Flusslandschaft 1948

Gewerkschaften/Arbeitswelt

Mittwoch, 7. Januar 1948: „Aus Protest gegen die Kürzung der Zulagenkarte treten die Arbeiter
des Reichsbahnausbesserungswerkes Freimann in Streik. Auf die Zusicherung, dass die Zulagen
im bisherigen Masse gewährt würden, wird die Arbeit wieder aufgenommen. Aus gleichem Anlass streiken Arbeiter von Krauss-Maffei und der Firma Rathgeber.“1

Das Fahrpersonal der Städtischen Verkehrsbetriebe tritt am 9. Januar wegen einer Kürzung der Zulagenkarten und aus Unzufriedenheit mit der Lebensmittellage in Streik. Der Streikbeschluss kommt ohne Zustimmung der Gewerkschaften und der Betriebsräte zustande.

Der Bayerische Gewerkschaftsbund beschließt eine auf 24 Stunden befristete Arbeitsniederlegung für Freitag, den 23. Januar 1948. Er will damit seinen Forderungen nach „Erfassung der gesamten Erzeugung von Nahrungsmitteln und Gütern industrieller und gewerblicher Betriebe für den tägli-
chen Bedarf, gerechte Verteilung und Kontrolle durch den Verbraucher, sofortige Schließung sämt-
licher Luxusgaststätten und Schlemmerlokale, Einweisung der asozialen Elemente in Arbeitslager und Aburteilung von Wirtschaftsverbrechern durch Schnellgerichte“2 Nachdruck verleihen. Auf dem Königsplatz demonstrieren zwischen 50.000 und 60.000 Menschen für höhere Lebensmittel-
rationen. Es sprechen Lorenz Hagen3 und Gustav Schiefer. Auf Transparenten ist zu lesen: „Wir wollen leben, nicht verrecken“, „Großschieber sind Mörder, ihnen die Todesstrafe“ und „Wir sind Deutsche und kein Kolonialvolk.“4 Bayernweit nehmen an dem Streik über eine Million Menschen teil.

Auf der Kundgebung zum Ersten Mai 1948 auf dem Königsplatz sprechen vor sechzigtausend Menschen unter anderem Franziska Reindl und Max Wönner. „Franziska Reindl appellierte an
das Weltgewissen, nicht an den schuldlosen Kindern die begangenen Verbrechen zu sühnen. Alle organisierten Frauen der Welt müssten gemeinsam die Wunden des letzten Krieges heilen helfen und mit allen Mitteln einen neuen Krieg zu verhindern versuchen. Max Wönner rechnete mit scharfen Worten mit dem bankerotten System des Kapitalismus ab, der jetzt seine Daseinsberech-
tigung in den politischen Machtkämpfen nachzuweisen versucht. Einen Wiederaufbau Deutsch-
lands, Europas und der Welt gibt es nur mit den Schaffenden, aber nicht gegen sie. Die Tendenz, mit dem christlichen Wort Politik zu betreiben, es aber aus Profitgier nicht zur Tat werden zu lassen, sei ebenso abzulehnen, wie die Übertragung des Kollektivschuldgedankens auf die Ernäh-
rungsebene, die der nazistischen Sippenhaft gleiche. Nach einer Auseinandersetzung mit den derzeitigen Verhältnissen des schwarzen und grauen Marktes, der ‚Displaced Persons’ und der Entnazifizierung betonte Max Wönner die geistige Bereitschaft aller Schaffenden für eine wahre Demokratie, soziale Gerechtigkeit und echte Freiheit.“5

In der US-Zone wird im Mai die Fleischration von 425 Gramm auf 100 Gramm herabgesetzt. Die Streikbewegung gegen die schlechte Ernährungslage gerät den Gewerkschaften außer Kontrolle. In München befinden sich am 10. Mai rund 40.000 Arbeiter im Ausstand, davon 10.500 Arbeiter der Reichsbahn-Ausbesserungswerke, 22.000 Beschäftigte in metallverarbeitenden Betrieben, 3.200 Straßenbahner, 2.200 Arbeiter der Städtischen Straßenreinigung und des Städtischen Holz- und Kohlenhofes, Beschäftigte von Baufirmen und Druckereien. Die Straßenbahner sprechen sich bei ihrer Urabstimmung für die Weiterführung des Streiks aus.

Die Straßenbahner wollen am 11. Mai durch Streikposten verhindern, dass der Stadtrat mit Hilfe der Beamten der Verkehrsbetriebe und pensionierter Straßenbahner einen Straßenbahnnotdienst errichtet.

