Flusslandschaft 1985

Gewerkschaften/Arbeitswelt

- Allgemeines
- DGB

- Azubis in der Krankenpflege
- Berufsfeuerwehr
- BMW
- Gem Collektion
- Jugendarbeitslosigkeit
- Maximilianshütte/Oberpfalz
- Neue Heimat
- Siemens
- Straßenbeleuchtung


ALLGEMEINES

München verändert sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Während der Niedergang im Ruhrgebiet unaufhaltsam erscheint, expandiert München als eine auf dem Weltmarkt konkurrenz-
fähige High-Technology-City, vor allem im Bereich Elektronik, Massenkommunikationstechnik und Rüstungstechnologie. 32 Prozent aller Beschäftigten in der Industrie arbeiten in der Elektro-
nik, 20 Prozent beim Fahrzeugsbau. Allerdings sind in 68 Prozent der Mikroelektronokunterneh-
men jeweils weniger als 25 Mitarbeiter beschäftigt.1

In Haidhausen entsteht der Arbeitslosentreff (ATH) als Selbsthilfeinitiative von und für Erwerbslose. Am 13. November 1987 wird der ATH im Wirkwerk, Kirchenstraße 32, ein eingetragener Verein Arbeitslosentreff Haidhausen. Seit 1996 nennt er sich Arbeitslosen-
Zentrum München Ost
.

Erschwerte Voraussetzungen für Streiks schafft die gesetzliche Änderung des § 116 Arbeitsför-
derungsgesetz (AFG)2, die festlegt, dass im Falle regional begrenzter Streiks und einer damit verbundenen, bundesweiten „kalten Aussperrung“ kein Kurzarbeitergeld gezahlt werden muss.
Am 19. Oktober protestieren auf dem Odeonsplatz Tausende unter der Losung „Streikrecht verteidigen – Demokratie sichern“.3

Siehe auch „Alternative Ökonomie“.

DGB

Das Motto zum Ersten Mai heißt „DGB – Unsere Stärke heißt Solidarität“. Zur Kundgebung mobi-
lisieren auch das Autonome Plenum München und die Anarchistische Arbeiter-Union München mit einem DGB-kritischen Flugblatt.4

Der Münchner DGB ruft für Samstag, 19. Oktober, zu zwei Demonstrationszügen auf, die um 10 Uhr vom Hauptbahnhof und vom Königsplatz zum Odeonsplatz ziehen. Dort fordert um 11 Uhr Monika Wulf-Mathies „Schluss mit der Politik für wenige“. Es spielen die Guglhupfa, es spricht Helmut Ruge.

„Samstag, den 19. Dezember fand die Aktionswoche gegen die Arbeitslosigkeit des DGB ihren Höhepunkt, einige Zehntausend Leute standen auf ner Kundgebung auf’m Marienplatz. Yvonne wurde festgenommen, als sie Spenden für die Opfer des Polizeiterrors sammelte. Verschiedene Reden von DGB und SPD und nahestehenden Organisationen. Besonders unangenehm: Weiß-
häuptl vom VDK. ‚Wir können nicht wollen, dass sich Arbeitslose unter der Führung arbeitsloser Akademiker radikalisieren und unsere Gesellschaftsordnung in Frage stellen.’ Einige Jugendver-
treter pfiffen, viele klatschten Beifall. Meine Meinung: Arbeitslosigkeit ist gerade eine Folge dieser Gesellschaftsordnung und am besten zusammen mit ihr zu bekämpfen. cs“5

6
Aufkleber der Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen

Siehe auch „Kunst/Kultur“.


AZUBIS in der KRANKENPFLEGE

9. Oktober: Die Azubis in der Krankenpflege sind wegen vierzig Prozent Lohnkürzung bei Neuein-
stellung sauer. Eigentlich wollen sie vor dem Verhandlungsgebäude demonstrieren, nur ist da ganz schnell eine Bannmeile erklärt worden. Die ÖTV lädt zur Ersatzprotestkundgebung in den Pschorr-Keller an der Theresienhöhe 4 ein, wo lange Reden alle ermüden. Die Azubis werden noch sauerer; zweihundert protestieren im Anschluss an die Veranstaltung auf einer Spontandemonstration.7

BERUFSFEUERWEHR

Berufsfeuerwehrleute fordern am 21. September kürzere Wochenarbeitszeit und kürzere Lebensar-
beitszeit.8

