Flusslandschaft 1977

Rechtsextremismus

„18.1.1977: ‚Freiheitlicher Rat’; ‚Reichsgründungsfeier’ im Bürgerbräukeller an der Rosenheimer Straße 11 in Haidhausen; Redner: Prof. Dr. Berthold Rubin. – 11.2.1977: ‚Aktion Oder Neiße’ (AKON) und ‚Gemeinschaft Ostdeutscher Grundeigentümer’ (GOG); der ‚Länderrat der „Notver-
waltung des Deutschen Ostens“ (NDO)‘, Günther Burkon, empfiehlt den Versammelten, sich von der ‚Notverwaltung’ den ‚Reichspersonalausweis’ ausstellen zu lassen, ‚um so ihr Festhalten am Reich und den Anspruch auf den Deutschen Osten zu demonstrieren’.“1

Am 16. Februar führen Leutnants der Bundeswehrhochschule Neubiberg bei einem Kamerad-
schaftsabend eine ‚symbolische Judenverbrennung’ durch. Der Skandal wird runter gespielt – die betroffenen Bundeswehrangehörigen seien „betrunken“ gewesen. In vielen Medien wird Zweifel an der Version angemeldet, zumal bekannt wird, dass einer der Lehrer der „Betrunkenen“ Dr. Ernst Nittner war. Dieser Mann war sechs Jahre vorher aufgefallen, weil das ehemalige Mitglied der NSDAP Leiter des wehrwissenschaftlichen Lehrstabs an der Wehrakademie der Bundeswehr in Hilden war. Nach dem „Anschluss an das Sudetenland“ und der sogenannten „Reichskristallnacht“ trat er „euphorisch“ der SS bei.2

„3.3.1977: ‘Deutsches Kulturwerk europäischen Geistes’ (DKeG), ‚Ehrenabend für Karl Günther Stempel anlässlich der Vollendung seines 60. Lebensjahres und Dichterlesung des Jubilars’. — 28.4.1977: ‚Politischer Informations-Club’, Versammlung, Referent: Richard Etzel. — 1.5.1977: ‚Freikorpsvereinigung von 1919 „Ritter von Epp“, Freikorps-Gedenkfeier. — 2.6.1977: ‚Politischer Informations-Club’, ‘Thema: ‚Deutschland und Polen’, Referent: Dr. Willy Glasebock. — 13.6.1977: Deutsche Volksunion (DVU), öffentliche Veranstaltung im Bürgerbräukeller, Thema: ‚Kampf dem Sowjetimperialismus!’, Redner: Wilfred von Oven. — 22.7.1977: Faschistische Schlägertrupps überfallen zum dritten Mal innerhalb von drei Wochen demokratisch gesinnte Studenten in der Mensa der Universität.“3

Monika und Christian von Lehsten plazieren am 30. August auf drei rechtsextreme Plakate der DVU Streifen mit der Aufschrift „Stoppt die DVU-Faschisten“. Das Motto der Veranstaltung der DVU lautet „Ewig büßen für Hitler?“, die die Stadt München am 31. August verbieten lässt. Gegen das Ehepaar Lehsten ermittelt die Staatsanwaltschaft.4

Nach einer antifaschistischen Kundgebung kommt es am 3. September zu heftigen Auseinander-
setzungen zwischen Anhängern der DVU und Mitgliedern der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN/BdA).5 Noch in der Nacht findet ein Brandanschlag auf die Garage der Landesgeschäftsstelle der NPD in der Holzstraße 49 statt.6 Am 4. April 1978 kommt es zu Haussuchungen in acht Wohnungen, Ulrich Rittinger, Vorstandsmitglied in der Homosexuellen Aktion München (HAM), wird festgenommen und wegen „schwerer Brandstiftung“ angeklagt.7
Bis Juli 1978 sitzt er in Untersuchungshaft und wird dort von Beamten des Verfassungsschutzes bearbeitet: Er solle sie in Zukunft über die Strukturen in der linksalternativen Szene in München informieren, dann werde der VS dafür sorgen, dass er frei komme. Rittinger geht zum Schein darauf ein und wird freigelassen, kommt aber dann seinen Verpflichtungen nicht nach.8

„11./12.10.1977: Neonazis beschmieren das Auto eines Offiziersstudenten der Bundeswehrhoch-
schule mit Hakenkreuzen und Davidsternen. – 21. bis 23.10.1977: ‚Deutsches Kulturwerk europä-
ischen Geistes’ (DKeG); ‚Tage deutscher Kultur’, Themen und Referenten: ‚Die Zukunft als Schick-
sal und Aufgabe’, Dr. Rolf Kosiek, ‚Volk ohne Raum – Raum ohne Volk’, Dr. Gerd Sudholt. – 26.10.1977: ‚Deutscher Block’ (DBl); Veranstaltung im ‚Bürgerbräukeller’; Redner: Richard Etzel; eingeladen sind u.a. auch die ‚Deutsche Volksunion’ (DVU), die ‚Aktion Oder Neiße’ (AKON) und die Leser des ‚Deutschen Anzeigers’. – 18.11.1977: ‚Deutsches Kulturwerk europäischen Geistes’ (DKeG); Veranstaltung mit ‚Jubiläumsprogramm’ der neonazistischen Kabarettgruppe ‚Zeitberich-
ter’; Thema: ‚Das muss einmal gesagt werden’. — 15.12.1977: ‚Politischer Informations-Club’; Veranstaltung mit Richard Etzel.“9


1 Bericht über neonazistische Aktivitäten 1977 — Eine Dokumentation — Mit Beiträgen von Egon Lutz MdB-SPD, Klaus Warnecke MdL-Spd, PDI-Sonderheft 2, München 1978, 15 f. Siehe „Schlägertrupp an der Uni“ und „Rechte Haken gegen weiche Linke“.

2 Vgl. Düsseldorfer Nachrichten vom 16. April 1971. Nebenher wirkte Nittner auch bei der Bildungsarbeit in der dama-
ligen Deutschen Jugend des Osten (DJO) mit. Am Standort Hilden kam es zu vielfachen Aktionen gegen Nittner, dessen Ablösung gefordert wurde. Durch die im Jahre darauf erfolgte Umstruktierung der Wehrakademie bzw. deren Auflösung verschwand Nittner aus den Schlagzeilen, um dann wieder 1977 erwähnt zu werden.

3 Bericht über neonazistische Aktivitäten, a.a.O.

4 Siehe „Rechtsextremismus“ 1979.

5 Siehe „Ewig büßen für Hitler?“. Vgl. Süddeutsche Zeitung 203/1977.

6 Siehe „Liebesbrief

7 Vgl. „Ulli“ in Blatt. Stadtzeitung für München 122 vom 9. Juni 1978, 19.

8 Vgl. „Verfassungsschmutz am Beispiel Uli Rittinger“ in Blatt. Stadtzeitung für München 127 vom 18. August 1978, 12.

9 Bericht über neonazistische Aktivitäten 1977, a.a.O., 16 f.