Materialien 1957
Das rote Dichter-Telegramm
Die Chronik der bayerischen Landeshauptstadt ist um ein Kuriosum reicher geworden: Der Münchner Stadtrat hat sich von einem seiner Literaturpreisträger – kaum vier Monate nach der Ehrung – öffentlich distanziert. Zwar nicht von dessen künstlerischer Leistung, wohl aber von dessen politischer Haltung.
Das enfant terrible heißt: Lion Feuchtwanger, 1884 in München geboren, 1933 nach Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit emigriert, seit 1940 in den Vereinigten Staaten lebend.
„Es ist mir eine Herzensfreude, dass mir meine Heimatstadt nach so vielem Auf und. Ab den Lite-
raturpreis zuerkannte; dass die Wahl auf mich fiel, scheint mir ein Zeichen wachsender innerer Befriedung.“ So telegraphierte Feuchtwanger nach der Preisverteilung aus Santa Monica in Kalifor-
nien.
Das nächste Telegramm von Feuchtwanger, das im Münchner Rathaus eintraf, klang dann ganz anders: „Verständigung mit Sowjetunion der einzige Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands. Habe Glückwunsch gesandt. Gruß Lion Feuchtwanger.“ Er bestätigte damit eine Anfrage des Münchner SPD-Kulturreferenten, der einen Dringlichkeitsantrag der CSU-Stadtratsfraktion auf seinem Schreibtisch liegen hatte: Der Stadtrat solle sich von den Glückwünschen, die Feuchtwan-
ger den bolschewistischen Machthabern zur 40. Wiederkehr ihrer revolutionären Machtergreifung übermittelt hat, distanzieren.
Die Tatsache, dass München damals selbstverständlich nicht den Politiker, sondern den Schrift-
steller Feuchtwanger geehrt hat, nun auch noch aktenkundig zu machen – das wäre weiter keines großen Aufhebens wert gewesen. Jedoch, des Dichters rote Grüße versetzten den Stadtrat in hellen Aufruhr. Und manchen unvoreingenommenen Beobachtern schien es, als wäre einer Reihe von Stadtvätern Feuchtwangers Glückwunschtelegramm an den Kreml gar nicht ungelegen gekommen. Denn als man ihm im Juli dieses Jahres den Literaturpreis verlieh, erregte die Entscheidung der Jury bereits viel Aufsehen und manchen Protest. Gewiss, Feuchtwanger ist unter den lebenden Autoren der einzige in München geborene, dessen Namen die Welt kennt. Aber unter seinen Ro-
manen findet sich einer mit dem Titel „Erfolg“, in dem er bitterböse mit seiner Heimatstadt um-
springt. Das Buch, 1933 erstmals und jetzt (im Rowohlt-Verlag) neu erschienen, schildert die po-
litischen und gesellschaftlichen Zustände in der bayerischen Hauptstadt nach dem ersten Welt-
krieg. Spießbürgertum, einseitig orientierte Justiz, Korruption, der Beginn der nationalsozialis-tischen „Bewegung“ und der bayerische „Nationalcharakter“ sind die Zielscheiben dieser überaus harten Satire.
In dem Gremium, das über die Preisverteilung zu entscheiden hatte, gab es zähe Auseinanderset-
zungen; der BHE hatte sogar einen „Gegenkandidaten“ nominiert. Dass sich dennoch eine – wiewohl knappe – Mehrheit des Stadtrats für Feuchtwanger entschied, wurde von den Münchner Zeitungen damals übereinstimmend als eine längst fällige, aber auch mutige Geste begrüßt. Na-
türlich war klar, dass mit der Ehrung des heute 73jährigen, der Zeit seines Lebens nach links marschiert ist, aber mit der praktischen Politik nie etwas anzufangen wusste, auch ein politisches Risiko verbunden war.
In der vergangenen Woche kam es im Stadtparlament zu einer recht bewegten Debatte. Kulturrefe-
rent Dr. Herbert Hohenemser verteidigte Feuchtwanger: Aus der Kulturgeschichte seien uns viele Künstler bekannt, die sich gegen ihre Zeit und gegen ihre Gesellschaft sehr provozierend geäußert hätten. Nur mittelmäßige Talente tanzten niemals aus der Reihe. Hohenemser entschuldigte Feuchtwanger auch mit dem Hinweis, dass er „weitab an der pazifischen Westküste der Vereinig-
ten Staaten“ nur mehr Zuschauer sein könnte, während wir das politische Geschehen in Europa am eigenen Leib miterlebten. „Viele von uns mögen es als töricht empfinden, wenn einer heute be-
hauptet, die Verständigung mit der Sowjetunion sei der einzige Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands; doch gibt es auch hier in Europa nicht wenige namhafte Menschen der Kultur und auch der hohen Politik, die der gleichen Ansicht wie Lion Feuchtwanger sind.“ Im übrigen sei es unheilvoll, wenn man sich behördliche Eingriffe in die private Sphäre der politischen Meinungs-
bildung erlaube.
Weil Feuchtwangers Moskau-Glückwunsch angeblich – der wirkliche Tatbestand konnte nicht ge-
klärt werden – mit dem Zusatz Literaturpreisträger der Stadt München versehen war, bestanden die Fraktionssprecher der CSU, der Bayernpartei und des BHE darauf, dass die Stadt München betonen müsse: Wir sind an dem Glückwunsch nicht beteiligt. Der parteifreie Stadtrat Dr.Dr.Dr. Keller bot einen salomonischen Ausweg an: „Wir haben mit der Verleihung der Kulturpreise doch keine Garantie für künftiges Wohlverhalten der Preisträger übernommen … Ich beantrage, der Stadtrat wolle über die Angelegenheit ohne Abstimmung hinweggehen.“ Dieser Antrag wurde mit 25 gegen 24 Stimmen abgelehnt …
Die Zeit 46 vom 14. November 1957.