Materialien 1980

„Franz Josef, gib uns Hoffnung und Aussicht und Chance und Zukunft“

Die Antworten der CSU für morgen auf die Fragen von heute

I.

Hunderte noch drängen sich vor dem Tor des großen Bräukellers, recken die Einladungskarten in die Höhe, in rhythmischen Wogen flutet die Menge vor und zurück, doch der Wall der Leiber, gemietet von der Wach- und Schließgesellschaft, hält stand. Drinnen im schon überfüllten Saal das vertraute Bild zur Münchner Starkbierzeit: Auf dem Podium die Blaskapelle aus Niederbayern, unten im Saal entschlossene Zecher, in langen, Gemeinschaft vermittelnden Reihen vor schweren Maßkrügen. Aber heute geht es um mehr, das Interesse der über Dreitausend konzentriert sich auf die Tische direkt vor der Bühne: Dort, umlagert von Kameraleuten, Beleuchtern, Journalisten, der Kandidat! Wieder hebt er mit kräftiger Hand den Krug – Kamera ab – die Bläser donnern einen Marsch in den Saal, im Takt marschiert der Kandidat auf die Bühne. Am Rednerpult breitet er weit die Arme aus, dann hebt er sie in die Höhe, als wollte er die Menge segnen. Alle im Saal sind aufgesprungen und jubeln zu ihm hinauf: Dank, dass er heute in ihrer Mitte weilt, wie der erste Redner gesagt hat; Dank überhaupt für das große persönliche Opfer, das ein Mensch wie er jeden Tag bringt, wie der zweite Redner sagt. Jetzt hält es die Menge nicht länger, Begeisterung wird eingeschliffen in den Doppelschrei: „Helmut – Hel – mut – Hel – mut. . .“. Wir befinden uns bei der ersten Arbeitnehmer-Wählerinitiative für Helmut Schmidt, München, Löwenbräu-Keller, 13. März 1980.

Politik als Zuschauer-Sport: Der politische Führer hat zu seiner Klientel ein Verhältnis wie der Star zu seinem Publikum, die politische Auseinandersetzung wird im Aufeinandertreffen der Stars in der „politischen Arena“ entschieden. So wird der Wahlkampf zum Duell der Spitzenathleten. Und der Wahlzettel zum Totoschein.

Der Starkult der CSU ist auch von dieser Welt, weist aber spezifische religiöse Züge auf. Als die CSU 1975 im Hof der Residenz der bayerischen Könige den 60. Geburtstag ihres Vorsitzenden Strauß feierte, verkündete sein Stellvertreter Heubl: „Wir feiern die Stärke deiner Persönlichkeit, ihre Unwiederholbarkeit, Einmaligkeit, Besonderheit, einen Mann, auf den die Politiker der Welt schauen, wenn sie auf die CSU schauen; denn alles wird bestimmt von dir .“ Heubl folgte mit dieser Lobpreisung Ministerpräsident Goppel, der zum selben Anlass, an Strauß gewandt, betete: „Sag uns auch weiterhin, wie es geht, damit wir es tun, jetzt und für alle Zeit.“ Heubl blieb also ganz in der Rolle, als er auf dem ersten Parteitag nach der Nominierung von Strauß zum Kanzlerkandidaten der CDU/CSU diesem das Wort erteilte: „Franz Josef … Du hast das Wort … Gib uns Hoffnung und Aussicht und Chance und Zukunft!“

II.

Und Franz Josef gab. Dem Bild entsprechend, das er von sich machen lässt, gleich in ganz großer Dimension: mit einem eigenen Kongress unter dem Motto „Wir meistem die Zukunft. Fragen von heute, Antworten für morgen“.

