Flusslandschaft 1947

Nazis

Schauburg am Elisabethplatz: „Am: 26. Januar riefen Philipp Auerbach und Ludwig Schmitt
die verschiedenen Gruppen Überlebender zu einem Treffen in Schwabing auf: Sie gründeten gemeinsam die bayerische Sektion der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), ein deutschlandweiter Zusammenschluss von während des Nationalsozialismus ‚rassisch’, politisch oder religiös Verfolgten. Er sollte eine wichtige Kraft in den vielen Auseinandersetzungen der nächsten Jahre werden: bei den Kämpfen gegen die Rehabilitierung früherer Nationalsozialisten und das Auftreten neuer Rechtsextremer, bei den Protesten gegen eine Remilitarisierung, beim Engagement für eine ‚Wiedergutmachung’, beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, beim Dokumentieren der Geschichte von 1933 bis 1945 und bei vielen anderen Konflikten in einer Gesellschaft, die ihre jüngste Vergangenheit am liebsten so schnell wie möglich vergessen machen wollte …“1 Erst am 15. März entsteht die gesamtdeutsche VVN.

Allgemein besteht die Überzeugung, dass bei der Behandlung von Nazi-Größen zweierlei Maß genommen wird.2

Im Central War Criminal and Suspects Enclosure, dem ehemalige Konzentrationslager Dachau, sind Kriegsverbrecher und der Verbrechen Verdächtige interniert. Die US-Amerikaner geben Schritt für Schritt ihre Verfügungsgewalt auf und ermöglichen Selbstverwaltung. Seit Herbst heißt das Lager War Crimes Enclosure, im Lager werden viele Stempel hergestellt, Jede Menge Papier und eine Vervielfältigungsmaschine ermöglichen jetzt ohne jede Kontrolle auch die Herstellung von „Persilscheinen“ und Unbedenklichkeitserklärungen.


„… Der kleine Bürgermeister oder Gemeindevorsteher auf dem Lande, der ein in Dachau herge-
stelltes Papier in die Finger bekommt, muss ja bei dem Ausdruck ‚Deutsche Lagerleitung’ auf den Gedanken kommen, es handele sich um ein deutsches Lager, und wenn er dann noch die hochtra-
bende Bezeichnung ‚Stabsabteilung’ dazu liest – also, das kann gar keine schiefe Sache sein …“3

Im Herbst entsteht in München die rechtsextreme Partei Deutscher Block (DB).

Am Samstag, dem 9. November 1946 veranstaltete die KPD vor der Feldherrnhalle eine Großkund-
gebung. Staatsminister a.D. Heinrich Schmitt sprach vor 6.000 Kundgebungsteilnehmern über Entnazifizierung, die sich dahingehend auswirke, dass man die Kleinen hänge und die Großen laufen lasse. Im Sommer 1947 wird klar, dass die Entnazifizierung gescheitert ist.4


1 Katharina Ruhland: „’Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung’ – Die Vereinigung der Ver-
folgten des Naziregimes und ihre Rolle bei den frühen antifaschistischen Protesten nach 1945“ in: Zara S. Pfeiffer (Hg.), Auf den Barrikaden. Proteste in München seit 1945. Im Auftrag des Kulturreferats der Landeshauptstadt München, München 2011, 55f.

2 Siehe „Quod lizet Nazi, non licet Bazi“ und „Furtwängler, Geczy, Strienz, Krausz, Hartmann & Co.“.

3 Die Weltbühne 5/6 vom 1. Februar 1948, 135.

4 Siehe „Moritat vom kleinen P.G.“ von Karl Valentin, „Krise der Entnazifizierung in Bayern“ und Gerstenbergs „Am 8. September 1947 …“.