Am 12. Mai demonstrieren 5.000 Frauen vor der Feldherrnhalle, einige versuchen ins Ernährungsministerium einzudringen.6 11.000 Studenten fordern die Auflösung des „Hungerrates“ in Frankfurt.7

Die Streikbewegung setzte im Oktober 1947 ein, findet im Mai 1948 ihren Höhepunkt und verebbt im September. Die Statistik für München sieht so aus:

Die von den Münchner Gewerkschaften angekündigte Aktion gegen den Schwarzhandel beginnt am 23. Juli. In allen Betrieben, auf den Straßen und in den Zentren des Schwarzmarktes werden Flugblätter verteilt und Plakate angeschlagen, die einen Totenkopf zeigen mit der Aufschrift: „Der Schwarzmarkt ist der Tod der neuen Währung“.

Der „Zwetschgenkrieg“: Am 12. August wird vor der Großmarkthalle gegen die hohen Preise de-
monstriert. Nachdem Verhandlungen mit dem Großhandel und dem Einzelhandelsverband über eine Verminderung der Erzeugerpreise und Handelsspannen ergebnislos verlaufen, werden alle Betriebsräte und Gewerkschaftsmitglieder für Samstag, den 14. August, ins Gewerkschaftshaus an der Landwehrstraße 7 – 9 eingeladen, um so genannte „Preiskontrollgruppen“ zu bilden. In der Großmarkthalle lassen sich die Gewerkschafter von den Großhändlern Rechnungen vorlegen, allzu profitgierige Händler werden recht nachdrücklich auf ihre Gewinnspannen hingewiesen. Händler, die sich bedroht fühlen, rufen die Polizei. Die Aktion wird in der darauffolgenden Woche fortge-
setzt: Am Montag bilden Bauarbeiter die Preiskontrollgruppen, am Dienstag Post- und Bahnarbei-
ter, am Mittwoch, 18. August, sind die Metallarbeiter dran. Die Großhändler begrüßen die Demon-
stranten mit Zurufen „Machts Kistn zu, d`Gwerkschaftler kemma“. Es kommt zwischen den 120 Gewerkschaftsmitgliedern und Obst- und Gemüsehändlern zu heftigen Wortwechseln und zu Schlägereien. Eine Obstkiste segelt durch die Luft; eine Verkäuferin wird leicht verletzt. „Nach dem ‘Gefecht’ behauptete die Gewerkschaftsabordnung, von den Großhändlern herausgefordert worden zu sein, während die Händler ihrerseits darauf hinwiesen, dass die Gewerkschafter ihre Kontroll-
kompetenzen weit überschritten hätten.“8

Vier Arbeiterstandbilder von Fritz Koelle schmücken den Tagungssaal in der Großküche an der Rosenheimerstraße 145. Der 2. Bundestag des Bayerischen Gewerkschaftsbundes, das „Parlament der Arbeit“, findet hier vom 23. bis zum 25. August statt.9 Fritz Tarnow, Sekretär des bizonalen Gewerkschaftsrates in Frankfurt, führt unter anderem aus: „Die Interessenten der kapitalistischen Wirtschaft sind rührig am Werk, um den Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft in die Richtung zu lenken, die sie sich wünschen. Es ist zwar bei dem Zustande, in dem sich die deutsche Wirt-
schaft befindet, undenkbar, dass hemmungslos das freie Spiel der Kräfte losgelassen würde, Millionen von Menschen würden dabei zugrunde gehen und man würde im vollständigen Chaos enden … Die Frage ist nicht, ob wieder neues Kapital erarbeitet werden muss, sondern wer dieses Kapital besitzen, wer darüber die Verfügungsgewalt haben soll.“ Der Zug zur Kundgebung auf dem Königsplatz am 25. August führt durch eine Ruinenlandschaft. Auch die Glyptothek ist noch be-
schädigt. Auf dem Königsplatz sind etwa hunderttausend Menschen versammelt. Die Delegierten des Bundestags, an der Spitze Lorenz Hagen und Gustav Schiefer, marschieren durch eine breite Gasse ein. Max Wönner meint: „Der Preiswucher ist eine soziale Gefahr!“10 – Während des Bun-
destages übergibt der Betriebsratsvorsitzende der bei den US-amerikanischen Dienststellen Be-
schäftigten, dessen Wortmeldung nicht berücksichtigt wird, Georg Reuter11 ein Protestschreiben, das dieser an Max Wönner weitergibt.12 Ob der Protest erfolgreich war, ist noch nicht erforscht.