So weit christliche Politik über Wissenschaft gebietet, waren akademische Leuchten gebeten worden, aus Innsbruck, aus Hohenheim, aus Regensburg auch. Eventuelle Lücken in den Reihen der Wissenschaft konnten schon deshalb nicht ins Gewicht fallen, da der Vorsitzende selbst im umfangreichen Hauptreferat die wesentlichen Antworten für morgen gab. Mehr noch, das Fehlen wissenschaftlicher Kapazitäten war in den Augen der CSU das große Plus dieses Zukunftskongresses. Denn Strauß hält nichts von wissenschaftlicher Intelligenz. Schon in der Rede auf Heubls Bitte um Zukunft hatte der CSU-Vorsitzende unter Hinweis auf Gottfried Benn die Furcht geäußert, das Abendland könne am hündischen Kriechen der Intelligenz vor den politischen Begriffen zugrunde gehen; „Theoriegläubigkeit“ tendiere zu „Ideologieverfallenheit“ mit dem Endstadium der „totalitären ideologischen Besessenheit“.

Auch auf dem Zukunftskongress lässt Strauß seinem Ekel vor der Wissenschaft, die sogar „Institutionen wie Familie, Staat, Betrieb als zu ,hinterfragen’ hinstellt“, freien Lauf. Wer solches tut, ist für Strauß entweder „verzückter visionärer Utopist“ oder „zutiefst verzweifelnder, zivilisationsmüder Kulturpessimist“, möglicherweise auch „mutloser Planwirtschaftler“ oder „reaktionärer marxistischer Ideologe“, allesamt vertieft in einen „ideologischen Zerrspiegel“ und damit beschäftigt, der Gesellschaft, vor allem der Jugend, die „Maßstäbe zu nehmen“.

Wenn Wissenschaft dazu untauglich ist, woher nimmt dann die CSU die Maßstäbe für ein Handeln in die Zukunft?

Fundamentale Glaubenssätze werden in gelinden Variationen ständig wiederholt. Straußsche Reden – wir werden das noch genauer sehen – haben die Dramaturgie der Gebetsmühle. Warum die CSU in der politischen Analyse und Zukunftsforschung wie im politischen Handeln für die Zukunft wegweisend ist, führt Strauß in jeder programmatischen Rede in kurzen Intervallen auf folgende Faktoren zurück: Weil die CSU sich „auf der Grundlage der christlichen Wertvorstellungen und des christlichen Menschenbildes weiß“; weil die CSU nicht nur weiß, „dass wir stets im Strom der Geschichte stehen“, sondern sich sogar „zur Geschichtlichkeit unseres Daseins bekennt“. Die Gemeinschaft, deren Sitten und Bräuche vom Strom der Geschichte angeliefert werden, muss am christlichen Menschenbild orientiert sein, weil dies „der Natur des Menschen entspricht“.

Politik nicht rational zu entwickeln, sondern aus Brauchtum und Setzung vorgeblich christlicher Werte zu schöpfen, ist das Verfahren der CSU seit ihrer Gründung. In einem namentlich nicht gezeichneten Dokument der amerikanischen Militärregierung vom 2. April 1946 findet sich die Einschätzung der Union als „die typische bayerische Reagenz, indem sie den ,intellektuellen Parolen’ wie Marxismus, Planwirtschaft, Anti-Militarismus und Internationalismus Gefühlswerte entgegenstellt, nämlich Heimatliebe (Wahrung der bayerischen Belange und spezifisch bayerischer Lebensform), christliche Lebenshaltung (moralisches Weltbild als Ausgangspunkt aller politischen Bewertungen und Reaktionen) …“ (zitiert nach H. Riehl-Heyse, Die CSU, München 1979, 29).

