Materialien 1976

Franz Joseph hat geholfen - Franz Joseph hilf uns fürderhin

Als ich neulich wieder im Atzinger war und mich wie jeden Abend an der herumliegenden CSU-Werbeschrift berauschte, fiel mir eine wunderschöne Votivtafel ins Auge. Sie zeigt den Vorsitzenden der weiß-blauen Recken, der ja schon in den unterschiedlichsten Verkleidungen auftrat – mal als Ananaspflanzer in Alaska, mal als Chinese, – endlich als den, der er wohl ist: als etwas füllig geratenen Heiligen. Beim nächsten Weißbier sinnierte ich alsdann, welche Konsequenzen sein neues Image zeitigen könnte …

Plötzlich wurde mir schwindlig und ich schloss die Augen. Als ich sie öffnete, fand ich mich vor einem beeindruckenden Gebäude, das etwas Tempelartiges hatte. Die Säulen erinnerten allerdings in Form und Farbe an riesige Semmelknödeltürme und das Dach hatte der Architekt anscheinend von einer Almhütte abgekupfert. Ein Spruchband verkündete in altdeutschen Lettern, dies sei „Der Tempel des Heiligen der letzten Tage. Franz Joseph“.

Neugierig betrat ich den Innenraum. Dort belehrte mich ein Tempeldiener mit röhrenden Hirschen auf der Brust, ich müsse meine Personalien angeben, da der Zutritt in den Altarraum nur wahren Gläubigen gestattet sei. Ich durfte passieren, weil mich der Computer des BND noch nicht kannte. Strahlendes Licht und ein himmlisch-bayerischer Schuhplattler empfingen mich. Der erste Eindruck: üppig ausgestattet, entsprechend der barocken Persönlichkeit des Verehrten.

Alle Wände waren mit Bildern behängt. Es waren ausnahmslos naive Pinseleien, aber Leut mit derartigem Verständnis waren ihm halt immer die liebsten. Gemälde seiner Stationen gruppierten sich zu einer Art Kreuzweg. Das erste zeigte ihn mit ausgebreiteten Armen vor einer Kompanie Soldaten stehen und drunter stand: Ihr Kinderlein kommet! – Das muss 1956 gewesen sein, als er Verteidigungsminister wurde. – Auf dem nächsten hielt er schützend seine Hände über einen Starfighter, der gerade über einem FIBAG-Haus abstürzte. Dann ging’s chaotisch zu: Auf der rechten Bildseite sank das SPIEGEL-Hochhaus in sich zusammen und vor ihm brannte ein Berg des Nachrichtenmagazins, gleich daneben führten sie den Augstein – der Künstler hat ihn in seiner Einfalt sehr gut getroffen – zum Scheiterhaufen. Ein seltenes Beispiel einer gelungenen Allegorie.

Es gab noch etliche Tafeln, die ihn bei seinen Aktionen zur Zeit der großen Koalition darstellten, eins mit dem Karl Geldner in der Backstube und – grandios – wie er als rächender Engel APO-Mitglieder (als Tiere dargestellt) aus dem deutschen Paradies vertreibt.

Schließlich gelangte ich zu dem eigentlichen Altar, vor dem sich die sonderbarsten Opfergaben stapelten: Weißwürste und Leberkäs, marxistische Literatur, Kraut und Rüben, Schnupftabak und Maßkrüge, Krachlederne und Lodenmäntel.

Auf dem Tisch thronte er selbst. Der Bildhauer hätte sich aber wirklich mehr Mühe mit meinem Schpezi geben können. Die Statue zeigte ihn – einem schlitzäugigen Buddha ähnlich – nur mit Lederhose bekleidet ziemlich behäbig und unheilsschwanger lächelnd sitzen. Einen Heiligen stell’ ich mir eigentlich weißgewandet, mit Heiligenschein und Flügeln vor.

Die trockene Luft hatte mich doch durstig gemacht und ich wollte eben dies erschütternde Denkmal menschlicher Gläubigkeit verlassen, als mich der Schwindel erneut erfasste – ich saß wieder im Atzinger. Verwirrt rieb ich mir die Augen und dachte mir, dass das Weißbier wohl sehr obergärig gewesen sein musste.

Wolfgang


Blatt. Stadtzeitung für München 77 vom 9. September 1976, 11.

Überraschung

Jahr: 1976
Bereich: CSU

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