Flusslandschaft 1968

SchülerInnen

Anfang Februar 1967 wurde mit Unterstützung des Berliner SDS — unter maßgeblicher Beteiligung des Berufsschülers Michael Lukasik sowie des Oberschülers Peter Brandt — die Unabhängige Schülergemeinschaft (USG) gegründet. 1968 ist die USG auch in München aktiv.1 Einige Mitschüler empfinden die Proteste ihrer Klassenkameraden als ungehörig; einer, der im Ludwigsgymnasium an der Fürstenriederstraße in Laim aktiv ist, gründet eine Gegenorganisation.2 Peter Gauweiler gehört zu den „anderen 68ern“, der einerseits von seiner konservativen Position her gegen die „Linke“ auftritt, andererseits in die CSU eintritt, um sie vom Honoratiorenstatus, vom Gesinnungskatholizismus und von überkommenen innerparteilichen Gepflogenheiten zu befreien und zu modernisieren. Manch alten CSUler beschleicht da ein Gefühl von Unwohlsein: Ist das noch seine alte Partei, in der Peter Gauweiler „Demokratisierung“ fordert.

Am 2. März demonstrieren Schülerinnen und Schüler auf dem Königsplatz. Eine Hundertschaft der Bayerischen Bereitschaftspolizei steht zum Einsatz bereit.

Die Humanistische Union veranstaltet im März ihre zweite Folge des „Jugendseminars für Geschlechtserziehung“.3

Die Schülerinnen und Schüler machen mobil. Ihre Zeitung, die Ende März erscheint, heißt „mobil“. Redaktionsmitglieder sind unter anderem Peter Brandt und Richard Rothgeber.

Ende Mai streiken auch Schülerinnen und Schüler gegen die Notstandsgesetze. Während das städtische Schulreferat Verständnis für die Proteste ab einschließlich der 11. Klasse bekundet und von Sanktionen absieht, verlangt das Kultusministerium für staatliche Schulen Anwesenheitspflicht. „Mit Ketten und Vorhangschlössern versperrt — An einigen Oberschulen ergriffen die Schulleitungen strenge Maßnahmen, um den Streik, für den bereits in den vergangenen Tagen mit Flugblättern geworben wurde, zu unterbinden: am Wilhelms-Gymnasium wurde das Eingangstor abgesperrt und die Hintertüre durch ein Lehrerfahrzeug blockiert, am Ricarda-Huch-Gymnasium wurden anfangs alle Klaßzimmertüren abgeschlossen, die Ausgänge des Maria-Theresia-Gymnasiums wurden vom Direktor mit Ketten und Vorhängeschlössern verriegelt. Am Theresien-Gymnasium wurden alle 200 streikenden Schüler der Friedrich-Liszt-Wirtschaftsaufbauschule vom Direktor wieder ‚hinauskomplimentiert’, während sie von der Direktorin der Salvatorschule die Gelegenheit erhielten, eine halbe Stunde lang vor der Schülerschaft die Gründe und Ziele ihrer Aktion zu erklären. Das Albert-Einstein-Gymnasium schickte die Unterklassen um 11.30 Uhr nach Hause. Die Oberklassen diskutierten unter Beteiligung von Lehrkräften anschließend in der Turnhalle. Am Oskar-von-Miller-Gymnasium durften die Schüler der 9. bis 13. Klassen bereits am Montag eine Stunde lang bei einem ‚Teach-In’ im Schulhof über die Notstandsgesetze diskutieren. Der Streik am Dienstag wurde aber von der Schulleitung untersagt, fehlende Schüler sollten gemeldet werden. Doch ein Gymnasialprofessor erklärte seiner Klasse: ‚Das mache im nicht, ich hätte in meiner Jugend auch gestreikt.’ Den Schülern des Luitpold-Gymnasiums gab die Schulleitung neben dem Erlass des Ministeriums auch die Ankündigung bekannt, dass die Gewissensentscheidungen von Schülern respektiert werden würden. An mehreren städtischen Gymnasien wurde — entsprechend dem Rundtelefonat des Schulreferats, ‚das keine Aufforderung zur Streikteilnahme ist’ — Straffreiheit zugesichert.“4