Mit den Maßstäben der christlichen Wertvorstellungen und des Stroms der Geschichte kommt Strauß zu seinen Absichtserklärungen für die Zukunft, „dem einzelnen weiterhin ein selbstverantwortliches Leben in Freiheit und Würde zu ermöglichen; unserem Volk wirtschaftliche und finanzielle Stabilität, inneren Frieden und äußere Freiheit zu sichern“. Wahrscheinlich gibt es selbst unter „verzückten Utopisten und mutlosen Planwirtschaftlern“ nicht einen, der gegen Freiheit und Würde, Stabilität und Frieden als Leitsätze aufbegehren würde, auch wenn es hier schon manchem, der es nicht lassen kann, Begriffe zu „hinterfragen“, auffallen mag, dass der Frieden nach innen gesichert werden soll, die Freiheit hingegen nach außen, was man – mit Recht, wie sich zeigen wird – so übersetzen kann, dass die Machtverhältnisse in der Gesellschaft der Bundesrepublik nicht angetastet werden dürfen, die internationale Machtposition der Bundesrepublik hingegen auf Kosten anderer Staaten ausgebaut werden soll.

Die „Zukunft in Freiheit“, wie Strauß sie meint, sieht er von sieben Herausforderungen bedroht, einer „sicherheitspolitischen“, einer „energie- und rohstoffpolitischen“, einer „weltwirtschaftlichen“ und vier weiteren, die aus den Mängeln der bundesdeutschen Gesellschaft rühren. Aufschlussreich, dass Strauß, der sonst über jeden Stammtisch zwischen Sonthofen und Passau den Glanz der Weltpolitik ausgießt, ausgerechnet auf dem Zukunftskongress die Fragen der internationalen Strategie von Unterlingen wie Wörner und Todenhöfer abhandeln lässt. Die Stimmen ihres Herrn melden – O-Ton Wörner: Eine regelrechte „Inflation des Begriffes Frieden“ sei zu registrieren; es traue sich bald keiner mehr, von Abschreckung, Verteidigung und militärischer Stärke zu sprechen; Westeuropa müsse in sich eine „regionale Balance“ zu den sozialistischen Ländern herstellen; dazu sei unbedingt nötig die Modernisierung des „kontinentalen Nuklearpotentials“, eine Stabilisierung der Situation an den Flanken sowie eine geographische und inhaltliche Ausweitung der NATO, vor allem unter dem Aspekt der Rohstoffversorgung. Originalton Todenhöfer: Entwicklungshilfe muss zur „Wahrung unseres politischen Spielraums“ dienen, nur „unsere Freunde“ dürfen unterstützt werden. Da haben wir, durchaus vor „Afghanistan“, das vollgepackte Arsenal der Kalten Krieger vor uns. Atomare Aufrüstung der NATO in Westeuropa, die NATO als Interventionsmacht zur „Sicherung“ der Rohstoffbasen in aller Welt, die „Stützung“ auch der reaktionärsten Regimes, wenn sie denn nur in die außenpolitische Konzeption dieser aggressiven BRD-Politik hineinpassen. Die Verächtlichmachung des „Begriffes Frieden“ und die Lobpreisung von „Abschreckung und militärischer Stärke“. Zu sagen, hier wird für eine Politik geworben, die den atomaren Weltkrieg als Möglichkeit einkalkuliert, wäre fast die Untertreibung des Jahres.

Strauß, der Weltpolitiker, den sonst der Krisengürtel von Afghanistan bis Südafrika nicht ruhig schlafen lässt, kümmert sich indes vorwiegend um die Zukunft in der Bundesrepublik selbst. Denn wie vermag man – und was nützt es dann noch -, den Sozialismus und die ganze Dritte Welt samt Rohstoffen und Arbeitskräften militärisch im Griff zu haben, wenn zu Hause „die systematische kulturrevolutionäre Umwertung aller Traditionen, Kulturwerte und moralischer Normen“ vor sich geht?

