Flusslandschaft 1976
Kunst/Kultur
Jürgen Kolbe (1940 – 2008) wird Münchner Kulturreferent und bleibt dies bis 1988. Er schildert das Münchner Kulturleben.1
SchauspielerInnen, MalerInnen, DichterInnen, sogar MusikantInnen, zügellose Kreative beiderlei Geschlechts haben schon immer – das weiß der historisch Interessierte – viel Unheil angerichtet. Ihre Agitation geht auf die Nerven.2 Was tun? Bevor Maßnahmen ergriffen werden, sind sie zu beobachten.3
FILM
Am 3. April startet das Werkstattkino in der Fraunhoferstraße 8 mit einem Fest.4
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Bertoluccis „Novecento“ kommt im Oktober in die Kinos. Der Vorspann zeigt „Il quarto Stato“ von Giuseppe Pellizza da Volpedo, ein um 1900 gemaltes Bild, das in fast jeder Münchner Wohnge-
meinschaft als Poster an der Wand hängt. In diesem Oktober identifizieren und infizieren sich manche. Zum Beispiel mit https://www.youtube.com/watch?v=iQHOmvRcNR4. Sie kennen den Begriff „Distanz” noch nicht. Sie glauben, sie können in der großen Oper eine tragende Rolle spie-
len. Am Ende steht: Fehlende Distanz kann tödlich sein, nicht fehlende Distanz ist immer tödlich.
MUSIK
»… Tommy kommt aus München, genauer gesagt aus Milbertshofen. Seine erste Platte machte er zusammen mit der Gruppe Arbeitersache München und sein Lied ‚Bei BMW wird gestreikt‘ klingt noch heute einigen Herren dieser Firma unangenehm in den Ohren: ‚Bei BMW wird gestreikt / Bei BMW wird gestreikt / Wir waren noch wenig, / doch den Geldsäcken haben wir / was sie so erwar-
tet mal gezeigt.‘ Wer Tommy aber richtig kennenlernen will, der muß ihn abends im Stadtteilzen-
trum Milbertshofen erleben, wenn er so kurz vor Mitternacht in Fahrt kommt und nach einigen kühlen Blonden zur Gitarre greift und aus der Praxis plaudert, etwa von der Hausdurchsuchung: ‚Sie schlitzen die Tapeten auf / und kriechen durch den Müll / Sie krempeln deine Möbel um / Sie schnüffeln in den Briefen rum / Sie tauchen durchs Aquarium / Du wunderst dich nur still. // Und wenn sie nichts gefunden haben / Sind sie sehr frustriert / Dann wird das Mehl zu Dynamit / Der Kaffeesatz, der wird zum Shit / Das nehmen sie dann alles mit / Und du wirst inhaftiert.‘ Aber spätestens dann, wenn er seine Ballade vom Schwarzen Mann zum Besten gibt, der mit einem Schlapphut durch Grünwald streift und statt Kirschen Villen flambiert, beginnt das Zentrum leicht zu vibrieren. Neuerdings singen sogar schon JungRocker in Milbertshofen auf der Straße: ‚Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? / Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? / Wir nicht! Wir nicht! / Denn uns kleinen Leuten hat er nichts getan! … Peter Schult«6
„Schneeball Records – Independent-Plattenlabel gegründet 1976 in München unter dem Namen ‚Musikkooperative APRIL’ von den Bands Embryo, Sparifankal, Missus Beastly, Checkpoint Char-
lie und den Ton Steine Scherben sowie von Julius Schittenhelm. Jede Band übernahm den Vertrieb in einem Teil Deutschlands, der Embryo-Manager Othmar Schreckeneder kümmerte sich um den Auslandsvertrieb. Als es sich abzeichnete, dass die Musiker alleine mit der Führung eines Labels überfordert waren, wurden auch Nicht-Bandmitglieder dazugeholt. Aus einem losen Vertreterver-
bund für Schneeball Records entstand der Vertrieb EFA. Drei EFA-Mitarbeiter gründeten den Ver-
trieb Indigo. Das Label wird heute von Othmar Schreckeneder betrieben.“7
17. November: Zwölf renommierte DDR-SchriftstellerInnen fordern in einem offenen Brief die po-
litischen Verantwortlichen ihres Landes auf, die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR zu „überdenken“. Die SED müsse „eine solche Unbequemlichkeit“ wie Biermann „gelassen nachden-
kend ertragen können“. Am folgenden Tag sind es schon dreißig Schriftstellerinnen, die protestie-
ren: Diese Maßnahme erinnere an vergangen geglaubte Taktiken, die der revolutionären Bewegung in der ganzen Welt unermeßlich geschadet hätten. Für die Entwicklung zum Sozialismus sei die kritische Auseinandersetzung in Theorie und Praxis eine Voraussetzung. Dieser Stellungnahme schließen sich u.a. Alexander Kluge, Max von der Grün, Bernt Engelmann, Helga Novak, Günter Wallraff, Elisabeth Andres sowie 13 Hochschullehrer aus dem gesamten Bundesgebiet an. Für den Verband Deutscher Schriftsteller in der IG Druck und Papier spricht der Vorsitzende Carl Amery von einem „Verlust für alle, diese Brücke des Verständnisses abgebrochen zu sehen“. Dann bringen fünfzig westdeutsche Intellektuelle, unter ihnen Wolfgang Abendroth, Martin Walser, Peter Weiss, Peter Chotjewitz, Gerhard Stuby, Günter Herburger, E.A. Rauter, Gerd Fuchs und Günter Wallraff, in einem gemeinsamen Schreiben an das Politbüro des Zentralkomitees der SED ihre „tiefe Enttäu-
schung“ über die von der DDR-Regierung verfügte Ausbürgerung zum Ausdruck.