BMW

Vor zwanzig Jahren liefen bei BMW Fließbänder. Die Arbeit war in einzelne Handgriffe aufgesplit-
tert und in Arbeiterinnen und Arbeiter am Band aufgereiht. Die Geschwindigkeit des Bandes re-
gelte den Zeittakt. Heute schweißen so genannte „Portalroboter“ in den Montagehallen die Karos-
serieteile zusammen. So genannte „Hybrid-Facharbeiter“ beaufsichtigen die Roboter, ihre Tätigkeit ist auf Bedienerfunktion reduziert. Neue Technologien ermöglichen automatische und flexible Fer-
tigungsstraßem, die vor allem auch menschliche Arbeitskraft ersetzen. LohnarbeiterInnen werden auf die Straße geworfen, die Arbeitslosenzahlen steigen. Bei denen, die noch im Betrieb verbleiben, entsteht eine Spaltung. Die einen liefern in der fertigungsnahen Selbststeuerung nur noch niedere unqualifizierte Handlangerdienste, die anderen qualifizieren sich zu einer Elite mit Allround-Fä-
higkeiten; hier führt das Interesse des Unternehmens zu bestmöglicher Identifikation mit der „BMW-Familie“. Der Strukturwandel fordert die Arbeiterbewegung heraus, Antworten zu finden. Eine heißt: Der schwindende Anteil menschlicher Arbeit bei gleichzeitig explosionsartigem Zu-
wachs an Produktivität kann mit der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnaus-
gleich beantwortet werden.

Von Januar bis April ist im Münchner Freidenker-Zentrum die Ausstellung „Der Kampf um die 35-Stunden-Woche“ zu sehen, an der sich Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Bundesrepublik und Westberlin beteiligten.

GEM COLLEKTION

Zweitausend Lizenznehmer der Firma Gem Collektion demonstrieren am 3. September vor dem Justizpalast für ihre Firma.9

JUGENDARBEITSLOSIGKEIT

Am 19. Oktober protestiert die Jugend der Deutschen Angestelltengewerkschaft (DAG) vor der Staatskanzlei gegen Jugendarbeitslosigkeit.10

MAXIMILIANSHÜTTE

Vor dem Wirtschaftsministerium demonstrieren am 22. Oktober Beschäftigte der von Stillegung bedrohten Maximilianshütte in der Oberpfalz.11

NEUE HEIMAT

Der gewerkschaftseigene Wohnungsbaukonzern will in Sendling, Moosach und Giesing 2.000 Wohnungen verkaufen.

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SIEMENS

In der Arbeitswelt vollzieht sich ein rasanter Wandel, unter dem besonders die Gewerkschaften zu leiden haben. Betriebe „sourcen aus“, das heißt, sie vergeben immer häufiger Aufträge an frei flot-
tierende „Selbstständige“, die von zu Hause aus arbeiten und billig, willig und flexibel sind. Gerade die Arbeit im IT-Bereich lädt dazu ein. Dies fällt bayrischen Mundartdichtern auf.13 Aber auch in den Betrieben selbst ändert sich viel. Siemens betreibt seit 1980 ein computergesteuertes Personal-
informationssystem, das immer ausgeklügelter wird und dessen Bedeutung für die firmeninterne Personalpolitik die Betriebsräte aufmerksam werden lässt.14

STRASSENBELEUCHTUNG

Wer im Betrieb das Maul nicht halten kann, der bekommt Schwierigkeiten. Aber dagegen kann man sich auch wehren.15

(zuletzt geändert am 29.11.2020)


1 Vgl. Ingrid Breckner/Erich Mohn/Klaus M. Schmals, Stadtentwicklungspolitik, neue Technologien und Wandel der Arbeit in München, in: Michael Krummacher/Thomas Rommelspacher/Marianne Wienemann (AG Ruhrgebiet) Ingrid Breckner/Erich Mohn/Klaus M. Schmals (AG München) (Hg.), Regionalentwicklung zwischen Technologieboom und Resteverwertung: die Beispiele Ruhrgebiet und München, Bochum 1985, 115 ff.

2 Siehe „Das Recht der Arbeitnehmer auf Protest“ von Jürgen Seifert.

3 Siehe das Foto von Rudi Stescal und einen Artikel zur Demonstration „streikrecht verteidigen“ am 19. Oktober.

4 Vgl. Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung; 4 Fotos: Erster Mai 1985, Standort: Archiv der Münchner Arbeiterbewegung, Mappe 27.

5 Spion. Zeitung für München 37 vom November 1985, 4.

6 Aufkleber-Sammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

7 Vgl. Spion. Zeitung für München 37 vom November 1985, 10.

8 Vgl. tz 219/1985.

9 Vgl. Münchner Merkur 203/1985.

10 Vgl. Süddeutsche Zeitung 243/1985.

11 Vgl. Süddeutsche Zeitung 245/1985. Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

12 Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

13 Siehe „d freiheit hod ian preis“ von Peter Thalheim.

14 Siehe „Wir haben es geschafft!“.

15 Siehe „Der Kontrollfahrer“ von Artur Troppmann.