Deshalb wirft sich Strauß der „kulturrevolutionären Umwälzung in unserem Lande“ entgegen, indem er noch einmal die „unersetzlichen ideellen und menschlichen Grundwerte der Sozialen Marktwirtschaft“ von allen Verfälschungen und Verunreinigungen säubert. Heraus kommt dabei ein Freiheitsbegriff, der schon im CSU-Programm definiert ist als „Freiheit, etwas zu beginnen, zu leisten und aufzubauen, Eigentum zu erwerben, zu besitzen und zu veräußern.“ Je absoluter diese Unternehmerfreiheit, desto „sozialer“ Wirtschaft und Gesellschaft, weil nur dann die Besten nach oben kommen und dort bleiben. „Schon der Liebe Gott“, hatte Strauß vor Jahren bereits verraten, „hat leider Ungleichheiten geschaffen, Gescheite und weniger Gescheite, Fleißige und weniger Fleißige auf die Welt kommen lassen.“ Worin liegt dann der Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft? Etwa im Sozialen? Ganz daneben, „das Soziale ist kein Grundrecht sondern eine UNO-Phrase“ (Strauß auf dem CSU-Parteitag 1977). Sondern: „Der Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft liegt in der unbarmherzigen Trennung von Weizen und Spreu, liegt darin, dass eben dort durch diese Leistungsauslese überhaupt erst die Chance einer Anhebung der Lebensverhältnisse der breiten Massen liegt. Diese Chance liegt nicht in der Nivellierung von oben nach unten, sondern die liegt in der kreativen Wirkung von Spitzenleistungen und ihren anhebenden Folgen für die breiten Massen von unten nach oben.“

Deshalb warnt Strauß nicht nur den Staat vor eventuellen Eingriffen in die Entscheidungshoheit der Unternehmer, sondern auch die Gewerkschaften. Das „Gerede von richtiger Mitbestimmung“ ist ihm Zeichen einer „geistigen Epidemie“, paritätische Mitbestimmung noch Schlimmeres: „ein Stück Sozialismus“. Nicht im Sud eines Bierkellers, sondern in einem Grundsatz-Aufsatz („Das Grundgesetz aus der Sicht des Politikers“, Politische Studien, 2/1979) ist Strauß dem weitverbreiteten Vorurteil entgegengetreten, dass Gesellschaft demokratisch organisiert werden könne und müsse. Nur im Bereich des Staates könne es Demokratie geben – „ein Bürger, eine Stimme“ – aber im Bereich der Gesellschaft „müssen Kompetenz und Autorität die natürliche Reihenfolge bestimmen … Eine Demokratie aber, die ihre Spielregeln bis in die Familien, bis in die Schulen, bis in die Betriebe hinein durchsetzt, politisiert zwangsmäßig unser gesamtes Leben, zerstört die Leistungsfähigkeit“ (a.a.O., 32 f.). Strauß muss deshalb für die Zukunft feststellen, dass die Freiheit der Tarifpartner sich nicht mit der Haltung von Gewerkschaftsfunktionären verträgt, „die noch immer den Einsatz für den Arbeitnehmer mit dem Kampf gegen die Marktwirtschaft verwechseln“. Die also im Tarifkampf noch immer hinter der „UNO-Phrase“ vom Sozialen herlaufen anstatt die natürliche Kompetenz und Autorität der Unternehmer anzuerkennen.

