Flusslandschaft 1974

Kunst/Kultur

KINO

„1.800 Studenten wohnen in der Betonwüste des Studentenviertels im Olympiadorf. Um durch Kommunikationsmöglichkeiten die Wohnsituation erträglicher zu gestalten, wurde der Bau eines Gemeinschaftszentrums in Angriff genommen, für das auch eine Projektionsanlage vorgesehen war. Daraufhin fand sich ein Kreis filminteressierter Studenten zusammen, aus dem sich nach und nach eine feste Gruppe entwickelt hat. Wir übernahmen es zu planen und aufzubauen. Seit kurzem steht uns nun eine kombinierte Anlage, bestehend aus 35-mm-Maschine mit 16-mm-Vorsatzpro-
jektor, zur Verfügung. Im Frühjahr 1974 begannen wir mit Vorführungen. Damals nur mit einem altersschwachen 16-mm Projektor. Unter ständigen technischen Improvisationen wurde ein Pro-
gramm mit bestimmten Schwerpunkten konzipiert. Wir zeigten u.a. französische Filme der nouvel-
le vague (Godard, Rohmer) und neue deutsche Filme (Schroeter, Kluge, Kückelmann, Günther – DDR). Auch in Zukunft werden wir bei der Programmgestaltung Schwerpunkte setzen, d.h. min-
destens zwei Filme gegenüberstellen, damit die Zuschauer Querverbindungen herstellen können und den Film nicht als vereinzeltes Kunstwerk betrachten, sondern als Produkt eines Mediums, das sich einer spezifischen gesellschaftlichen Situation verdankt. Dazu dienen auch Informations-
blätter zu den einzelnen Filmen, sowie Diskussionen nach den Vorstellungen. Wir betrachten uns als unabhängige Spielstelle, wie es sie in der BRD als Kommunale Kinos, Studenten Filmclubs und Filmkunststudios gibt. Wir betrachten den Film nicht als Ware, da wir nicht gezwungen sind, den in ihm steckenden Tauschwert zu realisieren. Bei uns steht ihr Gebrauchswert, der für uns Er-
kenntniswert bedeutet, im Vordergrund der Filmarbeit. Zu den anderen in München arbeitenden unabhängigen Spielstellen wie Stadtmuseum, undependent film center und iff sehen wir uns als Ergänzung, jedoch als Alternative zu den kommerziellen Filmtheatern, insbesondere zu denen, die die mit dem Anspruch, Filmkunsttheater zu sein, einem nebulösen bürgerlichen Kunstbegriff nachlaufen und auf dieser Basis kommerzielle Filmverwertung betreiben. Filmclub der Studenten im Olympiazentrum“1

MUSIK

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POLITROCK

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THEATER

Rainer Zwing (August Kühn) bringt im März im Paranoia-Verlag in der Martin-Greif-Straße 3
sein Stück „Zwei in einem Gewand oder: Die nicht mögliche Wandlung des Unternehmers und Menschen Hubmann“. Im Vorspruch heißt es: „Ort der Handlung ist eine Provinzstadt im 20. Jahrhundert, deren Wahlspruch lautet: bauen, brauen, sauen!“4

