Flusslandschaft 1970

Kunst/Kultur

Im März erscheint das Kursbuch 20. Über ästhetische Fragen. Sein Umschlag ist schwarz. Richy Meyer erinnert sich: „Ich hab’ ja unter Schlägen gelernt, dass man nix stielt. Daran hab’ ich mich immer gehalten. Aber als das Kursbuch 20 erschien mit dem Schwerpunkt Ästhetik, hab’ ich mich dazu entschlossen, es zu klauen. Abgesehen davon wollte ich es lesen und hatte keine müde Mark. Die Frage stellte sich mir: Hat die Ästhetik eine Bedeutung im politischen Kampf? Da gabs ja Ge-
nossen im Anzug und gut gescheitelt, die zu mir sagten, dass ich mit meiner Felljacke und mit meinen langen Haaren und dem ganzen Auftreten der Ästhetik der Arbeiterklasse nicht gerecht werde und damit der gemeinsamen Sache schade. Gut, ich bin zum Hugendubel, den ich nicht mochte, weil er in der Konkurrenz die kleinen Buchhandlungen kaputt machte, und sah mich um. Da lag ein ganzer Stapel Kursbücher, ich nahm eins und legte einen reifen roten Apfel, den ich in der Tasche meiner Jacke aufbewahrt hatte, auf das Heft wie auf ein Tablett. Ja, und dann trug ich demonstrativ den Apfel auf dem ‚Tablett’ aus dem Laden. Nix passierte. Da dachte ich mir, die Genossen haben schon recht, die Ästhetik spielt im politischen Kampf eine Rolle, vielleicht sogar eine größere. Zum Glück hatte ich aber keinen Pfennig Geld, um mir einen Anzug zu kaufen. Im nachhinein gesehen war das auch ein Glück!“1

KINO

2

„Der Ortsverband München hat sich massiv für die Fortführung des weit über die Grenzen Mün-
chens bekannten Filmstudios in der Occamstraße eingesetzt. Das Studio, dem die Räume durch die Spatenbrauerei gekündigt worden waren, soll nun mit Unterstützung der Stadt und unter Beteili-
gung der Humanistischen Union als gemeinnützige Institution neu gegründet werden. Einer ent-
sprechenden Eingabe an die Stadt wurde mit fast 1.500 Unterschriften Nachdruck verliehen.“3

THEATER

Am 6. Mai kommt im Nebenzimmer der Gaststätte im Fäustlegarten in Schwabing als erste Pro-
duktion „Die Soldaten“ von Jakob Michael Reinhold Lenz im Freien Theater München (FTM) heraus. Um George Froscher und Kurt Bildstein wird das FTM schon nach wenigen Jahren eine namhafte freie Bühne, die auf allen bedeutenden Festivals weltweit auftritt.

„Das Theater am Sozialamt (TamS) wurde 1970 von dem Autor und Schauspieler Philip Arp und seiner Partnerin Anette Spola gegründet. Bekannt wurde es mit den Valentinaden von Arp, mit denen es an die Tradition des münchnerischen Volkstheaters von Karl Valentin mit seinem hin-
tergründigen und skurrilen Humor anknüpfte. Das TamS verteidigt seine Nische in der Theater-
landschaft kontinuierlich und definiert sie zugleich immer wieder neu. Das TamS ist das Zuhause für Eigenbrötler, Eigensinnige und Hintersinnige, für die traurigen Clowns, die großen Spieler und Verlierer, die uns so sehr zum Lachen bringen, für die Nachfolger Becketts. Autoren wie Robert Walser, Daniil Charms, Robert Gernhardt, Thomas Bernhard – um nur einige zu nennen – wurden hier neu für das Theater entdeckt. Autorenprojekte mit Gerhard Polt, Maria Peschek, Burchard Dabinnus, werden im Team mit Hausautor Rudolf Vogel und Anette Spola entwickelt.“4