Die Welt von morgen, seufzt der Zukunftsforscher Strauß, ist „keine mondbeglänzte Zauberwiese, auf der Wolf und Schaf friedlich nebeneinander weiden und sich dann gemeinsam in das Futter teilen“. Nach dieser schönen Beschreibung des tarifpolitischen Rahmens schlägt Strauß die Rollenvergabe für das Schaf vor: „Ich wäre gar nicht traurig darüber, wenn die freie Presse sich in den Dienst einer Kürzung der Einkommen, einer Kürzung der Löhne und Gehälter, Kürzung der Renten, Kürzung der Sozialleistungen stellen würde“ (Interview mit den Nürnberger Nachrichten, 29. September 1978). Wer hingegen an der gewerkschaftlichen Position des Kampfs für die Klasseninteressen der arbeitenden Menschen festhält, der bekommt die ganze Strenge der bayerischen Staatsmacht zu spüren. So erhielt die Lehrerin Inge Bierlein von Kultusminister Maier, einem weiteren Hauptredner zum Thema „Christliche Grundwerte“ auf dem CSU-Zukunftskongress, den ablehnenden Bescheid: „Gesetzestreue und Unparteilichkeit können von einem Beamten, der sich im Klassenkampf wähnt, nicht erwartet werden.“ Was kann von Strauß und seiner CSU/CDU erwartet werden? Sicher nicht das, was der Kanzlerkandidat neuerdings – allen Fakten zum Trotz – so gern spielt: das Weltkind in der Mitten. Im Fernsehgespräch mit Golo Mann fiel ihm zu sich selbst ein: „Ich bin doch gleichzeitig a Linker und a Rechter“. „Ich galt in meiner Partei immer als Anhänger der liberalen Linken“. „Ich bin a moderner Konservativer“. „Ich bin a europäisch geläuterter Nationaler.“ Und dazu noch steht dieser Tausendsassa „auf dem geistig-moralischen Fundament der griechischen Kultur, der hellenistisch-römischen Zivilisation, der christlichen Religiosität aller christlichen Konfessionen“ ebenso wie „auf dem Boden der schöpferischen Leistungen der europäischen Völker, der Romanen, der Germanen und der Slawen“. Nur auf dem Boden der Dialektik steht er nicht, denn „die Dialektik geht immer krumme Wege“. Dies treibt auch einen linken Kritiker wie Johannes Wendt in die Resignation: „In den Wortfluten seiner Versuche, Grundwerte seiner Partei zu umschreiben, ertrinken die Begriffe.“ Und schon hat Der Spiegel die Formel zu Hand: „Franz Josef Strauß hat auch keine politischen Prinzipien.“ Da wird er aber lachen. Weil das seine Arbeit leichter macht im Kampf „zwischen Freiheit und Kollektivismus“, von dem er sagt: „Freiheit oder Kollektiv stellt sich als Kernfrage heraus. Und diese Frage heißt: Wer soll im Besitz der Produktionsmittel sein. Darin konzentriert sich alles!“ (CSU-Parteitag 28. September 1979).

Der Herr hat Prinzipien. Mit dem Sozialismus, der ihm zu stark geworden ist, will er in Zukunft von der Position der militärischen Stärke umspringen, einschließlich der Drohung mit dem atomaren Krieg. Mit den Ländern der Dritten Welt wird per Eingreiftruppe verkehrt – es sei denn, die halten sich auch so an die Kommandos. In der Bundesrepublik wird der Unternehmer wieder zum unumschränkten gesellschaftlichen Leitbild, die sozialen und demokratischen Auswüchse werden gekappt. Diese politischen Prinzipien verkündet Strauß selbst laut und unmissverständlich und er tut alles, um seine Glaubwürdigkeit zu beweisen. Es fragt sich, warum Millionen Arbeiter und Angestellte, Freiberufler, kleine und mittlere Selbständige diesen Mann und diese Partei wählen.

III.

