Flusslandschaft 1987

Schwule/Lesben

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Am 25. Januar wird der neue Bundestag gewählt. Schwule rufen zu einer Wahlentscheidung auf.

Das bairische Kabinett verabschiedet am 25. Februar die von Innenminister Peter Gauweiler er-
arbeiteten Maßnahmen zur AIDS-Bekämpfung. Ab sofort werden alle Personen in Baiern, bei denen eine AIDS-Infektion vermutet wird, von den zuständigen Behörden zu einem HIV-Test vorgeladen. Es besteht eine Meldepflicht für Infizierte. Ab Mai sollen sich alle Bewerber für den Staatsdienst oder das Richteramt einem AIDS-Test unterziehen.

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„4. April: Auf dem Marienplatz findet eine Demonstration gegen die umstrittenen Maßnahmen der Bayerischen Staatsregierung zur Eindämmung der Virusseuche AIDS statt. Zu der Veranstaltung hatten u.a. die Münchner AIDS-Hilfe, linksextremistische Gruppen (sic!), die Grünen und einige SPD-Stadträte aufgerufen. Die ‚Zwangsmaßnahmen’ der Staatsregierung werden als gesundheits-
politisches Verbrechen bezeichnet, da sie einerseits Beratung, Aufklärung und Betreuung erheblich erschwerten, andererseits die übrige Bevölkerung ‚in eine falsche Sicherheit wiegten’.“ – Zehntau-
send Menschen demonstrieren am 4. April gegen polizeiliche Vorführung zum Zwangstest und gegen Berufsverbot und Kasernierung von HIV-Infizierten. Im Aufruf zur Demonstration hieß es unter anderem: „Die bayerische Staatsregierung ist schlimmer als jede Seuche.“ Die Flugblätter wurden beschlagnahmt. Auf Transparenten der Demonstration heißt es jetzt: „Wer oder was ist schlimmer als jede Seuche?“ „Die bayerische Staatsregierung bekämpft das Volk und nicht AIDS.“ „Weg mit den Zwangsmassnahmen! Weg mit Gauweiler!“ – Peter Gauweilers „Bayerischer Maß-
nahmenkatalog“ sieht u.a. Zwangstests an so genannten Risikogruppen, den „Ansteckungsver-
dächtigen“, Reihenuntersuchungen für Schwule, obligatorische Testung von Beamtenanwärtern sowie Berufsverbote vor. Gauweiler denkt an Absonderung oder zumindest Meldepflicht für In-
fizierte3 und spricht „von ‚Seuchenherden‘, die er ausmerzen wolle.“4 Infizierte und Kranke, schlägt der CSU-Bundestagsabgeordnete Horst Seehofer vor, müssten künftig „in speziellen Hei-
men“ gesammelt werden. Er spricht von „konzentrieren“, sein Parteifreund und neuer Bonner Staatssekretär Erich Riedl meint, es müsse erreicht werden, „dass erkrankte und nichterkrankte Personen dort abgesondert werden können, wo die infizierten Personen häufig zusammenkom-
men, zum Beispiel in Fabriken, Schulen und Vereinen."5

1986 wurde Hans Zehetmair (CSU) Staatsminister für Unterricht und Kultus. Homosexualität be-
zeichnet er 1987 im bairischen Fernsehen als „contra naturam, nicht nur contra deum … und im Grunde … krankhaftes Verhalten“ und ergänzt, dass „dieser Rand … ausgedünnt werden“6 muss. Er beschreibt bereits zuvor den Aids-Erreger als „Symptom einer maroden Gesellschaft“ und ver-
ortet Homosexualität im „Randbereich der Entartung“. Er empfiehlt auch in diesem Zusammen-
hang erneut: „Das Umfeld der ethischen Werte muss wiederentdeckt werden, um diese Entartung auszudünnen“.7 Daraufhin Eckhard Henscheid: „Die Aids-»Entartung«, Johann Baptist Zehet-
mair, nicht nur »ausdünnen«! Ausmerzen, Zehetmair, ausmerzen! Verstehst? Ausmerzen!“8

Im Sommer: Christopher-Street-Day (CSD).

„24. Oktober: Unter dem Motto: ‚Weg mit dem AIDS-Maßnahmen-Katalog der Bayerischen Staatsregierung’ demonstrieren rund 1.500 Personen in der Innenstadt. Zu der Veranstaltung hatten unter anderem SPD, Grüne, mehrere AIDS-Hilfen und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aufgerufen. Auf Flugblättern, die verteilt werden, steht unter anderem zu lesen: ‚Statt über das Infektionsrisiko aufzuklären, wiegt der Maßnahmen-Katalog die Bevölkerung in falsche Sicherheit. … Wir fordern: Keine Absonderungskliniken für AIDS-Kranke, sondern Ausrüstung möglichst vieler Krankenhäuser zur Betreuung von AIDS-Kranken.’ Auf dem Zug durch die In-
nenstadt kommt es zu erheblichen Verkehrsstauungen. Zahlreiche Kundgebungsteilnehmer tragen Plakate gegen Ministerpräsident Strauß, in Sprechchören wird verlangt ‚Weg mit Strauß.’ Von Seiten der Bayerischen Staatsregierung wird kritisiert, SPD und Grüne schürten durch eine Desin-
formation über den wahren Inhalt des AIDS-Bekämpfungskonzepts nur Ängste, statt sich einer sachlichen Auseinandersetzung mit der Weltseuche zu stellen.“9 – Für eine Massenpetition, die den bairischen Landtag auffordert, den Maßnahmenkatalog aufzuheben und stattdessen „sozial-
verträgliche“ Maßnahmen zur Bekämpfung von AIDS und zur Pflege von AIDS-Kranken einzufüh-
ren, werden bisher 15.000 Unterschriften abgegeben.10

Siehe auch „Gedenken“.


1 Schwules Museum, Berlin

2 Schwules Museum, Berlin

3 Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 80, 1, 17; siehe „Krankes Volk“ von Franz Joseph Bieringer; 2 Fotos: Schwule Demo vom 4. April 1987, Standort: www.einestages.spiegel.de.

4 Stern vom 19. Februar 1987, 28.

5 Der Spiegel 7 vom 9. Februar 1987, 32.

6 Der Spiegel 43 vom 21. Oktober 1991, 72.

7 Der Spiegel 17 vom 20. April 1987, 56.

8 Eckhard Henscheid, Polemiken, Frankfurt am Main 2003, 615.

9 Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 246, 1, 17.

10 Siehe dazu auch „Gauweilers Richter: Zwei Jahre Gefängnis für HIV-Positiven“ sowie „Unrecht ist, was Strauß nicht passt“.