Plötzlich ist Biermann auch in allen westdeutschen Medien präsent und findet sogar dort Befür-
worter, die ihn sonst keines Blickes gewürdigt haben. Heinrich Böll wundert sich, „dass Kommuni-
sten, die sich als solche bekennen, hier so gefeiert werden“. Das wäre ihm neu. Mancher Zweifler denkt, sollte der Hype abflauen und sich Biermann dann immer noch als Kommunist bezeichnen, könnte schon sein, dass er zu hören kriegt: „Dann geh halt gefälligst rüber!“
Die ARD will Biermanns Kölner Konzert vom 13. November am 20. November, Samstag Abend zur besten Sendezeit, ausstrahlen und die hier zunächst vorgesehenen Sendungen verschieben. Man wolle allen Zuschauern in West und Ost die Möglichkeit geben, selbst zu hören, was Biermann wirklich gesungen habe. Jetzt protestieren Politiker der CSU erfolgreich gegen „mehrere Stunden Berieselung mit kommunistischer Ideologie … durch diesen wirklichkeitsfremden Kommunisten“, so dass das Konzert erst nach Mitternacht gesendet wird. Daraufhin protestieren Fernsehzu-
schauer.8
Zu Beginn der Kölner Veranstaltung hat Wolf Biermann, um allen Mißverständnissen vorzu-
beugen, Rosa Luxemburg zitiert: „Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Pressefreiheit und Ver-
sammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt. Das öffentliche Leben schläft allmählich ein, einige Dutzend Parteiführer von unerschöpflicher Energie und grenzenlo-
sem Idealismus dirigieren und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorra-
gender Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit zu Versammlungen aufgebo-
ten, um den Reden der Führer Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustim-
men, im Grunde also eine Cliquenwirtschaft — eine Diktatur allerdings, aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker, d.h. eine Diktatur im rein bürgerlichen Sinne …"9
Auf Einladung der IG Metall tritt Biermann am 24. November im Schwabingerbräu an der Leo-
poldstraße 82 auf. Das Programm heißt zunächst „Krieg und Frieden“. Aber schon bald verläßt der Sänger den geplanten Ablauf. Zwischenrufe, einige sehr provokativ, verlangen Erklärungen und Stellungnahmen und er meint, dass er sich nicht von einer der anwesenden linken Gruppierung vereinnahmen lasse, um damit gegen eine andere Gruppierung in Stellung gebracht zu werden.
THEATER
Theater mit Anspruch und Biss sind: Prozessionstheater (PROT), Isabellastraße 40, 8000 Mün-
chen 40 – Rationaltheater, Hesseloherstraße 18, 8000 München 40 – OFF OFF, Potsdamerstraße 13, 8000 München 40 – Kabarett und engagierte Kleinkunst (KEKK), Kaiserstraße 67, 8000 München 40 – Modernes Theater, Hesseloherstraße 3, 8000 München 40 – Theater im Sozialamt (TAMS), Haimhauserstraße 13a, 8000 München 40 – Theater 44, Hohenzollernstraße 20, 8000 München 40. – Im Song Parnasse in der Einsteinstraße hat die Biermösl Blosn ihren ersten Auf-
tritt. 35 Jahre später treten die Buben zum letzten Mal gemeinsam auf.
»Volkstheater« ist entweder abgenudelter Quark voller Klischees oder a gscheide Gaudi mit An-spruch wie in der Volksbühne Neubiberg-Ottobrunn.11
Das theater k ist manchen Zeitgenossen ein Dorn im Auge. Und es ist eine Sauerei, dass die Stadt es jährlich mit 20.000 Mark unterstützt. Stadtrat Peter Gauweiler: „Unsere Demokratie verträgt auch solche Erscheinungen politischer Außenseiter. Es ist jedoch nicht einzusehen, daß sie mit sauer verdienten Steuergeldern finanziert werden.“12
(zuletzt geändert am 22.9.2025)
1 Siehe „München …“ von Jürgen Kolbe.
2 Siehe „Fakten“ von Guido Zingerl.
4 Siehe
- https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=066, 10 und
- https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=067, 2.
5 Privatsammlung
6 ExtraBlatt (März 1976), 46. — Siehe „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ von Tommy.
8 Siehe „Die kritische Beleuchtung der Bundesrepublik vorenthalten“ von Günter Ernstberger.
9 Rosa Luxemburg: „Zur russischen Revolution" in R.L., Gesammelte Werke Bd. 4, Berlin/DDR 1974, 362.
10 Archiv der Münchner Arbeiterbewegung
11 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=069, 16.
12 Siehe dazu „Freie Theatergruppen“ von Wolfgang Anraths.