Flusslandschaft 2011

Atomkraft

Ein verheerender Tsunami hat weite Teile der nördlichen Ostküste Japans zerstört und im vierzig Jahre alten Atomkraftwerk Fukushima eine nukleare Katastrophe ausgelöst, die den Pazifik radio-
aktiv verseucht. Jetzt werden die Stimmen in Deutschland wieder lauter, die es als menschliche Hybris bezeichnen, alles umsetzen zu wollen, was technisch möglich ist. Vor allem die Laufzeitver-
längerung der alten deutschen Atomkraftwerke, die die Bundesregierung beschlossen hat, steht in der Kritik. Am Montag, 14. März, findet die erste von Green City organisierte Mahnwache gegen Atomkraft am Stachus statt. Etwa 3.000 Teilnehmer sind vor allem darüber empört, dass Umwelt-
minister Markus Söder kurz vorher meinte, die bayrischen AKWs seien sicher, nun aber habe er den Atommeiler Isar I abschalten lassen. Nach der Mahnwache auf dem Stachus ziehen etwa 2.000 Teilnehmer in einer Spontandemonstration zum Firmensitz der Betreibergesellschaft in Ohu, EON, und zur Staatskanzlei weiter. Sie rufen „Abschalten, abschalten!“.1 – Tun wir einer ehemals wissenschaftsgläubigen Physikerin unrecht? Angela Merkel meint am 17. März: „Die un-
fassbaren Ereignisse in Japan lehren uns, dass etwas, was nach allen wissenschaftlichen Maßstä-
ben für unmöglich gehalten wurde, doch möglich werden konnte. Wenn das so ist, wenn also in einem so hoch entwickelten Land wie Japan das scheinbar Unmögliche möglich, das absolut Un-
wahrscheinliche Realität wurde, dann verändert das die Lage. Dann haben wir eine neue Lage, dann muss gehandelt werden: Und wir haben gehandelt.“ Ganz offensichtlich wird das Verständnis der „Regel“ immer populärer, „dass alle bisherige Erfahrung kein Einwand gegen die Andersartig-
keit der Zukunft sein darf“.2 Das Unwahrscheinliche wird unvermeidbar; Prognosen finden in den Kaffeesatz zurück, jeglicher systemische Kontrollanspruch bleibt naive Illusion. – Am 26. März, Samstag, finden erste große Demonstrationen unter dem Motto „Fukushima mahnt“ in Berlin, Hamburg, Köln und in München mit 30.000 Menschen um 14 Uhr auf dem Odeonsplatz statt.3 – Einige Wochen nach der verheerenden Katastrophe in Fukushima zirkuliert in München ein DIN A 5-Blatt ohne Impressum.4

Wie mit der Katastrophe umgehen? Jahrzehntelang als Rufer in der Wüste über Atomkraftrisiken aufklären und dann durch die Katastrophe von Fukushima bestätigt werden? Da kommt kein Ge-
fühl der Befriedigung oder gar der Schadenfreude auf, da kommt nur ein Gefühl von unbändiger Wut, Wut über die Ignoranz derer, die es hätten wissen MÜSSEN, Wut über die Bequemlichkeit derer, die es hätten wissen KÖNNEN und Wut über die reibungslose Verblödungsmaschinerie, die mit Brot und Spielen die große Mehrheit in der Bevölkerung bei Laune hält, damit diese gar nicht erst auf die Idee kommt, etwas wissen zu WOLLEN. Kassandra ist zutiefst traurig: Sie weiß, auch Katastrophen ändern nichts, sie erhöhen lediglich für kürzere Zeiträume die gemeinsame Erre-
gungskurve. Kassandra weiß, dass ihre Worte, sie können noch so wahr sein, vergeblich sind. Und trotzdem findet am 28. April die Mahnwache zum Tschernobyl-Jahrestag auf dem Marienplatz von 10 – 17 Uhr statt.

Die Bundesregierung diskutiert öffentlichkeitswirksam Konzepte der Energiewende und erzeugt den Anschein, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Am Ende, so befürchten es Beobachte-
rinnen und Beobachter der Szene, wird ein neuer „Atomkompromiss“ im Herbst des Jahres den Konflikt befrieden. Den vier großen Konzernen RWE, Vattenfall, EnBW und Eon ist vor allem daran gelegen, dezentrale Energieversorgungen am Enstehen zu hindern. Sie werden in der Atom-
frage kleine Zugeständnisse machen, aber versuchen, mit allen Mittel ihre Marktpositionen zu verteidigen.

Am 28. Mai demonstrieren einen Tag vor den Beratungen zur Energiewende in der Bundesregie-
rung Zehntausende Münchnerinnen und Münchner unter dem Motto „Atomkraft: Schluss!“ für den sofortigen Atomausstieg. Der Vorsitzende des DGB Bayern, Matthias Jena, fordert auf dem Königsplatz, dass die Energiekonzerne die Energiewende bezahlen sollten. Das sei nur eine Frage des politischen Willens. Während die Bevölkerung den Transport, die Endlagerung und das Risiko bezahle, machten die Konzerne die Gewinne. „Das machen wir nicht mehr mit! Wir drehen den Spieß um!“5

4. Juni: Groß-Demo beim AKW Isar I – Landshut!

Bundeskanzlerin Merkel Anfang Juni im Bundestag: „Sosehr ich mich im Herbst letzten Jahres … auch für die Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke eingesetzt habe, so un-
missverständlich stelle ich heute vor diesem Haus fest: Fukushima hat meine Haltung zur Kern-
energie verändert.“ Erstaunlich, dass eine Naturwissenschaftlerin zuerst dafür und jetzt dagegen ist. Ist das Motiv des Sinneswandels aufkommende Angst vor einer atomaren Katastrophe im Lande oder Angst vor der politischen Kernschmelze. Denn jetzt ist eindeutig eine Mehrheit in deutschen Landen gegen Atomenergie.

Am 17. November versuchen über 70 Menschen, die Parteizentrale der CSU in der Nymphenbur-
ger Straße zu besuchen. Sie verlangen Auskunft über Hermes-Bürgschaften der Bundesregierung für Exporte veralteter Atomkraftwerke in Schwellenländern. Der Zutritt wird ihnen verwehrt.6

Seit der Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 engagieren sich die Mütter gegen Atom-
kraft
: www.muettergegenatomkraft.de, Tel.: 35 56 53.

(zuletzt geändert am 11.3.2019)


1 Die Mahnwache mit der Parole „abschalten!“ fotografiert Andrea Naica-Loebell.

2 Reinhart Koseleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 1989, 364.

3 Siehe Bilder von der Demonstration „fukushima mahnt“ von Andrea Naica-Loebell sowie die Fotos von Werner Rauch unter http://www.galerie-arbeiterfotografie.de/galerie/reportage/index.html.

4 Siehe das Flugblatt „Es gibt keine Naturkatastrophen“.

5 Siehe die Fotos von Werner Rauch unter http://www.galerie-arbeiterfotografie.de/galerie/reportage/index.html.

6 Siehe www.nein-zu-atomkraft.de/hermes.html, www.urgewald.org sowie www.projekt21plus.de.

Überraschung

Jahr: 2011
Bereich: Atomkraft

Schlagwörter