Flusslandschaft 1965

StudentInnen

Die Defizite bei den Studienbedingungen an der Münchner Uni sind unübersehbar. Angehörige des Rings Christlich-demokratischer Studenten (RCDS), die den AStA stellen, lehnen ein allgemein politisches Mandat völlig ab und engagieren sich lediglich für hochschulpolitische Reformen. Sie werden allerdings von ihren Parteifreunden in der Bayerischen Staatsregierung im Stich gelassen. Der Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) ruft bundesweit in 120 Städten für den 1. Juli zu Protesten „gegen den Bildungsnotstand“ auf. Vor fast 5.000 Studierenden spricht ab 11 Uhr im Lichthof der Uni der ehemalige Rektor der Uni und jetzige Präsident der Deutschen Forschungsge-
meinschaft
Prof. Julius Speer und der AStA-Vorsitzende Kurt Faltlhauser (CSU).1 Noch hat der konservative AStA unter seinem Vorsitzenden Faltlhauser die Diskurshoheit über die Studierenden an der Uni. Viele Studierende aber empfinden diese Versammlung mit diesen Rednern als ledig-
lich „sittsames Kolleg“ ohne jede Relevanz. Sie wollen schärfer argumentieren, sie wollen auf die Straße. Ab 12 Uhr demonstrieren nach einem Aufruf des AStA der Technischen Hochschule über 10.000 Studierende – es ist die größte Studentendemonstration der Nachkriegszeit – von der TH an der Arcisstraße über die Ludwigsstraße zum Königsplatz.2 Uni-Studenten schließen sich dieser Demo mit Transparenten „Geld für die Lehre statt Bildungsmisere“ und „Deutschland – Land der geistigen Kleingärtner“ an. Auf Transparenten ist außerdem zu lesen: „Konkordat + Zwergschulen = Mittelalter – Schulen unserer Demokratie – Inseln einer Hierarchie“ und „Ausgaben für Schulen und Hochschulen in % des Volkseinkommens: UdSSR 7%, USA 6%, Schweden 5%, BRD 3,8%“. Sprechchöre ertönen: „Bayern in der Bundesliga – doch in der Bildung müde Krieger“, „Der Bun-
despräsident war in der Zwergschule – man merkt es“ und „58, 59, 60 Bildungsnotstand rächt sich“. Auf dem Königsplatz spricht der Rektor der TH sowie TH-AStA-Vorsitzender Klaus Irm-
scher, der erklärt, „es sei an der Zeit, dass sich die deutsche Studentenschaft etwas von der Stellung zurückerobere, die sie im vergangenen Jahrhundert besessen habe, ‚als sie noch so etwas wie die Avantgarde und geistige Unruhe der Nation war’. ‚Das geschlossene Auftreten aller deutschen Stu-
dentenschaften am 1. Juli kann ein neuer Anfang in der Geschichte der deutschen Studenten-
schaft sein.’“3

Die außerparlamentarische Studentenbewegung bekommt Zulauf. Am 24. Juni ist in München eine weitere Kundgebung gegen den Bildungsnotstand geplant.4

Am 14. Juli protestieren Studierende auf dem Geschwister-Scholl-Platz gegen das schlechte Men-
saessen. Auf einem Schild steht „Heute Betreten des Rasens ausdrücklich erlaubt“.5

1947 wurde der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) als sozialdemokratisch orientierter Studentenbund gegründet, von dem sich die Partei 1960 getrennt hat. Am 19. Dezember verschickt der Münchner SDS Einladungen zu einem Seminar über „Revolution und Organisation bei Marx und Lenin". Das Seminar soll vom 4. – 6. Februar 1966 in München stattfinden. Es beschäftigt sich mit dem „Verhältnis von Marxismus und Leninismus unter dem Gesichtspunkt von Revolution und Partei und der Rolle von Gewalt und Staat“. Unterthemen sollen unter anderem sein: Marx und Engels über die Frage der Partei, Marx und Engels über die Revolution und die Diktatur des Proletariats, Lenin: Der Imperialismus und seine Folge, die ‚kombinierte’ Revolution, Lenin: Die Rolle von Staat und Gewalt in der Revolution, die Partei als organisierte Avantgarde, Kampf gegen den Revisionismus.6

Siehe auch „Gedenken“ und „SPD“.


1 Vgl. Redeauszüge in: Süddeutsche Zeitung 157 vom 2. Juli 1965, 11 ff.

2 Siehe „Kommilitone!“ und „Bildungsnotstand rächt sich“ von Heidrun Bleeck.

3 Süddeutsche Zeitung 157 vom 2. Juli 1965, 12; vgl. Münchner Merkur 157/1965 und Abendzeitung 156/1965. Fotos: Stadtarchiv Standort Rudi Dix-Archiv. Mappe 0076 Studenten. Siehe „Die 68er-Bewegung: Persönliche und gesellschaftliche Wirkungen“ von Kurt Faltlhauser.

4 Vgl. Münchner Merkur 150/1965.

5 Fotos: Stadtarchiv Standort Rudi Dix-Archiv. Mappe 0076 Studenten.

6 Vgl. SDS-Korrespondenz 1, Frankfurt, vom Januar 1966, 43 f.