In vielen Städten beginnen junge Theatermacher speziell für Jugendliche zu spielen. In München gründet sich 1970 um Wolfgang Anraths zunächst als Straßentheater das theater k (theater k[ollektiv]). Im Juli 1971 produziert das Ensemble die „Bottroper Protokolle“ von Erika Runge; im September 1971 entsteht während des Metallarbeiterstreiks „Der Boss sind Wir“. 1972 folgt Uwe Timms „Die Steppensau oder Lehrjahre sind keine Herrenjahre“.5 Ab Herbst 1973 steht dem En-
semble ein eigener Raum in der Kurfürstenstraße 8 in der Maxvorstadt zur Verfügung. Man will aber auch weiter auf der Straße und in Versammlungen auftreten. „Das theater k spielt engagiertes, kritisches, emanzipatorisches Theater dort, wo sich Jugendliche aufhalten. In Freizeitheimen, Ge-
werkschaftshäusern, Bürger- und Jugendzentren, sogar im Gefängnis. Das theater k(ollektiv) hat engen Kontakt zu seinem Publikum und entwickelt daraus einen eigenen Stil mit viel Action und Akrobatik. Die Sehgewohnheiten der Jugendlichen werden aufgenommen, Identifikationsfiguren geschaffen, in deren Konfrontation sich dann die gesellschaftlichen Widersprüche spiegeln. Wolf-
gang Anraths starb 1990.“6

BILDENDE KÜNSTE

Reicht es aus, sich abstrakt für eine Verbesserung der „bösen Welt“ einzusetzen. Ein Beitrag zur Diskussion vom Maler Guido Zingerl.7

12. Juni: In der Nacht vor der Eröffnung der „Großen Kunstausstellung“ im Haus der Kunst be-
werfen Unbekannte den Eingang mit Farbbeuteln und pinseln „Kunst – Alibi des Kapitalismus“ an die Wand.

„Die Ausstellung ‚Polit-Kunst, München’ bis Ende August in der Neuen Münchner Galerie wurde zweimal vom Staatsanwalt heimgesucht. Auf Anzeige eines Ungenannten musste ein Plakat ‚Nixon-Delikt Völkermord’ aus dem Schaufenster entfernt werden, weil statt des x bei Nixon das Haken-
kreuz verwendet worden war. Die zweite Inkriminierung galt dem bereits mehrfach verfolgten Pla-
kat von Rainer Hachfeld (Westberlin), welches Strauß als vielbeinigen Faschisten in Hakenkreuz-
form zeigt. Die Stadt München gewährte gegen heftigen Einspruch der CSU DM 1.000.- Zuschuss für die Ausstellung. Die Objekte wurden ohne Galerieanteil rein zugunsten der Künstler verkauft, Umsatz immerhin fast DM 2.000.-.“8

