Flusslandschaft 1987

Rechtsextremismus

Immer wieder wird der „hilflose Antifaschismus“ diskutiert. Die einen meinen, er bewirke mit seinen ritualisierten Abläufen und den immer gleichen deklamatorisch heruntergeleierten Versatzstücken Gewöhnungsprozesse und Gleichgültigkeit, andere meinen, dass der zeitgenössische „Faschismus“ gerade mal in gesellschaftlichen Nischen vor sich hin kümmere, jeglichen Anschluss an gesellschaftliche Entwicklungen verloren habe und daher nur noch Projektionsfläche von Ängsten sei, die von den eigentlichen Problemen ablenke. Zeitgeist-Sezierer Horx meint: „Die Vision eines ‚Neuen Faschismus’ sagt eher etwas über die Paranoia seiner Beschwörer als über die gesellschaftliche Realität.“1

Am 5. Februar verhindern etwa zwanzig „Vermummte“ einen Vortrag zur „Deutschlandpolitik“ der Burschenschaft „Danubia“.2

„In München gründet am 5. März 1987 Gerhard Frey die Partei DVU (bisher nur Verein), die sich bis 2005 zur mitgliederstärksten rechtsextremistischen Partei entwickelt; die ‚Deutsche Volks Union’ verfügt über Landesverbände in allen Bundesländern und ist bald sowohl in Landtagen als auch in Kommunalparlamenten vertreten, wobei sie mehrfach zweistellige Wahlergebnisse erzielt; 1999 leben 95 Prozent ihrer Mitglieder in den alten Bundesländern (‚Wessie-Partei’); 2004 kommt es zwischen DVU und NPD zu einer Wahlabsprache über eine gemeinsame ‚nationale Liste’; ihre höchste Mitgliederzahl erreicht die DVU mit 26.000 in den Jahren 1992 – 1993.“3

„Im Albrecht Knaus Verlag (München und Hamburg) erscheinen die ‚Memoiren’ der NS-Regisseurin und Schauspielerin Leni Riefenstahl; die gebürtige Berlinerin und langjährige Wahlbayerin berichtet darin u.a. von ihrem berüchtigten Film ‚Tiefland’: ‚… Um das spanische Kolorit zu verstärken, hatte ich Harald Reinl (ihren Regieassistenten, R.S.) … beauftragt, auch Zigeuner zu engagieren, junge Männer, Mädchen und Kinder. Er fand sie in Salzburg, wo er sie in einem nahe gelegenen Zigeunerlager auswählte. Nach dem Kriege musste ich verschiedene Prozesse führen, und während ich dies schreibe, wird in dieser Sache abermals verhandelt. Verantwortungslose Journalisten hatten behauptet, ich hätte die Zigeuner persönlich aus einem KZ-Lager geholt und sie als „Arbeitssklaven“ benutzt. In Wahrheit war das Lager … zu dieser Zeit kein KZ-Lager. Ich selbst konnte nicht dabei sein … Die Zigeuner, Erwachsene wie Kinder, waren unsere Lieblinge. Wir haben sie nach dem Krieg fast alle wiedergesehen. Die Arbeit mit uns sei die schönste Zeit ihres Lebens gewesen, erzählten sie. Niemand hatte sie zu diesem Bekenntnis veranlasst’. “4

Am 17. August begeht Rudolf Heß, der ehemalige „Stellvertreter des Führers”, im alliierten Militärgefängnis Berlin-Spandau Selbstmord. Für Rechtsextreme ist es Mord. Am 21. August sind in den Hauseingang des Infoladens in der Breisacherstraße 12 in Haidhausen Parolen wie „Rache für Heß“ gesprüht, eine Fensterscheibe wurde eingeworfen. Als Täter werden „Teds“ vermutet, die in der Haidhauser Gaststätte Klostergarten ihr Stammlokal haben. Die Autonomen versuchen mit den Rechten ins Gespräch zu kommen. Am 25. September greifen etwa fünfzig „Teds“, Fußballfans und Rechtsextremisten etwa dreißig Autonome in der Breisacherstraße an. Kurz vor Eintreffen der Polizei singen sie das „Horst-Wessel-Lied“. Einige von ihnen werden verhaftet.5

„Connections – Es scheint, als ließen sich die Anfang der 70er Jahre immer nur vermuteten, nie beweisbaren Verbindungen zwischen der CSU und der damaligen »Aktion Widerstand« nun nachträglich belegen. In der Reihe »Berichte und Studien der Hanns-Seidel-Stiftung« des »R.S. Schulz«-Verlages in Percha am Starnberger See erschien ein »Politisch-Pädagogisches Handwörterbuch«, herausgegeben von Klaus Hornung und Peter Gutjahr-Löser. Neben Autoren wie Karl Dietrich Bracher oder Josef Stingl, neben Erwin Scheuch und Ex-Kultusminister Hans Maier schreiben hier auch Günter Bartsch und Wolfgang Strauss. Bartsch gilt inzwischen als Anhänger des »national revolutionären« Rechtsextremismus und publiziert auch eifrig dort bei verschiedenen Splittergruppen, wie der »National politischen Sicht« des Karl E. Naske (Euskirchen), der als Verwalter des politischen Erbes Otto Strassers gilt. Strauss kommt von der »Unabhängigen Arbeiterpartei« her, die der DSU Strassers entstammte. Er hatte enge Kontakte zur »Aktion Widerstand« und gründete die dem radikalen Flügel der NPD entstammende »Aktion neue Rechte« mit. Deren Zeitschrift »neue zeit« führte Strauss jahrelang, auch nachdem sich die ANR gespalten hatte; Strauss gehörte der abgespaltenen »Nationalrevolutionären Aufbauorganisation/Sache des Volkes« an. Er hatte in den 70er Jahren weiterhin Verbindungen zur NPD und referierte bei den »Jungen Nationaldemokraten«. Heute ist er häufiger Autor in der neofaschistischen Zeitschrift »Nation Europa« und bei »Criticon«.“6

Rudolf Heß wird zum Märtyrer, rechtsextremistische Bewegungen bekommen einen neuen „Aufschwung“. Das Bayrische Fernsehen plant im Dezember in seiner Reihe Live aus dem Alabama eine Sendung unter dem Titel „Der Tote von Spandau mobilisiert die Szene“. Schon im Vorfeld hagelt es Proteste. Am Abend der Sendung belagern etwa zweihundert Antifas die Alabamahalle. Polizei ist aufgefahren, zivil gekleidete Beamte des K 14 (politische Polizei) stehen überall herum und mischen sich unter die Demonstranten. Zwei Mercedes-Wägen fahren vor, in ihnen Mitglieder der rechtsextremen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP). Die Polizei räumt ihnen den Weg frei. Andere Neonazis, die Zugang suchen, können daran gehindert werden. Schließlich fällt die Sendung aus.7


1 Matthias Horx, Die wilden Achtziger. Eine Zeitgeist-Reise durch die Bundesrepublik, München 1987, 146.

2 Vgl. Spion. Zeitung für München 53 vom März 1987, 4.

3 Robert Schlickewitz, Sinti, Roma und Bayern. Kleine Chronik Bayerns und seiner „Zigeuner“, 2008, www.sintiromabayern.de/chronik.pdf, 152.

4 A.a.O., 152 ff.

5 Vgl. freiraum — Die Zeitung aus dem Nichts 19 vom Herbst 1987, 22 ff.

6 Konkret 12 vom Dezember 1987, 39.

7 Vgl. Demokratischer Informationsdienst 67 vom Januar 1988, 41.