Flusslandschaft 1976

Internationales

Allgemeines
Iran
Spanien
Portugal
Zaire
Argentinien und USA
UdSSR
Israel und Palästina
Angola, USA, Südafrika
Irland und Großbritannien
Rumänien
Griechenland
Chile


Siehe auch „Gewerkschaften/Arbeitswelt“ und „Und so residieren heute folgerichtig …“.

IRAN

Am 31. Dezember 1975 verkündet ein Militärgericht in Teheran zehn Todesurteile. Am 28. Januar 1976 besetzen iranische Studenten die iranische Botschaft in Bonn. – Am 19. März feiert die Con-
föderation iranischer Studenten — National-Union
(CISNU) das persische Neujahrsfest im Haus International in der Elisabethstraße 87 in der Nähe des Nordbades in Schwabing. Eine Woche später, am 27. März feiert die CISNU (FIS) das Neujahrsfest in der Olympiamensa am Helene-Mayer-Ring 9. — Am 11. Juni kommt es zu einem Protestzug iranischer Studenten aus Solidarität mit den Opfern des Schah-Regimes.1

SPANIEN

Am 26. Februar befinden sich mehr als 230.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in Barcelona, Madrid, El Ferroll, Valladolid und in den asturischen Bergwerken im Streik. Am 4. März erschießt die Po-
lizei in der baskischen Provinzhauptstadt Vitoria drei Arbeiter. Am 8. März tragen 30.000 Men-
schen die Toten zu Grabe, das ganze Baskenland steht still: Generalstreik.

PORTUGAL

„Er ist kein Reporter im überkommenden Sinn, der recherchiert, interviewt und dann seinen Bericht schreibt. Er ist kein Essayist, der sich informiert und dann abstrakt analysiert. Er gehört auch nicht zu den Autoren, die das, was man herablassend die Arbeitswelt zu nennen beliebt, zum Gegenstand von Romanen und Erzählungen macht … Wallraff hat eine andere Methode gewählt,
er dringt in die Situation, über die er schreiben möchte, ein, unterwirft sich ihr und teilt seine Er-
fahrungen und Ermittlungen in einer Sprache mit, die jede ‚Überhöhung’ vermeidet, sich nicht einmal des Jargons bedient, der ja als poetisch empfunden werden könnte.“ So Heinrich Böll über Günter Wallraffs Arbeitsmethode im Vorwort zur schwedischen Übersetzung der „13 unerwünsch-
ten Reportagen“ (1970).2

Im März 1976 treffen Hella Schlumberger und Günter Wallraff in Düsseldorf den portugiesischen General António Ribeiro de Spinola, mit dessen Kreisen Wallraff während seines dreimonatigen Portugal-Aufenthaltes (er arbeitete dort auf einer Landarbeiter-Kooperative mit und besuchte im Anschluss daran den Norden Portugals, in dem die Rechtsextremen die Hegemonie zurückerobert hatten) in Kontakt gekommen war, in der Rolle eines Waffen- und Strauß-Unterhändlers mit Übersetzerin. Es gelingt ihnen auf diese Weise, Spinolas Putschpläne durch Veröffentlichungen
im Stern und in Konkret zu vereiteln.3

ZAIRE

„In den letzten Jahren auf Auslandsreisen abgesetzte Staatschefs: Panama, Uganda, Nigeria, Ghana, Libyen, Kongo und Seychellen. Präsident Mobutu von Zaire, seiner 22 Villen zu Hause manchmal überdrüssig, besteigt die einzige Boeing 747 des Landes, um in eine seiner in der Schweiz und Frankreich befindlichen Villen zu fliegen. »Dabei nimmt er einfach alle mit, die eine Führungsrolle übernehmen könnten. Zu Hause bleibt kein Mensch übrig, der einen Coup machen könnte.«“4

ARGENTINIEN und USA

Am 24. März reißt in Argentinien eine von General Jorge Rafael Videla geleitete Militärjunta unter Anleitung der CIA die Macht durch einen Staatsstreich an sich. Präsidentin Isabel Perón wird ab-
gesetzt. Todesschwadronen terrorisieren im Auftrag des Videla-Regimes das Land. Tausende wer-
den ermordet oder verschwinden für immer. Schon bald wird der gesamte Betriebsrat von Merce-
des Benz Argentinien
entführt, gefoltert und ermordet.5 Videla: „Falls es erforderlich sein sollte, müssen in Argentinien so viele Menschen sterben, wie es zur Wiederherstellung der Sicherheit notwendig ist.“ Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Neuberger, der sich auf die Weltmeisterschaft in Argentinien freut, meint: „Die Wende zum besseren trat mit der Übernahme der Macht durch die Militärs Ende März dieses Jahres ein … Ganz gleich, wie man diesen Wechsel politisch bewertet, wir jedenfalls haben dadurch Partner mit Durchsetzungsvermögen bekom-
men.“6

