Materialien 1992

Der Marsch ins Vierte Reich

Hitlers Ur-Enkel: Sie wollen Großdeutschland in der Festung Europa. Auschwitz hat für sie nicht stattgefunden. Reps und DVU bezeichnen sie als bürgerliche Weichlinge. Sie fordern die Wiederzulassung der Nazi-Partei. Die Drahtzieher der militanten Rechten steuern von München aus ihre Aktionen. Eine Reportage von Ralph Homann.

Als ich Ingrid Weckert am Telefon erwische, lacht sie nur: „Nein, nein“, damit habe sie nichts mehr zu tun. Das sei alles mit dem Tod des Herrn Kühnen zerfallen. Ich stelle mir die grauhaarige alte Frau vor, wie sie in ihrer Wohnung vor dem großen Bücherregal sitzt, den Telefonhörer am Ohr: Die lachende Oma von der NSdAP. Ingrid Weckert – Münchens zentrale Kontaktadresse der Neonazi-Szene.

Als Michael Kühnen – bis zu seinem AIDS-Tod Führer der militanten Neonazis – einen Teil seiner Kaderorganisationen in einem Arbeitskreis mit dem Namen „Neubeginn“ zusammen faßte, siedelte er die bundesweite Geschäftsstelle in München an: bei Ingrid Weckert. Und als die Kühnen-Connection im Mai 1989 die Deutsche Alternative (DA) in Bremen gründete, stellte sie wieder das Postfach für den Bundesverband. Heute ist die DA die stärkste Neonazi-Organisation in Ostdeutschland. Als einer der bekanntesten internationalen braunen Akteure, der nach Kanada ausgewanderte Ernst Zündel, in München kurz verhaftet wurde, traf ihn der Staatsanwalt vor lngrid Weckerts Bücherregal im Schlachthofviertel. Das war im März vergangenen Jahres. Warum will Ingrid Weckert mit all diesen Dingen auf einmal nichts mehr zu tun haben?

Ein paar hundert Meter von ihrer Wohnung entfernt in der Herzog-Heinrich-Straße: Münchens neues „Braunes Haus“. Geschäftiges Treiben hinter den mit einem Agitprop-Plakat zugeklebten Schaufensterscheiben: Brave Mädels mit unverdächtigenblauweißen Anoraks und toitsche Burschen mit Hosenträgern. Mittendrin in dieser Großfamilie aus Alt- und Neonazis – obwohl sie ja damit nichts mehr zu tun haben will – Ingrid Weckert. Und neben ihr: Thomas Niemann, vom 26jährigen Nazi-Promotor Ewald Althans (siehe Interview MÜNCHNER Stadtmagazin 8/92) eingesetzter Geschäftsführer des „Braunen Haus“. Wenn Althans Saturday-Night nicht zu lange im Park-Cafe war, wird sonntags hier auch mal Heimatgut gesungen, aber ansonsten widmen sich der Big Boß und seine Kameraden intellektuelleren Dingen: Der blonde Führer pflegt die Beziehungen zu den Spitzen der radikalen Rechten im europäischen Ausland.

Althans vertritt Ernst Zündel und dessen Verlag in Deutschland, veranstaltet wehrsportliche Zeltlager in Halle und Kongresse mit internationaler Nazi-Prominenz wie David Irving im Löwenbräukeller. Althans versorgt die ganze Bundesrepublik, Ost wie West, mit ideologischer Lektüre und betreibt rechte Pseudo-Bildungseinrichtungen in Oberösterreich und im polnischen Oberschlesien. Auch das alljährliche Silvesterfeuer in Görlitz, das den ehemaligen Ostgebieten heim ins Reich leuchtet, wird von Althans’ Kameraden in München geplant und vorbereitet. Nichts ungewöhnliches: Keine Kommune des wiedervereinigten Deutschlands duldet so viele rechtsextreme Zentralen in ihren Stadtmauern wie München.

Franz Schönhuber liebt die Ruhe seiner Privatwohnung im Lehel. DVU-Bonze Gerhard Frey beliefert von Pasing aus seine Vasallen in Bremen und Schleswig-Holstein mit Geld, Material und Know-How. Alt- und Neonazis fühlen sich in Bayerns Metropole ungestört:

München ist wieder oder immer noch Adolf Hitlers Heimliche Hauptstadt. In der Weltstadt mit traditionellem Herz für alle, die deutsch fühlen und deutsch denken, wird verwaltet, koordiniert, Geld beschafft, rechte Bücher und Zeitschriften verlegt: Unter den Frauentürmen arbeiten die Think-Tanks der Neuen Rechten. Man fühlt sich wohl in der gestoiberten Ordnungszelle Bayern und unter der patriarchalischen Regentschaft des „engagierten Demokraten“ Georg Kronawitter. Hoyerswerda, Dresden und Hünxe sind weit weg. Die rechtsextreme Anschlagswelle vom Herbst letzten Jahres (vier Tote und 2.074 offiziell registrierte rassistische Überfalle) ist an München knapp vorübergeschwappt. Die Ruhe auf Münchens Straßen schützt die bürgerlichen Fassaden, hinter denen die nächsten Anschläge geistig vorbereitet und organisatorisch verabredet werden: Friede im gemütlichen Hauptquartier, Krieg dem Rest der Republik.

