Flusslandschaft 1964

Internationales

Panama und USA
Mexiko
Brasilien und USA
USA und Haiti
Vietnam und USA
Kongo und BRD


PANAMA und USA

Vom 9. bis 11. Januar kommt es in Panama im Laufe von Auseinandersetzungen in der so genann-
ten Flaggen-Frage zu anti-amerikanischen Demonstrationen und Ausschreitungen, in deren Ver-
lauf 23 Panamaer und 4 US-Soldaten sterben und 200 Panamaer und 34 US-Soldaten verletzt werden. Panama bricht am 10. Januar die diplomatischen Beziehungen zu den USA ab.

MEXIKO

Seit vier Jahren sitzt David Alvaro Siqueiros im Gefängnis von Mexiko-City. HAP Grieshabers Holzschnitt für den Gefangenen ist in der Neuen Münchner Galerie zu erwerben:

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HAP Grieshaber: Holzschnitt für den gefangenen Siqueiros.

BRASILIEN und USA

Der brasilianische Präsident João Belchior Marques Goulart plante seit 1961 behutsame soziale Reformen: Kapital darf nur noch bis zu einer bestimmten Höhe außer Landes gebracht werden. Sein „Plano Nacional de Adultos“ hat zum Ziel, zwei Millionen Erwachsenen das Lesen und Schreiben sowie etwas politische Bildung beizubringen. Er räumt auch Analphabeten das Wahl-
recht ein. Nachdem er aber auch noch eine Tochter des US-Konzerns ITT verstaatlicht, organisiert die CIA am 31. März 1964 einen Putsch und bringt eine Militärjunta an die Macht, die alle Sozial-
reformen rückgängig macht und die diplomatischen Beziehungen zu Kuba abbricht. Das neue Regime unter Marschall Humberto Castelo Branco unterdrückt die linke Opposition. „Präsident Johnson erkannte in einem enthusiastischen Gratulationstelegramm am 2. April 1964 das brasilia-
nische Militärregime von General Castello Branco an, noch ehe dieser den Putsch gegen die demo-
kratisch gewählte Regierung Goulart hatte beenden, noch sich als Diktator installieren können. »Die amerikanische Anerkennung wurde empfangen, noch ehe Goulart nach Uruguay hatte ent-
fliehen und noch ehe die Frage seiner Nachfolge oder deren Verfassungsmäßigkeit hatte gelöst werden können.«“2 In den ersten Wochen nach der Machtergreifung werden etwa 7.000 Menschen verhaftet. Die Putschisten lösen Parteien auf und gründen neue. Sie entfernen missliebige Beamte, Gouverneure und Abgeordnete aus ihren Ämtern, verhängen Hausarrest … Über Jahre nimmt der Terror zu. Während der Diktatur werden mindestens 475 Menschen ermordet, viele von ihnen „verschwinden“; 24.560 Personen werden verfolgt. Die Diktatur endet am 14. März 1985 mit der Ernennung von José Sarney zum Präsidenten.

USA und HAITI

Seit 1957 gelang es dem ehemaligen Landarzt François „Papa Doc“ Duvalier, in Haiti die Macht an sich zu reißen. Er setzt sich mit Unterstützung der USA 1964 zum Diktator ein und wird durch die terroristischen Gewalttaten der so genannten Tontons Macoutes bekannt.

VIETNAM und USA

Die US-Luftwaffe beginnt am 1. Juni mit dem Flächenbombardement auf Südvietnam. Am 28. Juli kommt es zur Tonking-Affäre: Die US-Armee provoziert einen militärischen Zwischenfall in inter-
nationalen Gewässern vor Nordvietnam, um einen Vorwand für die Ausweitung des Krieges zu schaffen. Am 7. August erhält US-Präsident Johnson vom Kongress eine Generalvollmacht zur Kriegführung gegen Nord-Vietnam. Bis zu diesem Zeitpunkt sind die Vereinigten Staaten für die Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung quer durch alle Generationen eine positive Projekti-
onsfläche. Gerade für die Jugendkultur sind die US-amerikanischen „Mitbringsel“ nach 1945 kon-
stitutiv. Jetzt aber wird dem Glauben an „freedom and democracy“ ein schwerer Dämpfer versetzt, wenn im Namen der Menschenrechte vietnamesische Dörfer bombardiert werden. Gerade viele Jugendliche sagen, wir werden nicht dazu schweigen, so wie unsere Eltern zu den NS-Verbrechen geschwiegen haben. Am 14. August findet in München eine Demonstration gegen den Angriff der US-Amerikaner gegen Nordvietnam statt.3 Nicht zuletzt in den USA selbst beginnt der Aufstand. Berkeley wird zum Zentrum der Studentenrevolte und damit weltweit zum Vorbild.4

Bis zu seinem Ende entwickelt sich der Krieg zu dem Katalysator einer globalen Protestbewegung gegen den US-amerikanischen Imperialismus.