Die Junta führt das Land bis zum 10. Dezember 1983. Im Laufe der folgenden Jahre ermorden die Militärs 10.000 bis 30.000 Personen oder lassen sie zwangsweise verschwinden. Gleichzeitig sehen sich etwa 500.000 Oppositionelle gezwungen, ins Exil zu gehen, um der Unterdrückung zu entkommen. Deutsche Diplomaten bemühen sich, das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen herunterzuspielen. Ganz im Lichte des Kalten Krieges werden die Berichte von Menschenrechts-
organisationen als kommunistische Propaganda und als von bewaffneten Umstürzlern instru-
mentalisiert betrachtet.

Die CIA baut Buenos Aires zu ihrer Zentrale aus, von wo sie Mordkommandos gegen missliebige Personen und Gruppen in ganz Lateinamerika entsendet. Unter den geschätzt 30.000 Desapare-
sidos („Verschwundenen“) befanden sich auch zahlreiche Studenten, deren Mütter sich zusam-
menschlossen, um auf der Plaza de Mayo vor dem Regierungsgebäude ungeachtet ihrer Selbstge-
fährdung zu demonstrieren, um Auskunft über das Schicksal ihrer Kinder zu bekommen.

UdSSR

Im Sommer 1975 wurde die KSZE-Schlussakte in Helsinki unterschrieben. In diesem Abkommen wird auch ein Bekenntnis zu den Menschenrechten abgelegt, das den Verzicht auf jegliche Verfol-
gung von politischen oder religiösen Überzeugungen beinhaltet. Am 12. Mai 1976 entsteht die Moskauer „Helsinki-Gruppe“, am 9. November eine zweite in Kiew. In den folgenden Jahren bil-
den Münchnerinnen und Münchner Unterstützungskomitees und Gesellschaften zur Förderung der „Helsinkigruppen“ in verschiedenen Sowjetrepubliken.

Am 14. Oktober demonstriert das „Aktionskomitee für die Juden in der Sowjetunion“ vor dem Konzert der Leningrader Philharmoniker.7

ISRAEL und PALÄSTINA

Am 15. Mai demonstrieren Sympathisanten der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) anlässlich des Gründungstages des Staates Israel.8

ANGOLA, USA, SÜDAFRIKA

Die USA unterstützen von 1976 bis 1982 mit Waffen und Spezialkommandos die auch vom rassi-
stischen Südafrika ausgerüsteten Rebellen gegen die angolanische Regierung der nationalen Befreiung. Das Land versinkt in einem blutigen Bürgerkrieg.

Am 16. Juni beginnt der Aufstand in Soweto in Südafrika. Er fordert zahlreiche Todesopfer und führt zu lange andauernden, landesweiten Protestaktionen gegen die rassistische Bildungspolitik und das gesamte Apartheidsregime des Landes.

IRLAND und GROßBRITANNIEN

Viele Sympathien sind auf Seiten der Iren, die sich für eine Befreiung Nordirlands von der briti-
schen Besatzung engagieren. Am 18. Juni 1975 sprachen im Schwabinger Bräu, Leopoldstraße 82, Bernadette Devlin, Fintan Vallely von den People’s Democratic und Seamus Loughran von der Irish Republican Army (IRA). — In Irland sollen am 29. Juli 1976 der Metallarbeiter Noel Murray und seine Frau Marie Murray hingerichtet werden. In München kommt es zu Protesten.9

RUMÄNIEN

15. September: Rumänien-Deutsche befinden sich im Hungerstreik, um die Zusammenführung mit ihren Familienangehörigen zu erreichen.10 Am 10. Oktober veranstalten sie einen Demonstrations-
zug.11

GRIECHENLAND und BRD

„Seit dem 7. Oktober 1976 befinden sich siebzehn griechische Schüler in einem unbefristeten Hun-
gerstreik. Sie wollen damit auf ihre Situation aufmerksam machen und erreichen, dass sie ohne Sonderprüfung in das offizielle griechische Gymnasium übernommen werden. Bis zu den großen Ferien gingen sie hier auf ein griechisches Privatgymnasium, das aber jetzt wegen undurchsichtiger Finanzpraktiken des Direktors KOTSOVILIS dicht machen musste. Obwohl das neue Schuljahr schon über zwei Wochen läuft, ist das Konsulatsgymnasium nicht bereit, mit sich reden zu lassen. Das Konsulat beharrt nach wie vor auf einer Sonderprüfung für Privatschüler. Diese diskriminie-
rende Sonderprüfung aber ist für die Schüler unannehmbar und auch nicht einsichtig, weil sie schon die normale Jahresabschlussprüfung hinter sich haben. Die Bedingungen für das Aufrücken in die nächsthöhere Klasse sind also von den Schülern schon erfüllt.

