Flusslandschaft 1970

Rechtsextremismus

13. Februar: Brandanschlag auf das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde in der Reichen-
bachstraße im Gärtnerplatzviertel in der Nacht zum 14. Februar. Sechs Menschen, Überlebende der Konzentrationslager, verbrennen, ein siebter springt aus dem Fenster und kommt zu Tode. Seitdem werden jüdische Einrichtungen bundesweit polizeilich geschützt. Die Medien vermuten arabische Attentäter. Siehe auch „CSU“.

Der Gewerkschaftlicher Arbeitskreis der Studenten (GASt) kritisiert Prof. Dr. Karl Bosl wegen der Entgegennahme des rechtslastigen „Sudetendeutschen Kulturpreises“.

TH-Studenten unterbrechen am 3. Juni mit einem Go-In einen Vortrag von Prof. Hermann Oberth, „Vater des Weltraums“ und Lehrer von Werner von Braun, wegen seiner aktiven NPD-
Mitgliedschaft und seiner „faschistischen und rassistischen Äußerungen“ auf dem NPD-Partei-
tag in Karlsruhe. Oberth verweigert Rede und Antwort und verlässt den Hörsaal, worauf die Studenten ein Teach-in über Kriegsforschung veranstalten. – Auseinandersetzungen mit „alten Kameraden“ finden auch in der Arbeitswelt statt. Ferdinand Grüneisl, der in einer kleinen Krankenversicherung in der Neuhauserstraße arbeitet, erinnert sich: „Unser Unternehmen fusionierte mit einer etwas größeren Gesellschaft. Bei dieser Veranstaltung oder Betriebsver-
sammlung stellte sich der neue Chef, der Bezirksdirektor Paul B. ungefähr so vor: ‚Meine lieben Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, ich begrüße Sie alle recht herzlich als Ihr neuer Chef; Sie werden mit mir keinen Ärger bekommen, es sei denn, Sie machen mir welchen. Ich kann seit meiner frühesten Jugend mit den mir unterstellten Leuten gut umgehen, ich war schließlich Hitler-Jugend-Führer, ich habe es zum Stammführer gebracht und danach sogar zu einem höheren SS-Offizier und seit Jahren bin ich ein angesehener Direktor.’ Neben mir begann eine Kollegin, deren Vater in Stalingrad geblieben ist, zu weinen und mir platzte der Kragen: ‚Und Sie können mich am Arsch lecken. Die Hitler-Zeit mit diesem Scheißkrieg ist schon längst vorbei, und ich verlange von Ihnen meine sofortige Kündigung!’"1

Die Münchner Druckerei Bartels und Co. hat von der NPD den Auftrag, rund 150.000 Plakate und 500.000 Handzettel mit dem Motiv „Deutschland heute“ zu drucken, das sich nach Ansicht der Auftraggeber gegen „Kriminalität, Rauschgift und kommunistische Infiltration“ wendet. Die Arbei-
ter der Druckerei sehen darin eine „direkte Mordhetze“ und weigern sich zunächst, es herzustellen. Auf Druck der Geschäftsleitung wird das Plakat dann doch gedruckt. „Nationaldemokrat Bayer beurteilte die aufsässigen Drucker: ‚Das sind einzelne Leute, Berufsmarxisten wie die Funktionäre der IG Druck, oder von diesen Funktionären verhetzte Marxisten.’ Bayer über den Druckerei-Besit-
zer: ‚Bartels ist nicht Mitglied unserer Partei, aber ein normal denkender Mensch und daher kein Linker.’“2 Die Münchner Justiz lässt sich viel Zeit mit den Ermittlungen gegen das NPD-Plakat, gegen das FDP-Landtagskandidat Manfred Brunner bereits am 19. Oktober Anzeige wegen Volks-
verhetzung erstattet hat.

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26. November: Der Uni-AStA und die Roten Zellen führen ein Teach-In über den reaktionären Bund Freiheit der Wissenschaft durch, der am 18. November in Bad Godesberg gegründet wurde.


1 Ferdl Miedaner alias Ferdinand Grüneisl, Kein Mensch ist ganz umsonst. Jüngere Zeitgeschichte mit autobiographischen Elementen, München 1995, 105.

2 Der Spiegel 45 vom 2. November 1970, 26.

3 Privatsammlung