Erinnern wir uns an die Einschätzung des US-Agenten aus dem Jahre 1946. Die CSU stellt den „intellektuellen Parolen“ von Sozialdemokraten und Kommunisten „Gefühlswerte“ wie Heimatliebe und christliche Lebenshaltung entgegen. Hier liegt die Quelle des propagandistischen Erfolgs der CSU und der Missverständnisse ihrer Interpreten. Intellektuelle Kritiker bemängeln bei Strauß und anderen CSU-Rednern, dass „Gedanken nicht aufgereiht, Thesen nicht hergeleitet, Deutungen nicht von Fakten getrennt, Vorgänge nicht zergliedert, Urteile nicht begründet“ werden (Wendt). Konkret-Herausgeber Gremliza fällt folgendes Urteil über die Stoiberschen Imitationen der Konzepte des Meisters: „Stoiber ist doof!“ Weil keine analytisch-argumentative Entwicklung eines Konzeptes vorliegt, können diese Kritiker gar kein Konzept erkennen. Dabei liegt es auf der Hand, dass eine politische Ideologie, die sich auf nicht-hinterfragbare Werte und Institutionen, auf ein vorgegebenes, „natürliches“ Menschenbild beruft, die also auf Gefühlswerten basiert, in ihrer Propaganda eben nicht auf Analyse und Argument zielt, sondern ganz folgerichtig auf das Anrufen von Ressentiments und das Hervorrufen von Emotionen aus ist. Dementsprechend folgen die Reden der Strauß & Co den Gesetzen der Suggestion, dem systematischen Hervorrufen von Abscheu und Zustimmung auf der Gefühlsebene – aber dennoch mit einer klaren Zielrichtung.

Bei seiner Richtungsweisung für die Zukunft zog Strauß die üblichen Register seiner großen Gefühlsorgel. Zunächst machte er jedermann klar, dass „unser Vaterland“ zum Allerbesten gehört. Der Aufschwung der BRD ist „beispiellos“’, in der Weltwirtschaft haben wir eine „Spitzenposition“. Das tut gut, nach so viel Krise, die einen fast um Umsätze und Arbeitsplätze fürchten, manchen auch an der überlegenen Qualität des gesellschaftlichen Systems ein wenig zweifeln lässt. Und man spürt auch, wohin die anderen gehören: nämlich tiefer.

Dann greift Strauß dem machtlosen Bürger unter die Arme, geißelt „wachsende Bevormundung, steigende Bürokratisierung, technokratische Verplanung“ aller Lebensbereiche; der Bürger in seiner Ohnmacht fühlt sich verstanden, gut aufgehoben bei dem da oben, der kräftig genug ist, dem Technokraten-Polypen die zahllosen Arme abzuhacken.

Und schon geht es weiter: logische Folge der „Staatsomnipotenz“ ist die „wohlfahrtsstaatliche Lebenslüge“, mit der „aufgeräumt werden muss“, Schluss also mit der „Pflege der Subventionsmentalität“, Schluss mit dem sozialen Netz „als Hängematte“, in die sich jeder, der nicht mehr arbeiten will, hineinplumpsen lässt (so im Arbeitskreis, der sich speziell mit dem „sozialen Netz“ befasste). Und mancher, der hart arbeitet und immer mehr Abzüge hat und jetzt auch noch unsicher sein muss, ob seine Rente überhaupt finanziert werden kann, der nickt und sagt sich, diese Faulenzer und Krankfeierer schieben eine ruhige Kugel auf meine Kosten.

Strauß ist derweil schon bei „der unter der Jugend verbreiteten Zukunftsangst“, die sich abkehrt vom System, den Generationenvertrag aufkündigt – dann gute Nacht Rente und Altersversorgung.

Im Wechselbad von Sorge und Gelächter, von Betroffenheit und Erleichterung vergisst Strauß nicht, die positiv empfundenen Gefühle mit sich und der CSU, die negativen mit dem politischen Gegner zu identifizieren. Deutschlands Stellung in der Welt ganz vorne haben „wir“ durchgesetzt, Bürokratisierung und Technokratisierung indes hängen zusammen mit den „zunehmenden kollektivistischen Zwängen“. Dass die Sozialausgaben viel zu hoch sind, liegt daran, dass die Sozialisten die Bürger über steigende Subventionen „entmündigen“ wollen. „Am Strand von Tunix“ tummelt sich die Jugend, weil linke Ideologen ihr die Maßstäbe genommen haben. Dieselben Ideologen wollen auch „die Familie demokratisieren“, weil sie „damit den letzten Freiraum in den Griff bekommen, in dem der einzelne vor dem Zugriff des Kollektivs noch sicher sein kann“.

