Flusslandschaft 1967

Alternative Szene

Viele der in den Jahren um das Ende des III. Reichs Geborenen akzeptieren nicht mehr, sich in der Blockkonfrontation des Kalten Krieges ultimativ „zwischen Gut und Böse“ entscheiden zu müssen. Herbert Marcuses Denkfiguren bieten Voraussetzungen, sich einer theoretisch fundierten Perspek-
tive zu vergewissern, die Fragestellungen um sich scheinbar ausschließende Gewissheiten zulässt und versucht, sie dialektisch zu beantworten. 1958 erschien in London ein Buch1, in dem Marcuses Rede mit dem Titel „Befreiung in der Überflussgesellschaft“ ein Paradoxon thematisiert: Einmal erzeugt die moderne Industriegesellschaft kapitalistischer Prägung „ein verstümmeltes, verkrüp-
peltes und frustriertes Menschenwesen, das wie besessen seine eigene Knechtschaft verteidigt.“2 Die systematische Kontrolle dieses „Menschenwesens“ verhindert dann zwar einen quantitativen Sprung in das Reich der Freiheit, aber es erscheint in der kommenden Generation etwas Anderes. Dem kommenden Menschen eignet „Sensitivität und Sensibilität, schöpferische Phantasie und Spielfähigkeit als Produktivkräfte zur Transformation der Gesellschaft. Als solche würden sie zum völligen Um- und Neubau unserer Städte und zur Wiederherstellung des freien Landes führen; zur Wiedergewinnung der Natur, nachdem die technologische Gewalt verschwunden und die destruk-
tive Macht der kapitalistischen Industrialisierung gebrochen sein wird; zur Schaffung eines inne-
ren und äußeren Spielraums der Stille, der individuellen Autonomie und Gelassenheit; zur Beseiti-
gung des Lärms, der kulturellen Hörigkeit, der zwanghaften Haufenbildung, des Schmutzes und der Hässlichkeit. Das sind keineswegs snobistische und romantische Forderungen. Die Biologen haben inzwischen erkannt, dass es sich hier um tiefwurzelnde Bedürfnisse des menschlichen Or-
ganismus handelt, deren Verdrängung, Entstellung und Unterdrückung durch die kapitalistische Gesellschaft den menschlichen Organismus buchstäblich verstümmeln, und zwar nicht nur im übertragenen, sondern in einem ganz realen und wortwörtlichen Sinn. Ich glaube, nur in einer so verstandenen Welt kann der Mensch wirklich frei sein, können sich wirklich menschliche Bezie-
hungen zwischen freien Wesen durchsetzen. Ich glaube, auch Marx ließ sich in seiner Konzeption des Sozialismus von der Vorstellung einer solchen Welt leiten. Diese ästhetischen Bedürfnisse und Ziele müssen aber von Anfang an für den Umbau der Gesellschaft bestimmend sein, nicht erst am Schluss oder in der fernen Zukunft. Sonst gingen die alten Bedürfnisse und Befriedigungen, die eine repressive Gesellschaft reproduzieren, in die neue Gesellschaft unverändert ein. Repressive Menschen würden ihre eigene Repression in die neue Gesellschaft einschleppen. Wie sollen sich aber nun jene qualitativ neuen Bedürfnisse und Ziele als organische, biologische Bedürfnisse und Ziele entfalten? Handelt es sich dabei wirklich um reale Ziele oder nur um beliebig gesetzte Wert-
vorstellungen? Wie kann man sich die Entfaltung dieser Bedürfnisse und Wünsche innerhalb und entgegen der bestehenden Gesellschaft vorstellen – das heißt, vor der Befreiung? Das ist die Dia-
lektik, von der ich ausgegangen bin: dass wir uns nämlich strenggenommen freimachen müssen, bevor wir eine freie Gesellschaft schaffen können … Das Bildungssystem IST politisch, und deshalb sind nicht wir es, die es politisieren wollen. Was wir wollen, ist eine Gegenpolitik zur herrschenden Politik. Und in diesem Sinne müssen wir dieser Gesellschaft auf dem Boden ihrer eigenen totalen Mobilisierung begegnen. Wir müssen die Indoktrination zur Knechtschaft mit der Indoktrination zur Freiheit konfrontieren. Jeder von uns muss in sich selbst und in anderen das Triebbedürfnis nach einem Leben ohne Angst, ohne Brutalität und ohne Stumpfsinn wecken. Wir müssen alle triebhaften und intellektuellen Kräfte aufbieten gegen die vorherrschenden Werte einer Gesell-
schaft im Überfluss, die überall Aggressivität und Unterdrückung verbreitet.“3 – Der National-
sozialismus hatte die „jüdischen Wissenschaften“ Psychoanalyse und Marxismus aus der herr-
schenden Ideenwelt zu eliminieren versucht. Nach 1945 vermochten es beide kaum, an den west-
deutschen Universitäten wieder Fuß zu fassen. Jetzt verbindet Marcuse die Kritik der politischen Ökonomie mit der Analyse des menschlichen Trieblebens. Er leitet eine Renaissance der beiden Denkschulen ein. Im Juni 1967 erscheint das Kursbuch 9. Hier geht Marcuse auf zentrale Fragen der Generation ein, die in den Jahren um das Ende des III. Reichs geboren wurden.4

