Flusslandschaft 1963

Internationales

Allgemeines
- Iran
- Spanien
- USA
- Lateinamerika
- USA und Vietnam
- USA und Südafrika


Das Zeitalter des Kolonialismus geht seinem Ende entgegen. Weltweit agieren Befreiungsbewe-
gungen. Rolf Gramke stellt eine Verbindung zwischen den psychosozialen Erschütterungen in den Zentren der Macht mit der Aggression der unterdrückten Völker gegen ihre Kolonisatoren her und beschreibt die widersprüchlichen Begleiterscheinungen des Befreiungskampfes der so genannten III. Welt. Ohne politische Analyse und revolutionäre Praxis löst Neokolonialismus den alten Kolo-
nialismus ab.1

IRAN

Im Mai demonstrieren persische Studierende für ihre im Iran verhafteten und politisch verfolgten Kommilitonen und Professoren vor der Ludwig-Maximilians-Universität.

SPANIEN

Im Juli fordern Münchner Studenten vor der Universität Menschenrechte und freie Wahlen in Francos Spanien. Ein Kommilitone trägt die rot-gelb-violette Fahne der spanischen Republik.

USA

Die Bürgerrechtsbewegung bekämpft mit den Mitteln des gewaltlosen Widerstands den in den Südstaaten der USA herrschenden Rassismus. 1960 lösten Studenten in North Carolina mit ihren Sit-Ins in Restaurants für Weiße eine nationale Bewegung zur Aufhebung der Rassentrennung in allen möglichen öffentlichen Einrichtungen aus. Es entstand das Student Nonviolent-Coordinating Comitee (SNCC). 1961 begannen die so genannten Freedom Rides (Freiheitsfahrten), Busfahrten über Grenzen von US-Bundesstaaten hinweg in Staaten, in denen die Rassentrennung lediglich formaljuristisch aufgehoben war. Der Druck auf die Regierung wuchs, so dass 1962 das bestehende Gerichtsurteil, das die Rassentrennung auf zwischenstaatlichen Busfahrten verbot, endlich durch-
gesetzt wurde.

1963 wird die Aufhebung der Rassentrennung in Birmingham (Alabama) zwar durchgesetzt, schei-
tert aber am alltäglichen Rassismus, mit dem die Polizei wochenlange Demonstrationen, die die Umsetzung des formalen Rechts in die Realität fordern, brutal niederschlägt. Schließlich wird Mar-
tin Luther King, der Wortführer des gewaltlosen Widerstands, auch von Präsident Kennedy unter-
stützt, der verspricht, ein Bürgerrechtsgesetz zu Gunsten der Farbigen in den Kongress einzubrin-
gen. Zur Unterstützung dieses Gesetzentwurfs veranstalten die Bürgerrechtsorganisationen im Sommer 1963 einen „Marsch auf Washington“, an dem 250.000 Schwarze und Weiße teilnehmen. Als Höhepunkt lässt Martin Luther Kings berühmte Rede „I have a dream“ die Integration Farbiger in die weiße Gesellschaft Amerikas möglich erscheinen.

Auch in München demonstrieren farbige Amerikaner am 27. August 1963 vom Haus der Kunst zur amerikanischen Botschaft.2 In den kommenden Jahren erweitern sich in München die Proteste ge-
gen innenpolitische Zustände immer mehr auch auf internationale Themen.

22. November: Nach der Ermordung des US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy in Dallas kommt es zu Spontankundgebungen. Die im Herbst gegründete Subversive Aktion, an der auch Dieter Kunzelmann beteiligt ist, antwortet mit einem Flugblatt.3

Am Tag nach der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy wird das für 62,5 Millionen Mark rekonstruierte kgl. Opernhaus am 23. November festlich eröffnet. Bei der Stadt-
verwaltung laufen Drohbriefe ein, „dass nämlich der furchtbare Tod Kennedys, der am Tag zuvor die Welt erschüttert hatte, einen Aufstand der Bevölkerung zur Folge haben werde, ja, dass sogar Bombenwürfe gegen das Theater geplant seien, wenn man die Festivität nicht absage. So wurde am Morgen des Vorstellungstages der Ministerrat einberufen, der schon einer Absage zuneigte, als der Finanzminister zu bedenken gab, dies würde ihn eine runde Million kosten. So wurde denn mit kleinen Abweichungen vom ursprünglichen Plan die festliche Eröffnung durchgeführt. Die Abwei-
chungen betrafen eine Kennedy-Gedenkminute zu Beginn, mit stehend angehörter amerikanischer Hymne, und den Ausfall gesellschaftlicher Veranstaltungen am Ende …“4

LATEINAMERIKA

Lateinamerika wird von Militärputschen erschüttert. Es sind vor allem die ökonomischen Oligar-
chien und Großgrundbesitzer, die mit Hilfe der Militärs Gewerkschaften und Landlosenbewegun-
gen beseitigen wollen. Im März 1962 stürzte Frondizis in Argentinien, im Juli Prado in Peru. Im März 1963 wird Ydigoras in Guatemala weggeputscht, im Juli Arosemena in Ecuador, im Septem-
ber Bosch in der Dominicanischen Republik und im Oktober Villeda in Honduras. In Kolumbien, Brasilien und Venezuela drohen Militärdiktaturen.

USA und VIETNAM

„1963 – 1975, Vietnam: Im Genfer Indochina-Abkommen wird 1954 festgelegt, dass sich die Trup-
pen der Demokratischen Republik Vietnam zunächst auf den Norden des Landes, die Truppen Frankreichs auf den Süden zurückziehen sollen. Die Schlussbemerkung des Abkommens sieht die Vereinigung des Landes vor. Die USA erkennen diese Schlusserklärung nicht an. In Südvietnam setzen sie ihnen genehme Satrapen ein, 1963 eine offene Militärdiktatur. 1964 inszenieren sie den »Zwischenfall in der Tonkinbucht« in der Nähe der nordvietnamesichen Hauptstadt und bombar-
dieren seit 1965 Nordvietnam. Insgesamt kämpfen in Vietnam 2,6 Millionen US-Soldaten. Die Sprengkraft ihrer Bomben und Raketen übertrifft die des Zweiten Weltkrieges um das Dreifache. Flächenbombardements mit Napalm und Chemiewaffen hinterlassen weite Gebiete von verbrann-
ter und verseuchter Erde. In Vietnam kommen drei Millionen Menschen zu Tode, eine halbe Milli-
on werden verkrüppelt. 900.000 Kinder bleiben als Waisen zurück.“5

USA und SÜDAFRIKA

„1963 – 1990, Südafrika: Mit ihren Aufklärungssystemen unterstützt die CIA die Jagd auf Gegner des Apartheidsystems. 120.000 Anhänger des ANC werden getötet. Auch die Festnahme von Nel-
son Mandela wird von der CIA organisiert.“6


1 Siehe „Von der Angst zur Aktion“ von Rolf Gramke.

2 Vgl. Münchner Merkur 205/1963. Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen. (hier: „8. August 1963“). Auf der Rückseite der Fotos wird das Ereignis unter der Überschrift „Negermarsch“ charakterisiert.

3 Siehe „Es mussten Konfliktpunkte …“ von Bernd Rabehl und „Auch du hast Kennedy erschossen!“.

4 Erich Kuby, Mein ärgerliches Vaterland. Eine Chronik der Bundesrepublik, Berlin 2010, 284 f.

5 Conrad Schuhler, Return to sender? In: konkret 11 vom November 2001, 17.

6 A.a.O.