Das Konsulat und der griechische Staat zwangen durch ihre harte Position die Schüler auf die Straße. Am Donnerstag, den 7. Oktober, begannen die Gymnasiasten vor der Schule ihren Hunger-
streik. Am Abend wurden sie von den Deutschen dort vertrieben. Daraufhin fanden sie Aufnahme im Griechischen Haus in der Bergmannstraße 46, wo sie ihren Hungerstreik fortsetzten.

Noch immer schieben sich die deutschen und griechischen Behörden gegenseitig den Schwarzen Peter zu, ohne zu bedenken, dass bei einer Nichtaufnahme in das Konsulatsgymnasium die Schüler jahrelang umsonst gebüffelt haben.

Von den offiziellen Stellen im Stich gelassen, fanden die Schüler dagegen die Unterstützung verschiedenster griechischer Organisationen. Auch die Eltern solidarisieren sich voll mit den Gymnasiasten und unterstützen den unbefristeten Hungerstreik.

Im Gegenzug schließen sich die Schüler den Forderungen des ‚Comitees für den Kampf gegen KOTSOVILIS’ an. Hierbei wird die griechische Justiz aufgefordert, KOTSOVILIS vor Gericht zu stellen und seine Auslieferung nach Griechenland zu betreiben. KOTSOVILIS hatte überhöhte Schulgelder kassiert und gilt außerdem als Hauptverantwortlicher für die Verfolgung von Emigranten während der Juntadiktatur.“12

„Nach acht Tagen Hungerstreik –- zwei Mädchen mussten in der Zwischenzeit ins Krankenhaus –- berief das griechische Kultusministerium in Athen eine Sondersitzung ein. In der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober beschloss das Athener Kabinett die bedingungslose Übernahme der Schüler durch das Münchner Konsulatsgymnasium. In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag brachen daraufhin die Schüler ihren Hungerstreik ab. Geschwächt aber glücklich feierten sie anschließend ihren Erfolg.“13

CHILE

Nach dem Besuch Milton Friedmanns, der inzwischen in Israel tätig ist, beträgt im Dezember 1976 die chilenische Inflationsrate 174,3 Prozent.14 Pinochets Chile dient als Laboratorium für neolibe-
rale Ideologen, die „Privatisierung“, „Rationalisierung“, „schlanken Staat“, „Abwicklung“, „Gesun-
dung“ und „lean production“ durchsetzen. — Der eine oder andere Münchner Maoist kommt bei seinen Erklärungsversuchen schwer ins Trudeln: „Die Finanzhilfe der Volksrepublik China für das gegenwärtige Chilenische Militärregime betrug 1976 insgesamt 100 Millionen Dollar.“15


1 Siehe „Protestmarsch zum KZ Dachau“. Vgl. Süddeutsche Zeitung 133/1976.

2 Heinrich Böll: „Günter Wallraffs unerwünschte Reportagen“ in Christian Linder (Hg.), In Sachen Wallraff, Köln 1975, 9.

3 Vgl. Günter Wallraff in Zusammenarbeit mit Hella Schlumberger, Aufdeckung einer Verschwörung. Die Spinola-Aktion, Köln 1976 und Günter Wallraff/Hella Schlumberger, A Descoberta de Uma Conspiracao: A Accao-Spinola, Amadora 1976.

4 Los Angeles Times, 15.3.1976, zit. in: Reinhard Lettau, Frühstücksgespräche in Miami, Frankfurt am Main 1979, 124 f.

5 Vgl. dazu auch www.labournet.de/branchen/auto/dc/ar/index.html.

6 Süddeutsche Zeitung vom 29. Oktober 1976 und dpa am 1. Dezember 1976.

7 Vgl. Süddeutsche Zeitung 240/1976.

8 Vgl. Süddeutsche Zeitung 113/1976.

9 Siehe „Köpfe für den Free-State“ von Egon Günther.

10 Vgl. Süddeutsche Zeitung 215/1976.

11 Vgl. Süddeutsche Zeitung 236/1976.

12 Blatt. Stadtzeitung für München 79 vom 15. Oktober 1976, 6.

13 Blatt. Stadtzeitung für München 80 vom 29. Oktober 1976, 3.

14 Vgl.: News from Chile, Chilegram, Vol. IV, No. 21, March 1977 – ein in USA zugängliches offizielles Propagandaheft der Militärregierung, zit. in: Reinhard Lettau, Frühstücksgespräche in Miami, Frankfurt am Main 1979, 121.

15 Enrique Kirberg, ehem. Rektor der TH Santiago de Chile, KZ-Häftling unter Pinochet, in einem Vortrag am 19.5.1977, University of California in San Diego, zit. in: Reinhard Lettau, Frühstücksgespräche in Miami, Frankfurt am Main 1979, 119.