„… Die Schule ist in den wenigsten Fällen eine Stätte, wo die Schüler zum selbständigen Denken angeregt werden, sondern meist wird dort ein Stoff eingepaukt, dessen Relevanz für das spätere Leben dem Schüler nicht einmal einsichtig gemacht wird. Die Verdinglichung des Lehrstoffes (um einen Begriff von Th. W. Adorno zu gebrauchen) fördert so das Konsumentenverhalten des Jugendlichen und präformiert bereits den zukünftigen Studenten für seine rezeptive Rolle in der Universität, wo er ebenfalls tendenziell dazu neigt, die dargebotene Wissenschaft als Ware zu konsumieren. Wenn man diese überwiegend autoritäre Erziehung in Elternhaus und Schule betrachtet und weiter in Rechnung stellt, dass ¾ der Studenten aus Schichten stammen, die für autoritär-antidemokratische Einstellungen tendenziell anfällig sind, so wundert man sich nicht über die Ergebnisse der Habermas-Studie ‚Student und Politik’ aus dem Jahre 1957, die ergab, dass höchstens 25 Prozent der Studenten ein demokratisches Potential darstellen, weitere 25 Prozent dagegen offen autoritären Gesellschaftsvorstellungen anhängen, während die Hälfte als unpolitisch, d.h. potentiell obrigkeitlich eingestuft werden musste … Reiner Jendis“ 5

Im Juni konstituiert sich der Humanistische Schülerbund (HSB). Er will eine Sammelbewegung von demokratisch gesinnten, kritischen SchülerInnen schaffen und sich aktiv und konstruktiv für eine Demokratisierung und Liberalisierung von Schule und Erziehung in der BRD einsetzen.

Zweihundert SchülerInnen marschieren am 1. Juli von der Universität zum Kultusministerium und verlangen Hubers Absetzung. Eine Parole lautet: „Gott erhalte Huber — möglichst bald“.

11. September: Zum Schulanfang streiken Eltern und Kinder der Volksschule an der Schulstraße in Neuhausen gegen die Auflösung von zwei Klassen.

Im Oktober gibt die Münchener USG folgende Perspektiven für 1969 bekannt: „Das folgende Jahr soll von der USG selbst zur theoretischen Aufarbeitung der Aktionen und zur Dezentralisation auf die einzelnen Schulen genutzt werden. Die Basis der Schüler soll durch Gruppen an den einzelnen Schulen erweitert werden, die allen Beteiligten die Möglichkeit zur aktiven Mitarbeit geben. Diese Basisgruppen sollen die konkreten Konflikte an ihren Schulen aufgreifen, öffentlich machen, verschärfen, um so die Schüler von einem konkreten, nachvollziehbaren, vielleicht personalistischen Problem zu gesamtgesellschaftlichen Dimensionen zu führen. Beispielsweise durch einen Angriff auf die funktionslose SMV (Schülermitverwaltung). … Der politische Arbeitskreis kann umfunktioniert werden von einem abstrakt-theoretischen Palaververein zu einer konkreten politischen Aktionsgruppe, die unter Umständen in einer Antizeitung eine kontinuierliche Kritik an den Zuständen in den Schulen üben kann. Die Stadtgruppe USG erhält dabei die Aufgabe, auftretende psychische Spannungen (durch Elternhaus beispielsweise) überwinden zu helfen und durch einen Erfahrungsaustausch die Ohnmachtsgefühle zu vermindern.“6

Eltern und Kinder der Volksschule an der Berner Straße in Fürstenried-Ost treten am 21. November für mehr Lehrerinnen und Lehrer in den Schulstreik.

Auch in den Schülerzeitungen regt sich ob mit Unterstützung oder gegen den Widerstand des Vertrauenslehrers Widerspruchsgeist.7

Siehe auch „Religion“.


1 Siehe „Wieder einer weg!“.

2 Siehe „Was brauchen Bayerns Schulen?“ von Peter Gauweiler.

3 Siehe „Zweite Folge des ‚Jugendseminars für Geschlechtserziehung’“.

4 Süddeutsche Zeitung 129 vom 28. Mai 1968.

5 Demokratische Universität. Kritische Arbeitskreise in München. Hg. von der ADU (Aktionsgemeinschaft Demokratische Universität) (2. Juni 1968), 9.

6 apo press 20 vom 14.Oktober 1968.

7 Siehe „demokratisierung“ von Michael Stralek.