Flusslandschaft 1968

Gewerkschaften/Arbeitswelt


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Verteilt am Ersten Mai

Die Mai-Kundgebung des DGB auf dem Königsplatz besuchen dreißigtausend Menschen, darunter viele Gastarbeiter und Studenten. Das nichtssagende Motto lautet „Starke Gewerkschaften – Deine Sicherheit – DGB“. Die anwesenden Demonstrantinnen und Demonstranten geben der Versamm-
lung aber ein neues Gepräge. Die APO trägt Tafeln mit Fotos von Marx, Engels, Che Guevara, Mao, Ho Chi Minh und Rudi Dutschke mit und stimmt zum Abschluss die „Internationale“ an. In den umliegenden Straßen stehen fünf Hundertschaften der bairischen Bereitschaftspolizei zum Ein-
satz bereit.2 Im Anschluss an die Kundgebung ziehen etwa tausend Griechen, Studenten und ehe-
malige Mitglieder der verbotenen KPD, von der Polizei ausgiebig fotografiert und gefilmt, zur Aka-
demie der Bildenden Künste
, Akademiestraße 2 – 4. Als beim Einbiegen in die Luisenstraße ein Polizist auf die nichtgenehmigte Demonstration hinweist, meint ein Grieche aus der ersten Reihe lakonisch: „Heute ist unser Tag.“3 Rufe „Bürger lass das Glotzen sein, komm herunter, reih’ dich ein“ und „Mörder Patakos“ sind zu hören. Rhythmisch erklingt das „Hena, Hena, Tessera“, das auf den Widerstandsparagraphen 114 der griechischen Verfassung hinweist. Die ersten Gruppen mit entsprechend beschleunigten Sprechchören traben untergehakt los, andere laufen hinterdrein, mal schneller, mal langsamer. Die Demos von 1968 ziehen oder stauchen sich wie riesige Akkordeons. „Die Polizei verhaftete einige Aktivisten … Ein führender Gewerkschafter begab sich nach der Kundgebung in das Polizeipräsidium an der Ettstraße, um die Freilassung der Verhafteten zu er-
wirken. Doch die Verhafteten selbst bestanden auf Haft und erkennungsdienstliche Behandlung durch die ‚Organe des Obrigkeitsstaates’ und verzichteten ausdrücklich auf ihre Freilassung. Für den Gewerkschafter, der Widerstand und Illegalität im III. Reich riskiert hatte, war dieses Ver-
halten unbegreiflich: ‚Wie kann man sich, indem man den Staat als Repressionsinstrument vor-
führen will, freiwillig und ohne Not in die Dateien der Fahndungsapparate begeben!?’“4

Am 6. Mai versammeln sich die Münchner Akkordarbeiter in einem Bierkeller zu einer Protest-
versammlung.

Von der Kunstakademie an der Akademiestraße 2 – 4 aus beginnt am 20. Mai ein Protestmarsch gegen die Notstandsgesetze von etwa zweitausendfünfhundert Studentinnen und Studenten durch die Amalienstraße, den Oskar-von-Miller-Ring, den Stachus zum Gewerkschaftshaus an der Schwanthalerstraße 64. Die Demonstranten, unter ihnen Frank Wolff vom SDS-Bundesvorstand in Frankfurt, fordern die Gewerkschaftsführer auf, zum Generalstreik aufzurufen. Im Hof des Ge-
werkschaftshauses steht eine Hundertschaft der bairischen Bereitschaftspolizei zum Einsatz bereit. Der Haupteingang ist verschlossen, die Bund-Buchhandlung hält demonstrativ die Türen auf. Es wird heftig diskutiert. Der bairische IG Metall-Vorsitzende Erwin Essl stimmt zwar dem „Mut zur politischen Aktion“ zu, lehnt aber den Generalstreik ab. DGB-Kreisvorsitzender Ludwig Koch be-
tont, der Generalstreik sei nicht eine Frage des Mögens, sondern eine Frage des Könnens. Nach stundenlangen Debatten ringt sich die Münchner DGB-Führung zu einem gemeinsamen Aktions-
ausschuss und einer Aufklärungskampagne in Münchner Großbetrieben durch. — Gerd Elvers er-innert sich ein Jahr später: „Zum Höhepunkt der Antinotstandskampagne marschierten spontan Tausende von Münchner Studenten zum dortigen DGB-Haus und diskutierten in einer improvi-sierten Massenveranstaltung mit Gewerkschaftsvertretern. Ein Gewerkschafter rief damals den Studenten zu: ‚Zwanzig Jahre haben wir auf Euch gewartet, dass Ihr Euch uns anschließen würdet, und Ihr kamt nicht. Heute kommt Ihr endlich. Hoffentlich ist es nicht zu spät.’“5 — Am folgenden Tag spricht sich die Vertreterversammlung der IG Metall für einen Generalstreik der fünfzigtau-send Mitglieder des Bezirksverbandes München aus. Hinter den Fassaden des Gewerkschaftshau-ses gibt es in den letzten Tagen des Mai 1968 erbitterte Auseinandersetzungen. Diejenigen, die sich gegen einen Generalstreik aussprechen, verweisen immer wieder auf die nur zögerliche Unterstüt-zung der Anti-Notstandskampagne durch die Belegschaften in den Betrieben.6

Studenten sammeln vor den BMW-Werken Unterschriften für einen Generalstreik gegen die Not-
standsgesetze, im Aktionszentrum in der Fallmerayerstraße in Schwabing-West wird ein Hunger-
streik durchgeführt.

Die IG Metall ruft am 24. Mai zu einer Kundgebung gegen die geplanten Notstandsgesetze auf.7

Ende Mai: Vor den Agfa-Werken demonstrieren Kabarettist Wolfgang Neuss und Gaston Salvato-
re. Dreihundert Arbeiter der Waggonfabrik Rathgeber streiken, im Piper-Verlag wird eine Reso-
lution gegen die Notstandsgesetze verabschiedet.

Siehe auch „AusländerInnen“, „Frauen“, „Militanz“, „StudentInnen“ und „Mein Mann liebt die Wirtschaft …“.


1 Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

2 Fotos von Rudolf Pröhl befinden sich in der Fotosammlung des Archivs der Münchner Arbeiterbewegung.

3 Süddeutsche Zeitung 105/106 vom 2. Mai 1968, 14.

4 Alto Gebhard, Hundert Jahre 1. Mai. Der Arbeiterkampf- und feiertag in München, München 1990, 57 f.

5 Gerd Elvers: „Studenten und Gewerkschaften“ In: Gewerkschaftliche Monatshefte 7 vom Juli 1969, 405.

6 Vgl. Süddeutsche Zeitung 122/1968.

7 Vgl. Abendzeitung 125/1968.