Gefahr also ist im Verzug, Eile geboten. Die Sprache von Strauß wird kalkuliert apokalyptisch. Schon 1974 in Sonthofen hatte er zur „Taktik“ verkündet: „Wir müssen die Auseinandersetzung hier im Grundsätzlichen führen. Da können wir nicht genug an allgemeiner Konfrontation schaffen. Da muss man die anderen immer identifizieren damit, dass sie den Sozialismus und die Unfreiheit repräsentieren, dass sie das Kollektiv und die Funktionärsherrschaft repräsentieren, und dass ihre Politik auf die Hegemonie der Sowjetunion über Westeuropa hinausläuft.“ Strauß verlangte einen „Schock im öffentlichen Bewusstsein“, damit die Bevölkerung in eine „Rosskur“ a la Strauß einwilligen möge. Mit aller rhetorischen Gewalt will Strauß den Schock hervorrufen, den Gegner als äußerstes Übel, als dringend zu vernichten darstellen. Das „Hegemonialstreben“ der Sowjetunion ist „ungehemmt“, die atomare Überlegenheit der Amerikaner „unwiderruflich geschwunden“, die Überlegenheit des Ostblocks „erdrückend“, das Rohstoffproblem zu einer schieren „Überlebensfrage“ geworden. Die Politik der Bundesregierung ist nicht nur falsch, sie gefährdet die „künftigen Generationen“. Was sie seit 1969 angerichtet hat, ist „ein Saustall“. „Wir müssen sagen, die SPD und FDP überlassen diesen Staat kriminellen und politischen Gangstern. Und zwischen kriminellen und politischen Gangstern ist nicht der geringste Unterschied, sie sind alle miteinander Verbrecher. Und wenn wir hinkommen und räumen so auf, dass bis zum Rest dieses Jahrhunderts von diesen Banditen keiner es mehr wagt, in Deutschland das Maul aufzumachen“ (dies letzte Zitat wieder aus der Sonthofener Rezepte-Sammlung). Auch wenn Strauß nicht so offen inhaltlich gegen Banditen „Schmeißfliegen“ und „rote Ratten“ vorgeht, verrät die Form und die Gestik den emotionalen Überdruck des Demagogen: „es scheint, als hätte sich eine Wut, die sich … nicht mehr offen aussprechen ließ, in der Artikulation und in der Syntax verkrochen“ (Peter Schneider). Riesige Satzbögen nehmen die Zuhörer mit über tiefe Bedeutungsschluchten, deren verbaler Überquerung sie schließlich ebenso anerkennend wie erleichtert applaudieren. Oder was wäre sonst am Ende eines solchen Satzes zu tun: „Diese Entwicklung hat ihre Ursachen nicht zuletzt in einer seit 1969 geschürten visionären Staatsgläubigkeit, im Aufheizen von Erwartungsinflation, im Wecken von Inflationsmentalität – also im Heranzüchten einer Grundhaltung, die Eigenverantwortung ganz klein und die Verantwortung des Staates für die Befriedigung aller möglichen Bedürfnisse – unter Umständen bis zur Verwirklichung auch des persönlichen Lebensglücks – ganz groß schreibt.“ Diese Wortsalven, unter ständigem Wippen und Kopfstoßen abgefeuert, treffen ins Gemüt: seit 69 Inflation und Aufheizen, staatliches Eingreifen ins persönliche Leben, so kann es nicht weitergehen. Kein Wunder, dass Strauß dabei so schwitzt – diesen Saustall auszumisten, da braucht es schon einen ganzen Kerl, einen, der sich nicht schont und sich zu nichts zu fein ist.

Conrad Schuhler


kürbiskern. Literatur, Kritik, Klassenkampf 3/1980, 89 ff.

Überraschung

Jahr: 1980
Bereich: CSU

Referenzen