„ALLES MUSIK – eines tages fährt man sich mit der hand über die stirn und besinnt sich und be-
sinnt sich. so bei ‚watt’n’ im prot. was die kellertheatermannschaft (anton kenntemich, karl eichin-
ger, andreas arnold, die musikanten conni müller und anton waldhier) mit hilfe der regie von ale-
xeij sagerer hier in dem unwirtlichen kellerraum des proT, in dem kroetz seine ersten bühnengeh-
versuche gemacht hat, dem zuschauer präsentiert, ist beachtenswert. – allerdings nicht für leute, die theater mit schule, schauspieler mit dem lehrer verwechseln. eine eigenwillige, moderne oper. kagel, stockhausen und cage können sich – unübertrieben – eine scheibe abschneiden. alles ist musik: sprache, laute, bewegungen, handlungsabläufe, requisitenspiele – alles musik. dem inten-
danten des nationaltheaters empfohlen: lassen sie doch mal diese leute in ihrem pomppalast vors publikum! sie sparen erstens einen grossen teil des ungeheuren, vom steuerzahler aufzubringen-
den etats für degeneriert-luxuriöse bühnenbilder, schaffen gleichzeitig musikalität ins haus, wie sie wohl in ihren aalglatten renommieraufführungen selten zu finden sein dürfte. Na? wohlgemerkt: vom proT ist man übles gewohnt: schlappe oberschüler, unbegabte amateure haben hier oft ihren unausgegorenen weltschmerz vor dem angeärgerten publikum ausgekotzt. schön, es waren experi-
mente, mißlungene experimente. wenn dieses ‚watt‘n’, ebenfalls ein experiment im vollen sinne des wortes, tatsächlich gelungen ist, ein weitgehend vollendetes ereignis daraus entstanden ist, dann sollten wir, ebenso, wie wir mies machten, was mies zu machen war, dies voll und ganz zu schätzen wissen. wir sollten die leute unterstützen, die, fast einzig in münchen, experimente wagen. alle, die moderne musik, neues theater mögen, sollen sich ‚watt‘n’ ansehen. es lohnt sich. ps: ich würde noch gerne bemerken, die bewegungsabläufe noch weiter zu differenzieren. heftiges mit lockerem, leichtem alternieren zu lassen, um so größere spannungsbögen zu erreichen. — Anatol“5

„das theater der jugend hat am 3. juli um 19.30 premiere zu brechts „mann ist mann“ (die ver-
wandlung des packers galy gay in den militärbaracken von kilkoa im jahre neunzehnhundertfünf-
undzwanzig). in dem von brecht als lustspiel bezeichneten bühnenstück wird, oft in drastisch ko-
mischer weise gezeigt, wie ein harm- und wehrloser kleinbürger mit subversiv-psychologischen methoden in einen überzeugten soldaten verwandelt wird, um als solcher den weg des geringsten widerstandes seiner eigenen bequemlichkeit gegenüber zu gehen. – die berliner theatermanufaktur spielt aus anlass der neuen ereignisse in portugal und im rahmen einer kampagne für das kulturel-
le recht der völker im südlichen afrika den „gesang vom lusitanischen popanz“ von peter weiß. aufführungsdatum und ort: samstag, 29. juni, 20 uhr im theater an der leopoldstr. veranstalter: solidaritätskomitee freies afrika.“6

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„KAUM ZU GLAUBEN – der feuerpolizei steht, zusammen mit einer illustren gesellschaft weiterer behördlicher formalitätenerzeuger verloren im innenraum des theater k – spielzentrums in der kurfürstenstraße acht. nichts zu machen für sesselpuper! selbst die elektrizität bewegt sich in amtlich vorgeschriebenen bahnen, das klo wartet auf den ersten arsch, staatlicher gunst gewiss … das theater k – spielzentrum ist endlich fertig! am donnerstag, den ersten achten, gehts um 19.30 los. zunächst die aufführung von ‚is was boss?‘ – eigenproduktion des theater k. danach jeden tag außer montag reichhaltiges programm für alle, für jeden … für dich. sieh dir das an!“8

Volkstheater hat volkstümlich zu sein. Mei, da muass a Gaudi sein, eine Erotik und vor allem sollte man hinterher zufrieden nach Hause gehen können. Weil man nix gesehen und gehört hat, was einen beunruhigt hat. Und Volkstheater ist immer auch Bauerntheater, da kann man sich über die G’schertn köstlich amüsieren. Gerade als Stadtbewohner.9

(zuletzt geändert am 22.8.2021)


1 Blatt. Stadtzeitung für München 28 vom 12. Juli 1974, 3.

2 Blatt. Stadtzeitung für München 25 vom 14. Juni 1974, 14.

3 Plakatsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

4 Siehe „Ein Heimatlied“ von Rainer Zwing.

5 Blatt. Stadtzeitung für München 25 vom 14. Juni 1974, 12.

6 Blatt. Stadtzeitung für München 26 vom 28. Juni 1974, 5.

7 Blatt. Stadtzeitung für München 27 vom 12. Juli 1974, 12.

8 Blatt. Stadtzeitung für München 28 vom 12. Juli 1974, 3.

9 Siehe „Die Laienbauern von München“.