Flusslandschaft 1988

Bundeswehr

„Die Fahnenflucht ist der Widerstand des kleinen Mannes und einfachen Soldaten, der keine Grup-
pe befehligt … Der Deserteur ist nichts anderes und nicht mehr und nicht weniger als nur er selbst, eine lächerlich zitternde Masse von Fleisch und Angst, und wenn er gut ist, von Zorn, denn es kann sein, dass er verfolgt und exekutiert wird … Was er erreicht, ist ungewiss, gewiss nur, was er verlas-
sen hat: die eine Seite des Verbrechens, an dem diese Welt schon so lange krankt, dass sie daran sterben wird, geschieht nicht das Wunder massenhafter völkerumgreifender und ‑verbindender Desertion. Die Welt kann nur von den prinzipiell Fahnenflüchtigen gerettet werden; ihr Untergang wird besiegelt von den prinzipiell Nichtfahnenflüchtigen, die die Verräter unseres Zeitalters sind weil sie das Leben an die Systematik der Vernichtung ausliefern … In Parallele zu einem Wort von Bloch, wonach es Sinn der Kirchen sei, Ketzer hervorzubringen, sehen wir den Sinn der Armeen in heutiger Zeit darin, zu schaffen, womit wir an die urchristlichen ersten drei Jahrhunderte des er-
sten Jahrtausends anknüpften, als Soldaten nicht getauft werden durften, weil jede Lebensvernich-
tung als unchristlich galt. Alle großen Kriege und Kreuzzüge begannen mit dem Eid auf die Fahne. Alle großen und kleinen Desertionen beginnen mit dem Bruch des Fahneneids … Die Desertion ist die wahre Friedenspflicht. Indem ich mich weigere, bin ich … Nicht zufällig verwandelte sich das Christentum, kaum zur römischen Staatsreligion geworden, aus einer pazifistischen Glaubensge-
meinschaft in eine kriegerische. Nicht Rom passte sich der Kirche an, sondern die Kirche Rom. Es begannen zwei Jahrtausende Ketzerproduktion, Rebellenjagd, Ausrottung der Deserteure. Die Frage ist zweitausend Jahre danach noch dieselbe: Krieg oder Friede. Soldat oder Deserteur. Auto-
ritärer oder rebellischer Charakter … Vor die gnadenlose Wahl gestellt, entweder Kain oder Abel zu sein, wählt der Deserteur das Wedernoch … Er ist in allen Armeen der schlimmste Feind, schlim-
mer als der Feindsoldat, denn er widersteht dem Befehl zum Töten und nimmt lieber den eigenen Tod in Kauf, was die Ohnmacht seiner Vorgesetzten beweist … Mag sein, dass das schwache Ge-
schlecht der Soldaten auf beiden Seiten heute den rebellischen Akt verweigert. Dann haben die Soldaten nichts anderes verdient als das große Feuer und den Nachruf aus schwarzer Asche. Aber die Zivilisten? Wir? Die Menschenmehrheit? Die Welt benötigt für Völkermord keinen Hitler mehr. Verglichen mit dem heutigen Vernichtungspotential waren die Möglichkeiten Hitlers eher beschränkt. Rückblickend ist Auschwitz der erste Versuch einer neuen >Normalität<, die schon begonnen hat und uns so unaufgeregt opportunistisch mitmachen lässt, als hätte es das Dritte Reich nie gegeben.“1

Beim Landgericht beginnt am 18./19. April ein Prozess gegen vier Angeklagte, denen „… fortgesetz-
tes verfassungsfeindliches Einwirken auf die Bundeswehr in Tateinheit mit fortgesetzter Aufforde-
rung zu Straftaten …“ vorgeworfen wird.2

Siehe auch „Frieden/Abrüstung“ und „SchülerInnen“.

(zuletzt geändert am 5.2.2021)


1 Gerhard Zwerenz, Soldaten sind Mörder. Die Deutschen und der Krieg, München 1988.

2 Siehe „Wehrkraftzersetzung: Kriegsgegner vor Gericht!“; vgl. Archiv Reader 1 vom April 1988, 36.