Flusslandschaft 2019

Gedenken

Am Abend des 21. Februar spricht im vollbesetzten Saal des Alten Rathauses anlässlich der hundertsten Wiederkehr des Mordes an Kurt Eisner unter anderen Max Uthoff.1 Wolfgang Blaschka steht als Kurt Eisner Rede und Antwort.

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Eisner und der OB

Werner Thiel ist seit Jahren dran, den Zaun am Ostbahnhof, vor dem das bekannte Foto der Mit-
glieder der Weißen Rose gemacht worden war, als historisches Denkmal zu erhalten. Er schlägt vor, den Zaun zunächst einzulagern anstatt ihn zu vernichten und den Schulen, die nach den Ge-
schwistern Scholl und ihren Mitstreitern heißen, jeweils ein Element anzubieten. Thiel schreibt der Süddeutschen Zeitung einen Leserbrief.3

Am 14. März berichtet die Wochenzeitung DIE ZEIT über die Aktion Wolfram Kastners, der An-
fang Juli 2014 mit zwei Kollegen einen überdimensionalen Hindenburgkopf von der Klostermauer in Dietramszell im oberbayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen entfernte. Der Artikel be-
wegt den Münchner Paul Blauhorn zu einem Leserbrief.4



Am 13. April 1919 beschlossen die Arbeiter- und Soldatenräte im Münchner Hofbräuhaus, die so-
genannte zweite Räterepublik auszurufen. Im Frühjahr 2018 hat der Sprecher des plenum R, Reinhard Mosner, das »Münchner Zimmer« in eben dieser Bierfestung für eine Veranstaltung am 13. April 2019 angemietet, die an die Münchner Räterepublik vor Hundert Jahren erinnern soll. Die Bestellung wurde vom Pächter des Hauses bestätigt. Jetzt, am 5. April, besinnt der sich eines besseren: »Da der politische Hintergrund der Veranstaltung zum Zeitpunkt der Reservierung nicht bekannt war, können wir den Raum nicht zur Verfügung stellen und müssen die geplante Veran-
staltung stornieren.« Erst die einstweilige Verfügung des Landgerichts München I verpflichtet den Pächter, den Saal zur Verfügung zu stellen. Streitwert sind 6.000 Euro. Die Veranstaltung ist am 13. April überfüllt, viele müssen wieder gehen. Reinhard Mosner moderiert, der Historiker Her-
mann Kopp von der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal hält ein Referat und Michaela Dietl singt Arbeiter-Lieder.


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Während im Hofbräuhaus der zweiten Räterepublik gedacht wird, fährt der Arbeiterbund mit Kleinlastwagen durch die Altstadt und agitiert in erster Linie Touristen.


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Am Ersten Mai jährt sich zum hundertsten Mal die blutige Niederschlagung der Räterepublik. Um 13 Uhr findet eine Kundgebung gegenüber dem Eingang zur Residenz auf dem Odeonsplatz statt. Im Aufruf des Gedenkkomitees heißt es: „Vor 100 Jahren wurde das revolutionäre München von der Reichswehr und ihren faschistischen Hilfstruppen, den Freikorps, militärisch erobert. Über 1.000 Münchner RevolutionärInnen ließen dabei ihr Leben. All dies geschah im politischen Auf-
trag der sozialdemokratischen Reichsregierung um Ebert und Noske bzw. der ins Exil geflohenen bairischen sozialdemokratischen Führung unter Hoffmann. Damit wurde der erste Versuch der bairischen ArbeiterInnenbewegung im Blute ertränkt, eine praktische Konsequenz aus 4 Jahren deutscher imperialistischer Eroberungskrieg mit Millionen von Toten zu ziehen und eine Welt ohne kapitalistische Ausbeutung und Krieg auf zu bauen. Der kurze Frühling der sozialistischen Revolution und der Räterepublik Baiern war beendet. Die folgende Wiedereinsetzung bürgerlich-kapitalistischer Macht- und Eigentumsverhältnisse und die fanatische Unterdrückung basisdemo-
kratischer und revolutionärer Politik sind die Geburtsstunde der „Ordnungszelle Bayern“ als Wiege des Nationalsozialismus und einer reaktionären, rechten Politik in Deutschland bis in die Gegen-
wart. Wir gedenken der ermordeten RevolutionärInnen. Solange es kapitalistische Ausbeutung, Unterdrückung und imperialistische Kriege gibt, so lange wird es auch einen Kampf dagegen ge-
ben. Kommt zur Gedenkkundgebung, um dies am 1. Mai, dem internationalen Tag der ArbeiterIn-
nenbewegung, zu zeigen.“

