Flusslandschaft 1975

Frauen

Im Januar „treten eine Reihe von Strafrechtsänderungen in Kraft, darunter die Novellierung des
§ 184 StGB (Verbreitung pornographischer Schriften). Ein Hauptkritikpunkt gegen Pornographie scheint nicht ‚gerichtsverwertbar‘ zu sein: die Diskriminierung der Frau. Schmidt u.a. (1970): ‚So wird beispielsweise die Frau zum reinen Sexualobjekt, ja sogar zum Fetisch degradiert; im Ein-
klang mit der Doppelmoral wird sie überwältigt, benutzt und verachtet, und man suggeriert dem Konsumenten eine biologische und soziale Überlegenheit des Mannes.‘ Diese Einschätzung gilt nicht allein für ‚weiche‘ und ‚harte‘ Pornographie, sie gilt für die gesamte Sex-Presse (,Praline‘ bis ‚Playboy‘): Sexismus-Presse. Im gleichen Jahr, dem ‚Jahr der Frau‘, widmet ‚Der Spiegel‘ (Nr. 37/ 1975) die Titelstory einer neuen Welle: dem Kino der Lüste (Emmanuelle, Geschichte der O, u.ä.). Seesslen/Kling zufolge ist die Verfilmung des erotischen Romans ‚Histoire d’O‘ Visualisierung einer Ideologie: Die Frau kann sich nur als ‚glückliche Sklavin‘ des Mannes selbst verwirklichen. ‚Eine letzte, vielleicht die entscheidende Ursache für den Erfolg dieser Film-Welle bildet die (Angst-)Reaktion auf weibliche Emanzipationsbestrebungen … Die Verfügbarkeit der Frau wird nicht einfach vorausgesetzt, sondern in weitschweifigen Dialogen »philosophisch« begründet. Der Mystizismus, der dabei ins Spiel kommt, fördert zusätzlich eine unkritische Haltung gegenüber den Botschaften, die viel weniger erotischer als sexistischer Art sind‘ (a.a.O., S. 267).“1

Obwohl es oft nicht lustig ist, wehrt sich die Frauenbewegung gegen patriarchalische Standards mit Witz und Ironie.2 — Am 25. Februar entscheidet das Bundesverfassungsgericht (Sieben Männer und eine Frau, Durchschnittsalter 60 Jahre, fünf von ihnen sind CDU-Mitglieder oder Sympathi-santen der Partei) über den Paragraphen 218 und kassiert die „Fristenlösung“. Alle Münchner Frauengruppen planen für diesen Tag eine Demonstration, zu der 5.000 Menschen kommen und mit einem Fackelzug von der Ludwig-Maximilians-Universität am Geschwister-Scholl-Platz 1 in die Innenstadt ziehen. Bei der Schlusskundgebung stehen vor dem Rathaus etwa 15.000 Men-schen.3 — „Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Paragraphen 218 kam es zu mehreren großen Protestkundgebungen. Bei einer hätte Rudi Schöfberger reden sollen. Da er ausfiel, musste ich kurzfristig einspringen. Ich setzte mich in das Café am Marienplatz und skiz-zierte meine Rede. Spontaneität muss gut überlegt sein.“4

„Am 10. Mai. dem Tag vor dem Muttertag wurde in der Münchner Fußgängerzone eine Demonstra-
tion zum § 218 durchgeführt: Schwangere Frauen und Mütter trugen Transparente und verteilten Flugblätter. Motto: ‘Wir sind gerne Mütter. aber freiwillig — Weg mit § 218’.“5

21. Juni: Die Humanistische Union spricht sich gegen den § 218 aus.6 – Der erste Frauenbuchla-
den der BRD entsteht am 3. November: Lillemor’s in der Arcisstraße 57 in der Maxvorstadt. Vor-
bild ist die „Librairie des femmes“ in Paris. Sechs engagierte Feministinnen schaffen damit auch einen Treffpunkt für Frauen, die Kontakt, Rat oder Hilfe suchen. Hier entstehen Projekte und es wird über Veranstaltungen informiert. Männer haben keinen Zutritt. 1987 erhält Lillemor’s den Kulturpreis der Stadt München.7

Am 7. Oktober stellt Alice Schwarzer ihr neues Buch „Der kleine Unterschied — und seine großen Folgen“ im Schwabinger Bräu, Leopoldstraße 82, vor.

(zuletzt geändert am 6.7.2020)


1 Kunst + Unterricht 55 vom Juni 1979, Velber bei Hannover, 45.

2 Siehe „hübscher junge als hausmann gesucht …“.

3 Vgl. Süddeutsche Zeitung 47/1975; siehe „§ 218 Demonstration in München“ von Heide Hering.

4 Konrad Kittl am 21. April 2009.

5 Mitteilungen der Humanistischen Union 72 vom September 1975, 22; vgl. Münchner Merkur 107/1975.

6 Vgl. Süddeutsche Zeitung 140/1975.

7 Siehe „15 Jahre Lillemors Frauenbuchladen“.