27. August 1948: „Auf dem Viktualienmarkt kommt es erneut zu einem Tumult, als ein Bauer aus der Ampfinger Gegend die Obsternte seines Dorfes nicht der geduldig wartenden Menge, sondern einem Händler das Pfund zu 28 Pf verkauft. Das Überfallkommando ‚rettet’ den Bauern. Anwesen-
de Gewerkschaftsvertreter verlangen die Rückgängigmachung des Geschäfts und verkaufen, nach-
dem keine Einigung zustande kommt, das Pfund Obst für 25 Pf selbst.“13

Am 9. September sprechen sich die Belegschaften von Krauss-Maffei, Rathgeber und Südbremse mit überwältigenden Mehrheiten für Streiks aus. Sie wollen eine fünfzehnprozentige Erhöhung der Tariflöhne.

Die Gewerkschaften sind es vor allem, die gegen den sich abzeichnenden Trend hin in eine Gesell-
schaftsform des bürgerlichen Kapitalismus Vorstellungen eines neuen Staatswesens propagieren, in dem die Schlüsselindustrien vergesellschaftet sind. Das Motto lautet „Wirtschaftsdemokratie“, ein Modell, das auf wirtschaftlicher Selbstverwaltung durch Körperschaften beruht, die paritätisch mit Vertretern der Wirtschaftsverbände und der Gewerkschaften zu besetzen sind. Diese paritäti-
sche Selbstverwaltung soll verhindern, dass sowohl Trusts wie auch staatliche Bürokratie die Wirtschaft beherrschen, und sie soll dazu führen, die Wirtschaft so zu demokratisieren, dass sie gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. In der Auseinandersetzung um den richtigen Weg (Kapitalismus, rheinischer Kapitalismus, Wirtschaftsdemokratie, demokratischer Sozialismus) kommt es am 12. November zu einem vierundzwanzigstündigen Generalstreik, dem ersten und einzigen in der deutschen Nachkriegsgeschichte, der aber in München nur geteilte Aufnahme findet. Die Gewerkschaften erreichen zwar, dass über hunderttausend Menschen demonstrieren. Die Proteste aber verhallen ergebnislos.


1 Chronik der Stadt München 1945 – 1948, bearbeitet von Wolfram Selig unter Mitwirkung von Ludwig Morenz und Helmuth Stahleder, München 1980, 329.

2 A.a.O., 332.

3 Lorenz Hagen stirbt am 23. Juli 1965 kurz nach seinem 80. Geburtstag in München. Nach 1933 fünf mal in „Schutzhaft“ und dreieinhalb Jahre Haft in den KZs Dachau und Buchenwald. Nach 1945 zuerst Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft bayerischer Gewerkschaften“, 1947 Vorsitzender des neugegründeten Bayerischen Gewerkschaftsbundes, 1949 – 1955 Vorsitzender des DGB-Landesbezirks Bayern.

4 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen; 7 Fotos: 24stündige Arbeitsruhe am
23. Januar 1948, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung, Mappe 6a; Foto: Präsident des BGB Lorenz Hagen bei Protestkundgebung gegen schlechte Ernährungslage auf dem Königsplatz am 23. Januar 1948, Standort: Haus der Bayerischen Geschichte, Signatur: bp-1636.4.4. Siehe Gerstenbergs „Hungermärsche – Hungerstreiks“.

5 Siehe Fotos vom „ersten mai“ von Walter Nürnberg. Weitere Fotos: Erster Mai 1948 bei Spiel und Tanz, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung, Mappe 7a.

6 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

7 Siehe Gerstenbergs „Ausgerechnet am 1. Mai …“.

8 Nicht näher bezeichneter Zeitungsausschnitt in der Fotosammlung „12. August 1948“ im Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.

9 47 Fotos: Parlament der Arbeit – 2. Bundestag, Standort: Archiv der Münchner Arbeiterbewegung, Mappe 7c.

10 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen. 24 Fotos: Aktion gegen Preiswucher am 25. August 1948, Standort: Archiv der Münchner Arbeiterbewegung, Mappe 6c.

11 Georg Reuter stirbt am 28. Januar 1969 im 67. Lebensjahr in Bad Salzuflen. 1902 in Essen als Sohn eines Bergmanns geboren, Schlosser, 1918 Eintritt in den Deutschen Metallarbeiterverband, seit 1923 hauptamtlich im Verband der Ge-
meinde- und Staatsarbeiter in Gelsenkirchen, Köln, Berlin, 1933 entlassen, seitdem überwacht und zeitweise inhaftiert, 1946 Generalsekretär des Bayerischen Gewerkschaftsbundes, auf dem Gründungskongress des DGB in München im Oktober 1949 stellvertretender DGB-Vorsitzender und Leiter der Hauptabteilung Organisation.

12 Siehe „An die Bundesvorstandschaft des Bayerischen Gewerkschaftsbundes“.

13 Chronik der Stadt München 1945 – 1948, bearbeitet von Wolfram Selig unter Mitwirkung von Ludwig Morenz und Helmuth Stahleder, München 1980, 407 f.