Flusslandschaft 1967
Kunst/Kultur
Im Vorstand des Deutschen Freidenkerverbandes wird diskutiert. Es entsteht ein Grundsatzpa-
pier.2
LITERATUR
Die Humanistische Union findet mit ihrer Lesebühne „art.5“ ein breites Publikum, das nun immer häufiger fordert, dass auch die etablierten Münchner Theater sich trauen sollten, avantgardistische und unbequeme Autoren zu spielen.3
FILM
Der Dokumentarfilmer Joris Ivens, der Regisseur von „Borinage“ (1933), „Neue Erde“ (1934) und „Spanische Erde“ (1937, gehört zu den zehn besten Dokumentarfilmen der Filmgeschichte), ist zum ersten Mal in München. Seine Filme werden in München erstmals gezeigt. Ivens, mit Dsiga Wertow und Robert Flaherty einer der Pioniere des Dokumentarfilms, wurde 1933 von den Nazis auf die schwarze Liste gesetzt und ist seit jener Zeit auch in der Bundesrepublik nicht beliebt. Das Fernsehen ignoriert ihn ebenso wie die Süddeutsche Zeitung. Dafür diskutiert er mit Frieder Hitzer beim Gewerkschaftlichen Arbeitskreis der Studenten (GASt) und bei der Münchner Gewerk-
schaftsjugend am 26. Januar.4
Wim Wenders und Freunde immatrikulieren sich an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film. Er erinnert sich: „Wir lehnten die Professoren ab und gestalteten das Lehrprogramm selbst.“5
„Im Arri hatte die Sechs-Uhr-Vorstellung schon begonnen. In dem dunklen Saal tastete er sich die Stufen hinunter und suchte einen Platz hinter einer freien Reihe. Er setzte sich auf einen der höl-
zernen Klappstühle und hing die Beine über die Stuhlreihe vor ihm. Eddi grinste gerade einen Gangster an, der wohl eine Frau belästigt hatte, denn ihr Kleid war am Ausschnitt und Ärmel auf-
gerissen, so daß man den schwarzen Büstenhalter sehen konnte. Auch der Gangster grinste jetzt. Beide grinsten sich an und beide schlugen gleichzeitig zu. Im Kinosaal bildete sich ein Sprechchor: Eddi vor, noch ein Tor. Eddis Faust traf den Gangster an der linken Kinnpartie. Es krachte. Der Gangster grinste nicht mehr, schlug mit schmerzverzerrtem Gesicht eine Linke in Eddis Magen. Eddi ging zu Boden. Die Frau kreischte, hielt sich dabei den eingerissenen Teil ihres Kleides fest. Der Gangstersagte, halt die Fresse, dumme Gans, und schlug ihr ins Gesicht, ein-, zweimal. Im Kino schrien alle Eddi, Eddi. Eddi stand schon wieder, schüttelte den Kopf, dann schlug er zu, mit der Handkante traf er das Genick des Gangsters, als der nach vorn fiel, zog Eddi blitzschnell das Knie hoch und traf das Kinn des Gangsters, wodurch dessen Oberkörper hochgerissen wurde, so daß Eddi seitlich noch einen Haken nachschlagen konnte. Ein Leberhaken, dachte Ullrich und lachte laut, als der Gangster unter das altmodische Bett schlidderte, sich nochmals aufrichtete, dabei mit dem Kopf gegen die Bettkante stieß und liegen blieb. Die Frau ließ, als Eddi sich übers Kinn wischend auf sie zuging, das zerrissene Kleid fallen. Bleib sauber, schrie jemand im Kinosaal. Alle lachten. Hinter Ullrich trank jemand aus einer Bierflasche und rülpste danach. Ullrich roch den säuerlichen Biergeruch. Er überlegte, ob er sich wegsetzen sollte, blieb dann aber doch sitzen. Als im Saal das Licht anging und die Menschen durch die Sitzreihen hinausdrängten, sah er, in einer der vorderen Reihen, Ingeborg in einem schwarzen Lackmantel. Sie knotete sich gerade ein Kopftuch um. Ullrich wartete, bis sie hinausgegangen war. Die Platzanweiserin kam und sagte, dös geht net, zwei Filme hintereinander. Ich weiß, sagte Ullrich und ging langsam hinaus.“6
THEATER
Das action-Theater agiert in der Müllerstraße 15. Im Sommer 1968 entwickelt sich daraus das antitheater um Kurt Raab, Peer Raben und Rainer Werner Fassbinder.
BILDENDE KÜNSTE und AKTIONEN
7
Ernst Oberle: »Der Herr Generaloberregierungsdirektor«
12. Dezember: Der Nacktauftritt von Friedensreich Hundertwasser im Kunstsalon von Dr. Richard Hartmann löst einen Skandal aus.8
(zuletzt geändert am 9.9.2025)
1 Privatsammlung
2 Siehe „Erklärung zu Fragen der Kunst und Literatur“.
3 Siehe „Neues von der Lesebühne ‚art.5’“.
4 Vgl. Hitzers Gespräch mit Joris Ivens in Kürbiskern. Literatur und Kritik 3/1967, 82 ff.
5 Zit. in: Die Weltbühne. Wochenschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft 25 vom 11. Juni 1991, Berlin, 759.
6 Uwe Timm, Heißer Sommer. Roman, München 2005/5, 68f.
7 Siehe
- https://hundertwasser.com/architektur/arch8_nacktrede_fuer_das_anrecht_auf_die_dritte_haut_1994 und
- https://hundertwasser.com/texte/speech_in_the_nude_for_the_right_to_a_third_skin.
8 Schutzverband Bildender Künstler (Hg.), Jahres-Ausstellung. Thema »Freizeit«, Gemälde – Grafik. 26. August bis 22. September 1967, Pavillon Alter Botanischer Garten, unpag.