Flusslandschaft 1972

CSU

Nach einer 16-stündigen Debatte über die Ostverträge mit der Sowjetunion und Polen lässt Mini-
sterpräsident Alfons Goppel im bayrischen Landtag am 25./26. Januar die Frage offen, ob das Bundesverfassungsgericht angerufen wird. Am 17. Mai ratifiziert der Bundestag die Ostverträge. Der Grundlagenvertrag wird am 21. Dezember zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR unterzeichnet.

In einem am 26. April vor den Siemens-Werken verteilten Flugblatt meint der Münchner DKP-
Vorsitzende Ludwig Hankofer über die CSU-Granden: „Sie kaufen Abgeordnete. Sie arbeiten mit kriminellen Fälschungen. Sie stehen im Komplott mit der NPD und anderen neonazistischen Kräften.“ Franz Josef Strauß stellt Strafantrag. Sechs Jahre später wird das Verfahren eingestellt.1

Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Rainer Barzel glaubt im April, Bundeskanzler Willy Brandt mittels eines konstruktiven Misstrauensvotums ablösen zu können. Doch für seine Wahl zum Bundeskanzler fehlen ihm bei der Abstimmung zwei Stimmen. Man munkelt vom Stimmenkauf. Gleichzeitig warnen besorgte Zeitgenossen davor, dass die CDU/CSU im Falle ihres Erfolges Franz Josef Strauß ein hohes Amt in Bonn zur Verfügung stellen werde. In München, Passau und Re-
gensburg entstehen Anti-Strauß-Komitees.

Am 9. Juni veranstaltet die CSU mit Franz Josef Strauß eine Kundgebung auf dem Königsplatz,
die von Protestierenden gestört wird.

Franz Josef Strauß: „Das Bemühen der CDU-Sozialausschüsse um den DGB ist genauso, wie wenn der Orden der Benediktinerinnen in den St-Pauli-Nachrichten um Nachwuchs würbe“.2

„Einstweilige Verfügungen von Strauß – Weiter mit einstweiligen Verfügungen bekämpft Franz Josef Strauß die demokratische Kunst in der Bundesrepublik: die ‚Straußmappe’ einer Reihe be-
kannter Künstler, auf die tendenzen im vorigen Heft hingewiesen hatte, wurde wegen eines Blattes von Diehl in allen fünfzehn Ausstellungsorten inkriminiert. Im Münchner Kunstverein und in anderen Städten musste die Ausstellung der Anti-Strauß-Graphiken abgebrochen werden, weil man hohe Prozesskosten zu gewärtigen hatte. Wie man hört, sollen inzwischen bei dieser Solidari-
tätsaktion für Rainer Hachfeld (die Mappe wird für 750 DM verkauft, wovon ein großer Teil dem Solidaritätsfonds für Hachfeld zufließt) 35.000 DM Umsatz erreicht worden sein.“3

Siehe auch „Medien“.


1 Siehe Der Spiegel 52 vom 25. Dezember 1978, 28 f., www.spiegel.de/spiegel/print/d-40348455.html.

2 Kommentar zu den vergeblichen Bemühungen der CDU um den DGB 1972, in: Handelsblatt vom 3. August 1972.

3 tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 84 vom August/September 1972, 54; vgl. Gabriele Forberg, Karikatur und Justiz — jeweils „gesinnungsmäßig“, in: tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 83 vom Mai/Juni 1972, 31 ff. (mit vielen Strauß-Karikaturen)

Überraschung

Jahr: 1972
Bereich: CSU

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