Flusslandschaft 1985

Internationales

Allgemeines
Türkei
Nicaragua
Iran
Vietnam
UdSSR
Philippinen
Südafrika
Israel und Palästina
Sri Lanka
Ecuador
El Salvador und USA


6. Mai, zwei Tage nach dem Weltwirtschaftsgipfel: „‚Ich hab das Geld – mir die Welt!’ Maskierte Gestalten spielen verzückt mit einer Weltkugel auf dem Marienplatz. Der Papst baggert dem Reagan zu, der pritscht zu einer Maske mit Dollarzeichen, Money gibt ab an einen Bonzen mit Aktenkoffer, welcher wiederum zu einem Schweinchen im Managerdress schmettert. Zwei (echte) Zivis: ‚Werds fei net politisch.’ Völlig losgelöst tänzeln die Herren und Damen (Maggie) in Rich-
tung Stachus. Aus heiterem Himmel ein Überfall: Lumpenverhüllte, verdreckte Gestalten stürzen sich aus einer Gasse auf die Bonzen: wilder Kampf um die Erde. Schreien, Kratzen, Prügeln. Ihr habt uns die Welt gestohlen, gebt sie wieder her. Ein Krach, die Erde ist geplatzt. Ein paar Büffelwannen rücken an, die Masken verschwinden, normale Menschen verlassen den Platz.“1

TÜRKEI

Am 11. Januar verteilen dreißig Türken und Deutsche Flugblätter vor dem Werkstor von BMW. Sie fordern zu Gegendemonstrationen gegen die berüchtigten „Grauen Wölfe“ auf, wie die rechtsex-
treme Türk-Föderation bzw. die türkischen Idealistenvereine genannt werden. Diese planen für den 13. Januar eine Kundgebung im Schwabinger Bräu, Leopoldstraße 82. Auch Rechtsextreme verteilen am 11. Januar Flugblätter. Ein Wort gibt das andere, es kommt zu einem Handgemenge und einer der „grauen Wölfe“ wird durch Messerstiche verletzt. Die Polizei verhaftet daraufhin zwei linke Türken, später noch einen dritten. Ihnen droht die Abschiebung und das bedeutet in der Türkei Folter und auch Tod. Die Veranstaltung der Rechtsextremen am 13. Januar wird von einem großen Polizeiaufgebot beschützt.

NICARAGUA

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Diese Zeichnung ist auf Briefverschlussmarken, auf Aufklebern und auf Jutetaschen häufig zu sehen.

Am 26. Januar findet eine Demonstration veranstaltet vom Münchner Aktionsforum Mittelame-
rika
unter dem Motto „Frieden für Nicaragua“ mit etwa 2.000 Teilnehmern statt.3 Die Münchner Bert-Brecht-Brigade baut zwei Kindergärten in San Miguel und La Asucena sowie eine Kinder-
tagesstätte in San Carlos in der Region Rio San Juan, der ärmsten in Nicaragua. Gleichzeitig besuchen im August 1985 fünfundzwanzig junge Münchner Gewerkschafter aus sieben Einzel-
gewerkschaften Rio San Juan. Daraus entstehen vielfältige Kontakte; der DGB-Kreisvorstand beschließt im Frühjahr 1986 umfassende Maßnahmen zur Unterstützung Nicaraguas mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit, Sammlungen und Aufbauhelfern.

IRAN

Am 9. Februar kommt es zu einem Protestmarsch gegen das Khomeini-Regime im Iran.4

VIETNAM

Die Gesellschaft für die Freundschaft zwischen den Völkern in der BRD und der Sozialistischen Republik Vietnam veranstaltet zum 95. Geburtstag von Ho Chi Minh am 16. Mai einen „Bunten Nachmittag für Onkel Ho“ im Schwabinger Bräu, Leopoldstraße 82.5

UdSSR

Anton Labryga fotografiert am 21. Mai das Demonstrationszelt für die Freiheit des russischen Bürgerrechtlers Sacharow. Auf einer Tafel vor dem Zelt ist zu lesen: „Wir fasten für Sacharow.
Wir bitten um Ihre Unterstützung!“6

PHILIPPINEN

Vom Jahresbeginn bis zum Juni sind 117 Menschen verschwunden, 219 von Militär und Polizei auf offener Straße erschossen und 175 von paramilitärischen Einheiten ermordet worden. Der Wider-
stand gegen die „US-Marcos-Diktatur“ wächst.7

SÜDAFRIKA

Im Juli und August befinden sich jeden Donnerstag Mahnwachen vor dem Südafrikanischen Generalkonsulat, Sendlinger-Tor-Platz 5.8

Am 26. August protestieren elf Mitglieder des Marxistischen Studentenbundes gegen das Regime in Südafrika.9

Am 4. Oktober findet eine weitere Demonstration gegen das Apartheidregime auf dem Marienplatz statt.10

Siehe auch „Kunst/Kultur“.

ISRAEL und PALÄSTINA

Um Fuad Hamdan sammeln sich in München lebende PalästinenserInnen und Jüdinnen und Juden und gründen 1985 die Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe, die bis heute (2010) vermutlich die einzige Gruppe in Deutschland ist, die zeigt, dass Angehörige der beiden Völker konstruktiv, solidarisch und freundschaftlich Vorurteile abbauen, den verfahrenen israelisch-palästinensischen Konflikt aufzulösen beanspruchen und in Deutschland versuchen, Öffentlichkeit herzustellen und die deutschen Regierungen auffordern, sich nicht hinter Betroffenheitsrhetorik zu verstecken, sondern Stellung zu beziehen.