Zum Beispiel die Nationale Offensive (NO): Fleißig dabei bei allen Aufmärschen in Ostdeutschland. Die Schlachtfelder von Hoyerswerda und Dresdens Fascho-Viertel Gorbitz waren mit den Plakaten und Aufklebern der NO zugepappt. Beim bisher größten Aufmarsch der Nazis in der deutschen Nachkriegsgeschichte, August ’91 in Bayreuth, liefen die Kader der NO mit ihrem Transparent vorne weg. Ihr Bundesvorsitzender ist der Münchner Reisenazi Michael Swierczek, Jahrgang ’61, der auch die NO-Zeitschrift herausgibt, die in Anlehnung an den „Völkischen Beobachter“ des Dritten Reiches besonders einfallsreich „Deutscher Beobachter“ heißt. Die NO dient als Sammelbecken für alle militanten Neonazis, die sich Mitte der 80erJahre mit Kühnen zerstritten hatten. NO-Gauleiter für die Landeshauptstadt ist Münchens Vorzeige-Skin Roland Schwarz, der sich am Glatzen-Stammtisch im Haidhausener „Cockpit“ genauso wohl fühlt wie in Münchens linker Underground-Kneipe „Substanz“.

Oder zum Beispiel Manfred Gotzler, Münchens Esoterik-Friseur am Altstadtring. Spezialität: Haarschnitt unter Chinas Drachen, nachfüllbare Shampoos und ostasiatische Weisheiten auf Empfehlung des Kreativ-Coiffeurs. Doch, wenn er die Schere weglegt, diente sein Salon „Contraste“ schon mal für den Kameradschaftsabend oder als zentrale Versandstelle für die „Neue Front“, die Hauszeitschrift der rechtsradikalen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP). Alle westdeutschen Ober-Neonazis waren irgendwie und irgendwann mal bei der FAP. Auch ihr Bundesvorsitzender, Friedhelm Busse, ist ein Münchner. Er schoß sich schon Anfang der 80er Jahre durch Waldperlach und schickt nun sein parteieigenes Trommler-Ensemble unter schwarz-weiss-roten Farben zu den Aufmärschen nach Ostdeutschland, damit sie den Rhythmus vorgeben für die Rufe: „Ausländer raus, Deutschland den Deutschen.“

Als der Reporter Manfred Gotzler auf seine Nazi-Kontakte anspricht, reagiert der Friseur nervös. Seine Hand mit dem tätowierten „W“ an der Daumenwurzel – alte Erinnerung an den Rockerclub Werwolf – sucht Unterschlupf zwischen Oberschenkel und Salonstuhl. „Nein“, sagt er, er könne sich nicht vorstellen, warum Unbekannte ihm vor Monaten die Schaufenster eingeworfen hätten. Oder warum die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen ihn angestrengt hatte, wegen Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda. Außerdem sollte Gotzler Mitglied in der inzwischen verbotenen Kühnen-Organisation „Nationale Sammlung“ gewesen sein, so der Vorwurf der Ermittlungsbehörden.

Szenenwechsel: U-Bahnhof Kolumbusplatz. Münchens U-Bahn gilt als internationaler Beweis für die freundlich-sicher-saubere Metropole. Das antiseptische Flair erlaubt keinen Vergleich zu Gewalt, Gestank und Gezeter wie in New York, London, Paris oder Berlin. Wenn nicht zu lesen gewesen wäre, dass die CSU-geliebten Schwarzen Sheriffs längst von Münchens Metro zum zukünftigen Franz-Josef-Strauß-Flughafen gewechselt haben, könnte der Reporter jetzt meinen, vor ihm stehe einer auf dem Bahnsteig: Fred Eichner, der Vorsitzende des „Nationalen Blocks“ (NB) im fotografengerechten Outfit: Schwarze Hose, schwarze Jacke, schwarzes Hemd, schwarze Krawatte, schwarze Springerstiefel. Privat bevorzugt der Anfangdreißiger eher großkarierte Hemden und peinliche Pullis. Dicht hinter Fred Eichner, ebenfalls in Schwarz, sein „Security“-Bodyguarq Manfred Geith mit dezenter Ted-Tolle und Sonnenbrille für die harte Föhnsonne. Eichner entschließt sich für ein Gespräch bei einer Maß am Nockheberg, Sonnenbrillen-Geith deckt die Vorhut.