„‚Verändert die Welt! Poesie muss von allen gemacht werden!’ Unter diesen Titeln zeigte der Kunstverein-München bis September eine vom Moderna Museet/Stockholm übernommene Aus-
stellung, welche die hier ‚Entmaterialisierung’ genannten Veränderungen der Künste in Richtung auf gesellschaftliche Aktionen zeigen soll. In vier Abteilungen werden vorgeführt: 1. die szenischen Bräuche eines Eingeborenenstammes aus Neuguinea, 2. die großen Agit-Prop Szenarien der ‚Prole-
tarischen Kultur’ in der Sowjetunion, 3. die gesellschaftlichen Intentionen des Dadaismus und 4. die sozialen Ideen des Surrealismus. Ein aufwendiger Katalog (englisch und schwedisch) begleitet die Schau, auf die ‚tendenzen’ noch ausführlich zurückkommen wird. In einer fünften, optisch be-
herrschenden Abteilung präsentierte der Kunstverein unter seinem neuen Leiter Reiner Kallhardt (siehe ‚tendenzen’ 66 ‚Tatlin in München’) die Plakate, Aufrufe, Flugblätter, Aktionen und Wand-
malereien des revolutionären Asta der Münchner Kunstakademie, die vor einem Jahre zur Schlie-
ßung der Akademie und zur polizeilichen Besetzung des Klenze-Baus geführt hatten. In der Rekon-
struktion bemalten die Studenten ‚original’ die Wände des Kunstvereins. Die Stimmung schlug hoch, Presse und Fernsehen hatten ein gefundenes Fressen – doch die museale Aufbereitung einer politischen Aktion keine 12 Monate nach ihrer brutalen staatlichen Unterdrückung behielt etwas Gespenstisches.“9 – Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus moniert die Do-
kumentation über die Streiks und Besetzungen an der Münchner Kunstakademie 1968/69, erwar-
tet vom Vorstand des Münchner Kunstvereins einen Report und stellt die weitere Bewilligung von Zuschüssen in Frage. Kunstverein-Vorstandsvorsitzender Siegfried Janzen, von Beruf Siemens-Vorstandsdirektor, entschuldigt sich schriftlich und ordnet an, dass der Münchner Zusatz in der fünften Abteilung abgebaut werden solle. Darauf verlangen die Schweden, dass auch ihre Ausstel-
lung abzubauen sei. Am 3. August wird „Verändert die Welt!“ vorzeitig geschlossen. Am 28. August teilt das Ministerium mit, „dass es nicht angängig sei, Bestrebungen des Terrors und gewaltsamen Umsturzes mit Steuermitteln, die zur Kunstpflege bestimmt sind, zu subventionieren“.10 — Am 15. September diskutiert eine außerordentliche Mitgliederversammlung das Verhalten des Vorstands des Kunstvereins und wählt ihn mit 265 zu 51 Stimmen ab.11

AKTIONEN und VERLAGE

Im Oktober schließt nach 367 Tagen mit etwa fünfzig Aktionen der Aktionsraum 1 in der Walther-
straße 25 in der Isarvorstadt. Die Organisatoren gründen danach die A1 Informationen Verlags-
gesellschaft
mbH, die unter anderem ab Juli 1973 die ersten Hefte der Münchner Stadtzeitung Blatt druckt.

HA Schult, der schon gemeinsam mit Günter Saree und Ulrich Herzog am 15. Juni 1969 in der provokanten „Aktion Schackstraße“ für Aufregung sorgte, steigt am 16. Oktober 1970 vor der Feldherrnhalle in einen Citroen und fährt los. Der Macher (nicht Künstler) beginnt mit seinem Projekt „20.000 Kilometer“. Er fährt auf unterschiedlichen Routen zwanzig Tage lang jeden Tag von München nach Hamburg und zurück.12 Der Münchner Stammtisch ist sich einig: „A solchener Kaschperlkopf, dea schpinnt ja vom Boa weg mit seim Schmarrn, soller doch arbeitn geh, des hätts untam Hitla net gem!“


1 Richy Meyer am 31. März 2013

2 Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

3 Mitteilungen der Humanistischen Union 41 vom Mai 1970, 2.

4 www.tamstheater.de/tams.htm

5 Vgl. Wolfgang Anraths, Dramaturgische Aspekte antimonopolistischer Theaterarbeit. I. Das Rollenspiel, in: tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 85 vom Oktober/November 1972, 48 f. und Wolfgang Anraths, Dramaturgische Aspekte antimonopolistischer Theaterarbeit. Bildnerische Konzeptionen III, in: tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 88 vom April/Mai 1973, 38 f.

6 Schwabing extra. Zeitung der Schwabinger Friedensinitiative 5/1993, 8.

7 Siehe „Die guten Menschen in der Kunst“ von Guido Zinger

8 tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 70 vom November 1970, 248.

9 tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 69 vom September/Oktober 1970, 200.

10 Zit in: Manfred Wegner/Ingrid Scherf, Wem gehört die Stadt? Manifestationen neuer sozialer bewegungen im München der 1970er Jahre, München 2013, 16.

11 Siehe „Mit einem vollen Erfolg der Opposition …“.

12 Siehe „Erstens war ich nur einmal Geisterfahrer …“von HA Schult.

Überraschung

Jahr: 1970
Bereich: Kunst/Kultur

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