Während Marcuses Gedanken eine kritische Einstellung begründen, beschreibt Karl-Heinz Dellwo im nachhinein die subjektive Haltung seiner Generation: „Wir haben uns als Antifaschisten gese-
hen. Hätten wir damals bereits über den Begriff der ,nachholenden Résistance’ verfügt, hätten wir ihn auch benutzt. In meiner Erinnerung kam er später auf. Die Gewalttätigkeit der nationalsozia-
listischen Gesellschaft war nicht verraucht, sondern wurde von den Alliierten nur niedergehalten und später, in der Ost-West-Auseinandersetzung, für die eigenen imperialistischen Zwecke kanali-
siert. Wenn es je einen Moment des ,Innehaltens’ gab, dann hat man diesen nach kurzer Zeit für vernachlässigbar erklärt und mit der aktuellen Systemkonfrontation gegen den Ostblock über-
schrieben. Deutschland sollte mit ,voller Kraft’ weitermachen – diesmal halt im Kampf um den ,wirtschaftlichen Aufstieg’, der den Krieg gewissermaßen auf wirtschaftliches Terrain verlagerte. Deswegen hatte diese Kriegsgeneration doch auch diesen Hass auf die Nachkriegsgeneration – gegen uns, die wir diese Gesellschaft als dumpf und stumpf ablehnten, als Konsumidiotie, als antikommunistischen ideologischen Zusammenhang auf Basis einer alten Massenmordgesell-
schaft, und ihren ‚Ersatzsieg’ verwarfen. Gegen uns war die latente und ungebrochene Gewalt-
bereitschaft sofort abrufbar. Dazu muss man sich nur einmal das Hetzklima der 60er Jahre an-
schauen. Franz-Josef Strauß hatte es populistisch gefasst: ,Ein Volk, dass diese Aufbauleistungen vollbracht hat, muss sich nicht immer wieder Auschwitz vorhalten lassen.’ Die sahen sich als Sieger, und als Sieger ist man mächtig, denn man hat es erkämpft. Sie waren auch weiterhin kriegsbereit und haben geholfen, den ,freien Westen’ in Vietnam ,zu verteidigen’. Da haben sich CDU und SPD nichts genommen.“5

1967 ist die Hippiebewegung in San Francisco mit dem Summer of Love auf ihrem Höhepunkt angelangt. Auch in München beleben Hippies den öffentlichen Raum. — „Für mich war der Turnunterricht in diesen verschwitzten Turnsälen mit Barren, Reck, Bock und Sprossenwand immer eine Qual. Es ging hier um das vormilitärische Abrichten und Zurichten der Knaben; die Turnlehrer, die ich hatte, kommandierten im besten faschistischen Stil. Da hat später die APO mich schon allein dadurch für sich eingenommen, weil sie auf eine Turnhalle schrieb ‚Vögeln statt Turnen!’“6

Mitglieder der APO gründen den Trikont-Verlag. Er residiert zunächst in einem alten Bauernhof in der Josephsburgstraße 16 in Berg am Laim, zieht dann im Sommer 1977 in die Kistlerstraße 1 in Obergiesing um.7

Mit einer Demo wird in München am 15. September die Freilassung von Fritz Teufel gefordert, der in Berlin seit dem 2. Juni in U-Haft sitzt.8


1 David Cooper (Hg.), Dialectics of Liberation, London 1958.

2 Herbert Marcuse, Befreiung von der Überflussgesellschaft, in: Kursbuch 16 vom März 1969, 185 ff, hier: 191.

3 A.a.O., 194 f.

4 Siehe „Ist die Idee der Revolution eine Mystifikation?“ von Herbert Marcuse.

5 Karl-Heinz Dellwo, Das Projektil sind wir. Der Aufbruch einer Generation, die RAF und die Kritik der Waffen. Gespräche mit Tina Petersen und Christoph Twickel, Hamburg 2007, 139 f.

6 Konrad Kittl am 21. April 2009.

7 Siehe „Mytho-Poetisches“ von Herbert Röttgen und „Der Trikont Verlag und das ‚Archiv 451’“ von Klaus Körner.

8 Vgl. Süddeutsche Zeitung 223/1967.