2010 schreibt die Gruppe:

„Wir unterstützen Initiativen und Dialoggruppen im Nahen Osten, Europa und den USA und organisieren Veranstaltungen, zu denen wir u.a. israelische und palästinensische Gäste einladen, um so durch Information der Öffentlichkeit zum besseren Verständnis des Konfliktes und zum Abbau von Vorurteilen beizutragen.

Durch unsere Arbeit tragen wir dazu bei, dass es zu einer Verständigung und einem dauerhaften und gerechten Frieden zwischen unseren Völkern kommt.

Es ist vordringlich, politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Verhältnisse zu schaf-
fen, unter welchen sich die palästinensischen Araber in Israel frei von jeder Diskriminierung als in jeder Hinsicht gleichberechtigte, gleichwertige und gleichbehandelte Bürger fühlen.

Wir treten für ein sofortiges Ende der Besatzung und die Errichtung eines palästinensischen Staates in den Grenzen von 1967 ein. Wir lehnen die einseitige Schaffung von Fakten, die einen Friedensprozess und die Durchsetzung der vorliegenden Prinzipien gefährden, namentlich die Landnahme und Verschiebung der demographischen Verhältnisse in den palästinensischen Gebieten als eine Form der Gewalt ab. Wir fordern den sofortigen Abbau der checkpoints im Westjordanland und die sofortige Beendigung der Wirtschaftsblockade und Abriegelung von Gaza. Die jüdischen Siedlungen im Westjordanland und in Ostjerusalem sind völkerrechtswidrig und stellen ein Hindernis auf dem Weg zur Verständigung und zu einem dauerhaften Frieden dar, so dass sie deshalb zu räumen sind. Es muss für Jerusalem eine Lösung als künftige Hauptstadt für beide Völker gefunden werden.

Unsere Grundsätze: Kein Mensch darf seine Heimat verlieren, weil ein anderer dort seine Heimat sucht. Für jene, die im Verlauf des Konfliktes Land und/oder Heimat verloren haben, müssen gerechte Lösungen gefunden werden.

Die Beziehungen zwischen den Palästinensern und Israelis sollen auf der Grundlage vollständiger Gleichberechtigung beruhen und von Respekt, Rücksichtnahme und einem Menschenbild, das die Menschenwürde als unantastbar anerkennt, getragen sein.

Gewalt ist kein Mittel der Konfliktlösung zwischen unseren Völkern. Wir wollen einen regelmä-
ßigen intensiven Dialog zwischen Palästinensern und Juden anregen im Bestreben, gemeinsam Geschichte und Schicksal des anderen kennen zu lernen, Gemeinsamkeiten zu pflegen und Unterschiede zu respektieren und Auswege aus der gegenwärtigen Hilflosigkeit zu finden.

Wir halten einen regen kulturellen und wirtschaftlichen Austausch unter Juden und Palästinensern und entsprechende Bildungsprogramme und Erziehungsprogramme für
geeignete und wichtige Mittel, diesen Dialog zu fördern.

Wir setzen uns gegen jede Form von Rassismus, Islamophobie und Antisemitismus ein.“11

SRI LANKA

Am 9. November demonstrieren Tamilen aus Sri Lanka.12

ECUADOR

„… Indianer Ecuadors wehren sich gegen ein gigantisches Ölpalmen-Projekt, an dem unter ande-
rem auch die DEG (Deutsche Entwicklungsgesellschaft) beteiligt ist. Ein dringender Aufruf an uns, die Indianer beim Schutz ihres Lebensraumes zu unterstützen. Weitere Informationen: Broschüre ‘Ölpalmenplantagen’, 64 S., 5.- DM inkl. (bitte in Briefmarken beilegen) an AG SPAK, Kistlerstr. 1, 8000 München 90.“13

EL SALVADOR und USA

Die 1980 auf Initiative der US-Botschaft und das American Institute for Free Labor Development (AIFLG) gegründete Gewerkschaft Unidad Popular Democratica (UPD) emanzipierte sich in den letzten Jahren immer mehr von der Korruptionspolitik der USA und der eigenen Regierung. Da-
raufhin gründet die AIFLG im Dezember 1985 eine neue Gewerkschaft, die Central de los Trabaja-
dorers Democraticos
(CTD).14 Massaker an der Zivilbevölkerung, Luftbombardements der Land-
bevölkerung und der Terror der Todesschwadronen dauern an. Die Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional (FMLN) kämpft weiter.


1 Spion. Zeitung für München 32 vom Juni 1985, 15.

2 Briefverschlussmarke, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

3 Vgl. Süddeutsche Zeitung 21/1985 und 23/1985.

4 Vgl. Süddeutsche Zeitung 35/1985.

5 Vgl. Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.

6 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

7 Vgl. Gert Rüppel, „Warten bringt keine Freiheit“ in: links. Sozialistische Zeitung 191 vom Februar 1986, 23.

8 Vgl. Süddeutsche Zeitung 176/1985.

9 Vgl. Süddeutsche Zeitung 196/1985.

10 Siehe „Ohne Polizei …“.

11  www.jued-pal-dialoggruppe-muenchen.de

12 Vgl. Süddeutsche Zeitung 260/1985.

13 links. Sozialistische Zeitung 190 vom Januar 1986, 34.

14 Vgl. Helmut Seifried, Die Gewerkschaftsbewegung — „dritte Kraft“ in El Salvador? in: links. Sozialistische Zeitung 213 vom Dezember 1987. 40.