Flusslandschaft 1978

Militanz

Der Schreiber dieser Zeilen erlebt 1977 und 1978, dass seine Worte penibel gewogen und gemessen werden. Egal, was er sagt, alles läuft unter der Prämisse: Wie hältst Du’s mit der RAF? Kritische Würdigungen harmlosester Art werden, soweit sie öffentlich geäußert werden, also zum Beispiel in der Straßenbahn, eingeleitet mit dem Satz, der in verschiedensten Abwandlungen aber immer dieselbe Botschaft sendet: „Selbstverständlich sind Zwecke und Mittel der RAF völlig indiskutabel.“ Wer sich nicht automatisch und sofort distanziert oder wer gar auf die Idee kommt, dass es Ursachen für die Existenz der RAF geben „könnte“, ist des Sympathisantentums verdächtig.1

Auch in München mobilisieren Alternative zu einem Treffen in West-Berlin am 27., 28. und 29. Januar. Repression und Ausgrenzung reichen ihnen jetzt endgültig; das Treffen nennt sich programmatisch „Tunix“ und klingt bei vielen, die dort waren, noch lange nach.2 Es ist die erste große Manifestation der Alternativ- und Autonomenbewegung mit etwa 5.000 Teilnehmern, darunter viele Münchnerinnen und Münchner. Heinz Jacobi findet dagegen die Sponti-Manifestation ziemlich bescheuert.3

Es herrscht eine beinahe paranoide Stimmung. In Postämtern hängen Fahndungsplakate mit Gesichtern, die zum Teil fein säuberlich ausgestrichen sind. Es gehört schon Mut dazu, sich nicht an der hysterischen Jagd auf den „Roten Abschaum“ zu beteiligen. Manche, die in die Verfolgungsmaschinerie geraten, verändern sich. Es kommt zu unterschiedlichen Reaktionen. Wer in gutbürgerlichen Elternhäusern aufgewachsen ist, in denen Ideale von Menschenrechten und verfasster Rechtsstaatlichkeit verankert waren, reagiert manchmal panisch und um sich schlagend. Für sie/ihn wird die recht praktische Biegsamkeit des Rechts zu einem persönlichen Angriff. Wer aus einfachen Verhältnissen kommt, hat dagegen kaum Illusionen. Er weiß um die Brüchigkeit der demokratischen Fassade in der Klassengesellschaft. Er wundert sich nicht über Sondergesetze und Ausnahmezustand.4

Dem Ruf nach der Todesstrafe, der an Stammtischen laut wird, kommen die Herrschenden auf ihre Art nach. Karl-Heinz Dellwo: „… Am 7. September 1978 erschossen sie Willy-Peter Stoll beim Mittagessen in einem Restaurant sitzend, am 4. Mai 1979 Elisabeth von Dyck mit Taschen in der Hand von hinten beim Betreten der Wohnung. Rolf Heißler überlebte am 9. Juni 1979 das Betreten einer Wohnung nur, weil der Polizist schlecht gezielt hatte und der Schuss auf den Kopf ihn nur streifte.“5

Das Blatt veröffentlicht am 8. Dezember einen Bericht über eine Demonstration gegen das Schah-Regime in Frankfurt am Main, bei der zwei- bis dreitausend Demonstranten siebzig bis achtzig Polizisten in die Flucht geschlagen haben. Diesen indirekten Aufruf zur Gewalt begrüßt ein Leserbrief.6

„Ich habe mich nicht als Schläfer getarnt. Ich habe die wilden Zeiten tatsächlich verschlafen. So blieben mir Gefängnis und Anstalt erspart. Und die Weigerung, die Wirklichkeit in vollem Umfang wahrzunehmen, hat nicht nur mein Leben bewahrt, sondern auch das vieler anderer. Ich hätte sie nämlich töten müssen.“7


1 Siehe „Der macht seinen Weg“ von Rainald Maria Goetz.

2 Siehe „Auf nach Tunix“.

3 Siehe „Von WARNIX nach KRUZEFIX“ von Heinz Jacobi.

4 Siehe dazu auch „Juppeidi und Juppeida – Hausdurchsuchung, Razzia!“ von Günther Gerstenberg (1984).

5 Karl-Heinz Dellwo, Das Projektil sind wir. Der Aufbruch einer Generation, die RAF und die Kritik der Waffen. Gespräche mit Tina Petersen und Christoph Twickel, Hamburg 2007, 160.

6 Siehe „Liebes Blatt!“.

7 Manfred Ach, Scherzgrenze. Schmerzhaftes vom Mönch, München und Wien 2011, 5990.