Auf dem Weg zum Paulaner Bierberg kann sich Fred Eichner an alles erinnern. Zum Beispiel an die Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front (GdNF), benannt nach der Zeitschrift Neue Front. An seine Tätigkeit als Bereichsleiter Süd dieser GdNF, die die koordinierende Ebene der Kühnen-Connection bildete. Wie er als Bereichsleiter in der Nähe Dingolfings die Kameraden auf eine neue SA vereidigte. Als ich ihn jedoch auf die Waffen anspreche, die eine SA so brauche, setzt sein Gedächtnis schlagartig aus: Er wisse nur von Gotcha-Pistolen, mit denen sie Farbtupfer in die Landschaft klecksten. Obwohl er doch genau bei diesem Dingolfinger Schwur auch seinem alten Bekannten Gottfried Küssel den Eid abnahm. Und der robbt für sein Leben gern mit scharfen Waffen und Stahlhelm im Schlamm österreichischer Wälder herum und erzählt in die laufende Filmkamera, wie er sich und seine Kameraden auf den nationalen Bürgerkrieg vorbereite. Zumindest bis Januar dieses Jahres. Dann verordneten die österreichischen Behörden dem Neo-Nazi erstmal Untersuchungshaft.

Nach einem guten Schluck aus der Radlermaß schwärmt Eichner von seiner neuen Aufgabe: der Führung des „Nationalen Blocks“, im Sommer letzten Jahres auf einer Neonaziversammlung in München gegründet. Nachdem die „GdNF“ mit Kühnen gestorben sei, habe man die Strategie gewechselt. Keine bundesweite Organisation mehr, die leicht verboten werden könnte, sondern Landesparteien. Gedankenverloren reibt sich Eichner mit einem Finger an dem kleinen tätowierten W seiner Daumenwurzel. „Für Bayern ist das der Nationale Block, für die neuen Bundesländer zum Beispiel die Deutsche Alternative.“ Zentrale Strukturen seien nicht mehr nötig. „Man kennt sich persönlich, sieht sich öfters bei Demos und hat ab und zu mal Führertreffen, wo man Aktionen bespricht.“

Fred Eichner hat „den typischen Weg eines Neonazis hinter sich“, sagt er, „von den Durchlauferhitzern zur radikalen Bewegung“. Vom eifrigen Landser-Heft-Leser, über die Lektüre von Freys Nationalzeitung zur NPD und von dort zu den militanten Neonazis. „Ich sehe mich als einen Mann, der versucht die Jugend zu radikalisieren und an eine Idee heranzuführen, die alle Opfer fordert: die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches in den Farben schwarz-weiß-rot.“ Vielleicht kommt seinem Bodyguard Manfred Geith ja gerade bei der Jugendarbeit des „Nationalen Blocks“ eine besondere Aufgabe zu. Geith hat als Mitglied der Münchner Ted-Könige „Dixie Fried Tigers“ Erfahrung gesammelt, wie man die Tolle-geilen Fans des rassistischen „Deep-South ofthe USA“ mit Musik, Feten und Scchägen bei Laune und auf Linie hält. Und wie ein Molotow-Cocktail funktioniert, das wissen die Tigers auch. Aber gedeckt durch seine Agenten-Brille meint Manfred Geith, er habe überhaupt nichts zu sagen. Fred Eichner ist da offener, was die nächsten Aktionen des „Nationalen Blocks“ betrifft. Im Juni die Demo in Dresden und vorher, am 1. Mai, dreht sich alles um die Freilassung des „nationalen Gefangenen“ Gottfried Küssel. Da arbeite man sehr gut mit Ewald Althans zusammen.

Auf dem Weg zurück zur U-Bahn – Geith deckt diesmal die Nachhut – meint Neonazi Eichner, Althans brauner Laden sei sowieso eine Besonderheit: In keiner anderen deutschen Stadt wäre es denkbar, dass jemand so offen arbeiten könne wie Althans in München. Er sieht den Grund in der Schwäche seiner Gegner: „Für eine Großstadt ist doch hier in der linken Szene überhaupt nichts los.“ Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Münchner Politiker sich mehr darüber sorgen, wie sie ihre Weltstadt zur „asylantenfreien Zone“ erklären können.


Münchner Stadtmagazin 10 vom 28. April 1992, 22 ff.