zwei Kilometer entfernt im Erzbi-
schöflichen Ordinariat.“5

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Der 13. Mai auf dem Gärtnerplatz

Vom 12. bis 16. Mai findet der 2. Ökumenische Kirchentag in München unter dem Motto „Damit ihr Hoffnung habt“ statt. Die öffentliche Hand gibt 10,2 Millionen Euro aus, um ein gutes Drittel bis zur Hälfte der PR-Veranstaltung zu finanzieren. Agnostikerinnen und Agnostiker meinen, Religion ist Privatsache und Kirchentage sind keine Staatsangelegenheit. Vom Donnerstag, 13. Mai bis Sonntag, 16. Mai organisiert der Bund für Geistesfreiheit (bfg)7 mit weiteren Organisationen die „Religionsfreie Zone“. – „Owei! Ganz München ist von christlichen Gottessuchern, Kreuzträ-
gern und Kirchensteuerzahlern besetzt … Ganz München? Nein! Fröhliche Freigeister und unbeug-
same Andersdenkende hören nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Und die Schar der Anders-, Un- oder Nichtgläubigen wächst täglich. Irritiert von kirchlichen Gewaltskandalen, bischöflicher Nebelwerferei und krasser Weltfremdheit kehren immer mehr Menschen den Kir-
chen den Rücken. Mehr als ein Drittel der Bundesbürger ist bereits konfessionslos – Tendenz steigend. Die Forderung zur Trennung von Kirche und Staat gewinnt in der Öffentlichkeit zuneh-
mend an Aktualität. Daher möchten wir eine Möglichkeit bieten zu demonstrieren, dass ein fröhli-
ches Leben und Denken unabhängig von Religion und Kirche möglich ist …“ Am 13. Mai findet die FrOHE PrOzESsiON statt. Startpunkt um 13 Uhr am Geschwister-Scholl-Platz. „Prozessionsweg über Altstadtring zum Gärtnerplatz. Dieses Christihimmelfahrtskommando ist die bunte, fröhliche, freigeistige Alternative zu klerikalem Muff und weihrauchvernebelter Doppelmoral. Kommt in Masken und Kostümen, mit Musik und Ideen, um mit frischem Wind die verknöcherten Struktu-
ren der Amtskirchen zum Wanken zu bringen. 2.000 Jahre Verdummung und Bevormundung sind genug! … Ca. 16 Uhr Hochamt mit froher Verkündung am Gärtnerplatz zum Abschluß der FrOHEn PrOzESsiON …“8

Reinhard Marx, der Erzbischof von München und Freising, wird vom Papst am 20. Oktober zum Kardinal ernannt. Sein Gehalt zahlt weiter wie bisher der bayerische Steuerzahler. Ein Gehalt der Besoldungsstufe B 10 (12.394,64 Euro durchschnittliches Monatsgehalt für 2014 laut oeffentlicher-dienst.info) vom Staat plus alle möglichen Zulagen wie mietfreie Dienstwohnung in bester Lage und ohne Abzüge von Rentenversicherungs- und Arbeitslosenversicherungsbeiträgen.

Für den 30. Oktober planen Euro Pro Life, Helfer für Gottes kostbare Kinder e.V. und weitere Gruppen einen erneuten „1.000-Kreuze-Marsch“. Angeblich werden in Deutschland an einem Werktag tausend Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Dagegen protestiert am gleichen
Tag das Bündnis Pro Choice München.9

2010 treten in München 8.648 Menschen aus der katholischen Kirche aus, 3.479 aus der evangelischen.

„Ich bin lieber Bedenkenträger als Würdenträger, zumal ich vieles an Ihnen, Hochwürden, für höchst bedenklich halte.“10

(zuletzt geändert am 31.3.2019)


1 Manfred Ach, Scherbenhaufen. Spitzfindiges vom Mönch, München und Wien 2010, 5406.

2 Siehe dazu auch die Zeichnung von Steve Geshwister unter www.linophil.de/enzyklika/

3 Foto © Volker Derlath

4 Siehe „Kinder“ 1984.

5 Evelyn Finger/Sebastian Kempkens/Daniel Müller: „Schuld und Sühne“ In: Die Zeit 9 vom 21. Februar 2019, 48.

6 Foto: Franz Gans

7 Siehe „Mund auf statt mundtot!“ von Bernd Oswald.

8 www.frohe-prozession.de

9 Siehe www.asabm.blogsport.de/special. Siehe „Haltbarkeitsdatum 11/2013“ von Felicitas Hübner und die Bilder von den Protesten „gegen den 1.000-kreuze-marsch“ von Andrea Naica-Loebell.

10 Manfred Ach, a.a.O., 5471.

Überraschung

Jahr: 2010
Bereich: Religion

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