Am 5. Juni eröffnet das Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg. In seiner Daueraus-
stellung wird die Geschichte Bayerns vom Beginn des Königreichs bis heute auf über 2.500 m² in der Abfolge von Generationen erzählt. Carl Blauhorn und Wolfram Kastner besuchen den Event und sind mehr als beeindruckt.7

Für Sonntag, 21. Juli, haben der Aktionskünstler Wolfram Kastner und weitere Unterstützer beim Landratsamt Rosenheim eine politische Versammlung auf der Fraueninsel im Chiemsee angemel-
det. Sie informieren dort über den Skandal, dass auf dem Klosterfriedhof weiterhin ein „Ehren-
kreuz“ für den Hauptkriegsverbrecher Alfred Jodl steht, der als verantwortlicher Hitler-General für hunderttausende ermordeter Menschen in Nürnberg verurteilt und hingerichtet wurde. Vor dem Friedhof erläutert ab 11 Uhr Wolfram Kastner den aktuellen Sachstand, Michael Heininger liest Be-
richte von Überlebenden der Hungerblockade in Leningrad und Texte aus dem Buch „Die letzten Zeugen“ der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und Michaela Dietl singt und spielt auf dem Akkordeon osteuropäische Weisen. Obwohl Jodls Leiche nicht auf dem Klosterfried-
hof der Fraueninsel liegt – seine Leiche wurde 1946 eingeäschert und die Asche in einen Seitenarm der Isar gestreut – befindet sich dort seit 1953 ein Gedenkstein. Auf dem großen Steinkreuz einge-
meißelt sind neben Jodls Namen und dem Geburts- und Sterbedatum ein Eisernes Kreuz wegen seiner „militärischen Verdienste“ sowie sein militärischer Rang. Am 09. Oktober 2018 wurde der Künstler verurteilt, die Putz- und Reinigungskosten zu erstatten, die aufgrund seiner ästhetischen Interventionen entstanden sind. Kastner hatte das Steinkreuz im Sommer 2015 mit einer Hinweis-
tafel versehen, auf der „Keine Ehre dem Kriegsverbrecher“ zu lesen war. Im Jahr 2016 brachte er zweimal rote Farbe als Symbol für das Blut an, das der Kriegsverbrecher Jodl vergossen hatte. In einer weiteren Aktion hatte er zudem den Buchstaben J vom Namen entfernt und an das Histori-
sche Museum in Berlin geschickt, übrig blieb „Odl“ – in Bayern das Wort für Jauche bzw. Gülle.  Trotz mehrerer Petitionen, kritischer Presseberichte und eines Beschlusses der Gemeinde Chiem-
see das Grabnutzungsrecht nicht zu verlängern, hat das Verwaltungsgericht München Anfang April 2019 entschieden, dass das Steinkreuz weitere 20 Jahre bestehen bleiben darf. Kastner hat darauf-
hin Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht.





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(zuletzt geändert am 6.8.2019)


1 Siehe https://www.youtube.com/watch?v=6cnCE10RyOk&feature=youtu.be.

2 Fotos: Verena di Rovereto

3 Siehe „Mit Rücksicht auf die Geschichte“ von Werner Thiel.

4 Siehe „Hindenburg-SchutzVerein und Dietramszeller Galgenhumor“ von Paul Blauhorn.

5 Fotos: Franz Gans

6 Foto: Richy Meyer

7 Siehe „UNHEIMLICH bayerisch“ von Carl Blauhorn.

8 Fotos: Günther Gerstenberg

Überraschung

Jahr: 2019
Bereich: Gedenken