Flusslandschaft 1983

Kunst/Kultur

Siehe auch „Zensur“.

BILDENDE KÜNSTE

Vom 15. April bis zum 15. Mai zeigt der Berufsverband Bildender Künstler München und Ober-
bayern
in der Galerie der Künstler in der Maximilianstraße 42 die Ausstellung „Friedenszeichen – Kriegsmale“. Ein Werk beeindruckt mit seiner scheinbaren Reduktion. Pavel Zelechovsky hat alle Namen im Münchner Telefonbuch einzeln ausgestrichen und auf die gelben Bände einen Telefon-
apparat mit abgenommenem Hörer gestellt. Aus diesem hören die Besucher die permanente Wie-
derholung: „Dieser Teilnehmer ist nicht mehr erreichbar.“ — Eine zweite Ausstellung unter dem selben Motto ist in der Kleinen Schlossgalerie in der Hirschgartenallee 43 zu sehen. Die dritte Ausstellung im Pavillon im Alten Botanischen Garten heißt schlicht „Frieden“.1

Die Kammerspiele zeigen den „Neuen Prozess“ von Peter Weiss. Das Foyer hat Bernd Schmidt-Pfeil aus Bergkirchen im Dachauer Land, drei Jahre Flugzeugelektroniker bei der Luftwaffe, dann Bordelektriker auf See, mit einer sechs Meter langen Nachbildung einer modernen amerikanischen B-77-Atombombe, mit einem lebensgroßen, aus Aluminium gegossenen General, mit einer resig-
nierten „deutschen Führungskraft“ mit heruntergelassenen Hosen und mit Computerterminals be-
stückt: Tickende Signale irritieren die Ohren, Worte des Friedensforschers Alfred Mechtersheimer sind zu lesen. Der „entscheidende“ General hält im „Nuclear Environment“ den Schlüssel zur Welt-
vernichtung in der Hand. – Der Plastiker würde gerne alle seine Werke wie „Frau im Wahn“ und „Christus des XX. Jahrhunderts“ in München ausstellen. Schmidt-Pfeil: „Ein Mitarbeiter des Kul-
turreferats hat mir gesagt, meine Werke würden die Bundeswehr beleidigen und das ginge nicht. Und ein Beamter des Kultusministeriums meinte: ‚Sie sind für München zu unbequem. Wir wollen hier solche Probleme nicht‘.“2

Es geht um die Umwelt: Der Schutzverband Bildender Künstler zeigt im Pavillon im Alten Botani-
schen Garten die Ausstellung „Das verlorene Paradies“.3

HALLENKULTUR

Das Tanztheater Neger verleiht einem noch namenlosen Veranstaltungsort in einer ehemaligen Münchner Bundeswehrkaserne in der Dachauerstraße 128, wo heute das Goetheinstitut steht, einen legendären Namen: die Negerhalle (1983 – 1989). Sie ist eine der ersten großen Werkhallen in Deutschland, welche für Kunst, Theater und große Partys genutzt wird. Bonger Voges erhält dafür den Titel „Begründer der deutschen Hallenkultur“. Neben der Alabamahalle und anderen Initiativen in Europa ist Voges sicher einer der Mitbegründer dieser sich in den folgenden Jahren etablierenden Trends: heraus aus dem konventionellen Kulturbetrieb zu gehen und meist leerste-
hende Industriehallen als theatralen Raum zu nutzen. Gleiches gilt für die Partykultur der 90 Jahre.

THEATER

Beim Theaterfestival dramatisiert Michael Simbruk im Mai Hans Henny Jahnns letzten Roman „Die Nacht aus Blei“ mit der Musik von Peter Michael Hamel. Die beiden männlichen Figuren Matthieu und Anders werden von Frauen, Elvira und Franz von farbigen Darstellern im Keller 8 in der Lagerhalle beim Ostbahnhof gespielt.

Am 21. November diskutieren Autorinnen und Autoren, Regisseure und SchauspielerInnen über die desolate Lage der Münchner Kleintheater. Es sind dies „Therese Angeloff, Autorin, Rola Sachsberger, Amateurkabarett ‘Münchner Sati(e)rschutzverein’, Gerhard Polt, Autor und Schau-
spieler, Hartmut Baum, Regisseur, Gabriele Dossi, Schauspielerin, Sarah Camp, VS-Vertreterin, Boris Heczko, Theaterwissenschaftler, Sepp Bierbichler, Schauspieler, Wolfgang Anraths, Regis-
seur und Schauspieler. Kaum eine andere Stadt bietet eine so große Zahl von kleinen Theatern wie München. Neben hauptberuflich spielenden/hungernden Mimen bieten Amateurgruppen ihre Kunst dar. Weder Keller noch Wirtshaussäle sind vor ihnen sicher. Gesichert ist auch nicht die so-
ziale Sicherheit der Theaterleute. Autoren, Regisseure und Schauspieler bangen oft um jede Vor-
stellung. Wenn man damit vergleicht, wie bei den Münchner Kiesl-Wurm-Filmfestspielen oder der kultusbayerischen Wittelsbacher-Ausstellung – vom Kostenskandal beim Deutschen Theater oder Kulturpalast Am Gasteig ganz zu schweigen – das Steuergeld zum Fenster hinausgeschmissen wurde, fragt man sich unwillkürlich: gibt es auch in der Theaterszene Klassenkampf? Die kleinen Theater sind die Theater des kleinen Mannes. Wenn sie benachteiligt werden, geht das auch uns was an. Deshalb wollen wir uns aus erster Hand über die Probleme der Münchner Kleintheater informieren.“4

(zuletzt geändert am 18.3.2020)


1 Vgl. „Der Frieden, das ist der höchste Schwierigkeitsgrad“. Ein Gespräch von Rolf Liese, Carl Nissen, Jost Maxim und Ernst Antoni in: tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 142 vom April 1983, 22 ff.

2 Abendzeitung vom 8. August 1983, 16.

3 Vgl. tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 144 vom Oktober 1984, 31.

4 Deutscher Freidenkerverband e.V. Ortsgruppe München, Veranstaltungs-Programm 1983, München 1982, 17. Siehe „Kleintheater in München“ von Boris Heczko.