Flusslandschaft 1947
Nazis
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„… Leider ist der Hitlerismus ein Produkt des deutschen Volkes und nicht, wie man angenommen hat, einer kleinen verbrecherischen Clique …“1 Karl Amadeus Hartmann in einem Brief an Hermann Scherchen vom 28. Januar 1947.
Schauburg am Elisabethplatz: „Am 26. Januar riefen Philipp Auerbach und Ludwig Schmitt die verschiedenen Gruppen Überlebender zu einem Treffen in Schwabing auf: Sie gründeten gemeinsam die bayerische Sektion der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), ein deutschlandweiter Zusammenschluss von während des Nationalsozialismus ‚rassisch’, politisch oder religiös Verfolgten. Er sollte eine wichtige Kraft in den vielen Auseinandersetzungen der nächsten Jahre werden: bei den Kämpfen gegen die Rehabilitierung früherer Nationalsozialisten und das Auftreten neuer Rechtsextremer, bei den Protesten gegen eine Remilitarisierung, beim Engagement für eine ‚Wiedergutmachung’, beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, beim Dokumentieren der Geschichte von 1933 bis 1945 und bei vielen anderen Konflikten in einer Gesellschaft, die ihre jüngste Vergangenheit am liebsten so schnell wie möglich vergessen machen wollte …“2 Erst am 15. März entsteht die gesamtdeutsche VVN.3
Allgemein besteht die Überzeugung, dass bei der Behandlung von Nazi-Größen zweierlei Maß genommen wird.4
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Eine Äsopiade: Wird er sie beißen?
»Krisis der Entnazifizierung – In der vollbesetzten Straßenbahn steht ein junger Mann höflich vor einer älteren Dame auf, verbeugt sich, und bietet ihr den Sitz an. Sie fragt, wo er soviel Höflichkeit gelernt habe. „In der Hitler-Jugend“, antwortet der junge Mann schneidig. Die Dame weigert sich daraufhin den Platz einzunehmen. Kurzerhand setzt sich ein Amerikaner auf den freigewordenen Platz. Nach einigen Haltestellen steht er auf und ruft im Herausgehen der immer noch stehenden Dame zu: „Sie können sich jetzt ruhig setzen. Der Platz ist entnazifiziert!“ (H.M.)«6
Im Central War Criminal and Suspects Enclosure, dem ehemalige Konzentrationslager Dachau, sind Kriegsverbrecher und der Verbrechen Verdächtige interniert. Die US-Amerikaner geben Schritt für Schritt ihre Verfügungsgewalt auf und ermöglichen Selbstverwaltung. Seit Herbst heißt das Lager War Crimes Enclosure, im Lager werden viele Stempel hergestellt, Jede Menge Papier und eine Vervielfältigungsmaschine ermöglichen jetzt ohne jede Kontrolle auch die Herstellung von „Persilscheinen“ und Unbedenklichkeitserklärungen.

„… Der kleine Bürgermeister oder Gemeindevorsteher auf dem Lande, der ein in Dachau hergestelltes Papier in die Finger bekommt, muss ja bei dem Ausdruck ‚Deutsche Lagerleitung’ auf den Gedanken kommen, es handele sich um ein deutsches Lager, und wenn er dann noch die hochtrabende Bezeichnung ‚Stabsabteilung’ dazu liest – also, das kann gar keine schiefe Sache sein …“7
Im Herbst entsteht in München die rechtsextreme Partei Deutscher Block (DB).
Am Samstag, dem 9. November 1946 veranstaltete die KPD vor der Feldherrnhalle eine Großkundgebung. Staatsminister a.D. Heinrich Schmitt sprach vor 6.000 Kundgebungsteilnehmern über Entnazifizierung, die sich dahingehend auswirke, dass man die Kleinen hänge und die Großen laufen lasse. Im Sommer 1947 wird klar, dass die Entnazifizierung gescheitert ist.8
(zuletzt geändert am 13.12.2020)
1 Ulrich Dibelius, Karl Amadeus Hartmann – Komponist im Widerstreit, Kassel 2004.
2 Katharina Ruhland: „’Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung’ – Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und ihre Rolle bei den frühen antifaschistischen Protesten nach 1945“ in: Zara S. Pfeiffer (Hg.), Auf den Barrikaden. Proteste in München seit 1945. Im Auftrag des Kulturreferats der Landeshauptstadt München, München 2011, 55 f.
3 Da die Besatzungsmächte eine gesamtdeutsche Organisation nicht zulassen, beschließt die erste Interzonale Länderkonferenz der VVN im März in Frankfurt am Main die Bildung eines Interzonensekretariats und eines Interzonalen Beirats. Das Sekretariat übernimmt die allgemeine Geschäftsführung des Beirates. Der Beirat setzt sich zusammen aus Vertretern der vier Zonenverbände, ab 1948 auch der Berliner VVN. Bis zur Wahl des Zentralvorstandes einer gesamtdeutschen Organisation soll er das höchste Organ der VVN sein. Seine Konstituierung erfolgt am 19. Mai in München, im Jahre 1948 wird er in „Rat der VVN“ umbenannt. Mit der Begründung, dass er gegen die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik Deutschland verstoße, wird er im August 1951 verboten und das Büro in Frankfurt am Main geschlossen.
4 Siehe „Quod lizet Nazi, non licet Bazi“ und „Furtwängler, Geczy, Strienz, Krausz, Hartmann & Co.“.
5 Die Nation. Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur, München, 4 vom Juli 1947, 17.
6 Die Nation. Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur, München, 6 vom September 1947, 32.
7 Die Weltbühne 5/6 vom 1. Februar 1948, 135.
8 Siehe „Moritat vom kleinen P.G.“ von Karl Valentin, „Krise der Entnazifizierung in Bayern“ und Gerstenbergs „Am 8. September 1947 …“.
Diesen Artikel zitieren
Nazis. In: Protest in München seit 1945. Stand: 6. März 2025. URL: https://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/39 (abgerufen am TT.MM.JJJJ).