KONGO und BRD

Patrice Èmery Lumumba, der erste Ministerpräsident des ehemaligen Belgisch-Kongo, jetzt unab-
hängigen Kongo, wurde am 17. Januar 1961 ermordet. Moïse Kapenda Tschombé, führender Politi-
ker der an Bodenschätzen reichen Provinz Katanga, war mit Unterstützung westlicher Geheim-
dienste, belgischer Beamter und der Union Minière führend an diesem Mord beteiligt. Am 10. Juli 1964 wurde er Ministerpräsident des Landes. In dieser Eigenschaft besuchte er die Bundesrepublik und wurde von Bundespräsident Heinrich Lübke und hochrangigen Politikern empfangen. Zu-
gleich kam es im ganzen Land zu Demonstrationen, die sich gegen die Ermordung Lumumbas, Tschombés Zusammenarbeit mit der ehemaligen Kolonialmacht Belgien und internationalen Bergbaukonzernen sowie den Einsatz von Söldnern richteten.

Die Berliner und die Münchner Sektion des SDS verfassen im Dezember gemeinsam ein Flugblatt zum Tschombé-Besuch in Berlin. In München sind an den Protesten gegen Tschombé, der wäh-
rend einer Audienz bei Erzbischof Kardinal Döpfner von Studenten mit Rauch- und Stinkbomben beworfen wird, am 14. Dezember Mitglieder der Subversiven Aktion beteiligt.5

Am 16. Dezember 1964 wird in München ein Ermittlungsverfahren gegen Tschombé-Demonstran-
ten eröffnet.6


1 tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 25 vom Februar 1964, unpag.

2 Riordan Roett, Brazil in the Sixties, Vanderbilt University Press, Nashville 1972, 91; Telegrammtext in: Public Papers
of the Presidents of the United States, Lyndon B. Johnson, 1963 – 1964, United States Government Printing Office, Washington: 1965, 433. Vgl. ferner: M. R. Martin, Gabriel H. Lovett, Encyclopedia of Latin American History, Indiana-
polis-New York (o.J.), 57 sowie, neuerdings, die in der Johnson Library in Austin, Texas, zugänglichen, im Dezember 1976 freigegebenen Dokumente, denen zufolge der Putsch von einer starken US-Flotte gestützt wurde. Aus den neuen Papieren ergibt sich ferner, dass der neue Diktator, General Branco, einer der engsten Freunde des US-Militärattachés in Brasilien, General Vernon Walters war, der 1976 von seinem Posten als zweiter Mann der CIA zurücktrat. Vgl. die Berichte von Lewis H. Diuguid in Washington Post und New York Post, 27.12.1976, zit. in: Reinhard Lettau, Frühstücksgespräche in Miami, Frankfurt am Main 1979, 120.

3 Siehe „Die ‚Vergeltungsschläge’ der USA“.

4 Der Münchner Rechtsanwalt Dr. Hartmut Spiess studierte in dieser Zeit in Berkeley und erwähnt, dass die Ereignisse
ihm die Möglichkeit eröffneten, politisches Bewusstsein zu entwickeln und seine Erfahrungen hierher nach München mitzubringen. Gespräch am 26. September 2010 mit G. Gerstenberg.

5 Siehe „Was hat der Mörder Tschombé bei uns zu suchen?“ und „Im Dezember 1964 …“ von Niels Seibert.

6 Siehe Süddeutsche Zeitung 301/1964; siehe „Weihnachtsevangelium“ 1962, „Es mussten Konfliktpunkte …“ von Bernd Rabehl 1963, „Bei der Aktion …“ von Bernardo di Chocosi, „Das Entscheidende an Kochel …“ von Dieter Kunzelmann und „In einem internen Streit der Gruppe …“ von Bernd Rabehl 1964 sowie „Ab April 1965 …“ von Bernd Rabehl 1965.