Flusslandschaft 1969

Rechtsextremismus

Im Bavariakeller an der Theresienhöhe 7 findet am 21. März eine Kundgebung „gegen jeden neuen Faschismus“ statt.1

Der Ostermarsch am 30. März richtet sich vor allem gegen Thadden, Springer und Strauß. Es sprechen vor etwa zweitausendfünfhundert Menschen Walter Listl von der SDAJ und Rainer Jendis vom SDS.2

Die Arbeiter-Basis-Gruppen (ABG) führen, erstmalig im Anschluss an die Beteiligung an der DGB-
Kundgebung auf dem Königsplatz in München eine 1. Mai-Veranstaltung durch, die unter dem Motto „Arbeitermacht statt Sozialpartnerschaft“ steht. „Nach der DGB-Kundgebung gingen die Sozialdemokraten zum Stammtisch, die APO Gruppen, soweit vorhanden, formierten sich zu einer von den Griechen angemeldeten Demonstration zum ‚Schwabingerbräu’, wo die NPD ihre Mai-Fei-
er abzog. Trotz der sehr schlechten Kommunikation (die Aufforderung zur Demonstration ging von Mann zu Mann3, nicht über Flugblätter oder Lautsprecher) zogen etwa eintausendfünfhundert Antifaschisten zum ‚Schwabingerbräu’. Die anfängliche Verbalradikalität kam jäh zum Erliegen, als die Demonstranten vor den Polizeibarrieren standen. Die Polizeisperren zu durchbrechen, wäre einer Selbstaufopferung gleichgekommen; denn auf die wenigen, die heil durch die Polizeisperren gekommen wären, warteten schon am Eingang kampfgeschulte NPD-Ordner, um sie kurz und klein zu schlagen. Eine Gegenkundgebung mit aufklärendem Wert für die Bevölkerung konnte man auch nicht aufziehen, weil man in aller aktionistischen Eile die Megaphone vergessen hatte. Bei
der einsetzenden Frustration standen die meisten passiv da und warteten, dass irgend jemandem etwas einfiele; andere jedoch machten aus der Situation das Beste, in dem sie versuchten, mit den umstehenden Passanten in ein Gespräch über die Bedeutung der NPD zu kommen. Eine gespann-
tere Atmosphäre entstand, als NPD-Veranstaltungsteilnehmer das ‚Schwabingerbräu’ verließen. Die Antifaschisten bildeten ein Spalier mit hochgestreckten Armen, ‚Sieg-Heil’ schreiend, durch das die Faschisten gehen mussten.“4 „Trixi Holzmüller, verheiratete Frings und verwandt mit Georg Elser, fällt bei dieser Demonstration vor dem Schwabinger Bräu, Leopoldstraße 82, einem Polizisten in den Arm, um die Verhaftung eines Freundes zu verhindern. Sie wird festgenommen und eingesperrt; es finden Demonstrationen für ihre Freilassung statt.“5

Am 17. Juni kommt es zu Protesten gegen eine Wahlkundgebung der NPD.

Aktion Januar 1968 – Vorsitzender: Frank Arnau; Sitz: München. Die ‚Aktion Januar 1968’, die sich später in „Demokratische Aktion gegen Restauration, Rechtsradikalismus und Notstandsplä-
ne’ umbenannte, wurde im Januar 1968 von der HU, Gewerkschaftsorganisationen und Studen-
tenverbänden gegründet. Die Aktion betätigte sich besonders eifrig gegen die Notstandsgesetze. Seit ihrer Verabschiedung liegt ihre Hauptbeschäftigung in der politischen Propaganda. Sie gibt unregelmäßig, aber sehr häufig Pressemitteilungen heraus. Ihr geschäftsführender Sekretär Kurt Hirsch ist auch Herausgeber der Schriftenreihe ‚gestern und heute’.“6

„In der Hoffnung, er könnte mit den NPD-Leuten diskutieren, suchte am 19. Juli der Münchner Medizinstudent Karl E. (22) eine Versammlung der Nationaldemokraten auf. Doch das einzig schlagende Argument, das er an diesem Abend wahrnahm, verspürte er in seinem Bauch. Dort traf ihn der Schlag des Münchner NPD-Vorsitzenden Gerhard M. (29).“7

„Gegen das rote Ganovenpack – Ich habe mit Freunden gelesen, daß die häutige Jugend sich doch nicht verdummen läßt. Sie sprechen mir aus dem tiefsten Herzen. Ich hab selbst als Lantzer gegen das rote Ganofenpack gekämft. Die faulen Kerle sollen zuerst mal ihren Werdienst leisten. Diese Plärrer gehören alle in Knast. Bei Adolf wären sie schon längst darin, und da gäb es auch nicht die ganzen Studentenkarnewalle. Ich wähle dismal die NPD. Der Herr Tadden wird diesen kommuni-
stischen Horden schon in Sack treten. — Ein deutscher Arbeiter — L. Dummler, München — P. S. Warum müßt ihr immer Herrn Hitler durch den Dregg ziehen, ihr jungen Redagtöre wist ja gar nicht was dieser Mann für uns Arbeiter getan hat.“8

Bundestagswahlen am 28. September: Adolf von Thadden (NPD) spricht aus einem Gehäuse aus wurfsicherem Glas hinter einem dichten Polizeikordon auf dem Mariahilfplatz in der Au. Was er sagt, kann infolge des Pfeifkonzerts niemand verstehen. Schließlich verlässt er in einem gepanzer-
ten Wasserwerfer den Schauplatz.

Für den 8./9. November lädt der Bund Deutscher National-Sozialisten (BDNS) zur zweiten überregionalen Tagung in den Bürgerbräukeller an der Rosenheimer Straße 11 in Haidhausen.9


1 Siehe „21. märz“.

2 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen. (hier: „29.3.1969“) Stadtarchiv, Zeitgeschichtliche Sammlung 190/5. und Fotos von Dimitri Soulas, Fotomuseum.

3 Es waren allerdings nicht wenig Frauen dabei!

4 apo press. Informationsdienst für die Außerparlamentarische Opposition 15 – 17/II vom 13. Mai 1969, 21. Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

5 Hella Schlumberger am 8. August 2010.

6 Politische Studien. Zweimonatsschrift für Zeitgeschichte und Politik 186 vom Juli/August 1969, 443.

7 Abendzeitung vom 23. September 1969.

8 konkret. Monatszeitung für Politik und Kultur 18 vom 25. August 1969, 2.

9 Siehe „Ganz in Schwarz“.