Flusslandschaft 1988

Frauen

Frauenprojekte, die sich mit Staatsknete über Wasser halten und dadurch verwässert werden, lösen Diskussionen aus.1

In Giesing steht die Fabrik der Merk Telefonbau GmbH. Die Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen sind alles andere als erträglich.2

„5. März: Rund 500 Personen demonstrieren vor dem Justizpalast gegen das geplante neue Beratungsgesetz zum Abtreibungsparagraphen 218. Auf Flugblättern ist unter anderem zu lesen, dass das geplante Beratungsgesetz ‚Schwangerschaftsabbrüche fast unmöglich machen soll’.“3

„Lillemors, das Reservat – Den Münchner Stadtrat Peter Kripp plagen ernste Bedenken: ‚Gesellschaftliche Reservate, die das Miteinander der Menschen erschweren, sollte die Stadt nicht unbedingt fördern’ Das ‚Reservat’, das ihm soviel Bauchschmerzen bereitet, liegt in der Schwabinger Arcisstraße und ist Münchens einziger Frauenbuchladen. Der ‚erschwert’ nach Ansicht des Lokalpolitikers das ‚Miteinander der Menschen’, weil Männer ihn nicht betreten dürfen. Am 8. März 1988, dem Internationalen Frauentag, sollten die Mitarbeiterinnen des Buchladens für ihren ‚wesentlichen Beitrag zur Frauenkultur der Stadt’ gewürdigt werden: mit dem ‚Förderpreis für Frauenforschung und Frauenkultur’, dotiert mit 10.000 DM. Der älteste Frauenbuchladen in der BRD organisiert seit 13 Jahren Lesungen, Ausstellungen und Diskussionen für Frauen. Die Jury – bestehend aus Stadträtinnen, Journalistinnen und Frauen aus dem Kultur- und Bildungsbereich – hatte Lillemors bereits zur Preisträgerin gekürt. Es fehlte nur noch die Bestätigung durch den Stadtrat. Doch die Ehrung ist fürs Erste aufgehoben. CSU, FDP und USD (eine Minifraktion zweier SPD-Aussteiger) behaupten, die Jury sei nicht korrekt zusammengesetzt gewesen. Außerdem handele es sich bei Lillemors um einen Gewerbebetrieb, dem ein städtischer Preis gar nicht zustehe. Was auf den ersten Blick wie eine interne Rangelei im Münchner Rathaus aussah, hat sich nun als handfester Konflikt um Frauenpolitik entpuppt: inzwischen soll die Rechtsabteilung prüfen, ob Lillemors gegen das Grundrecht auf Gleichbehandlung verstößt. aus: Emma, März 88.“4

„Die Initiative Münchner MädchenArbeit (I.M.M.A) hat ein neues Projekt eröffnet: die Zufluchtstelle für Mädchen und junge Frauen. In der Zufluchtsstelle können bis zu zehn Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren vorübergehend wohnen. Dort sind mehrere Frauen, die inner- und außerhalb des Hauses arbeiten: fünf Sozialpädagoginnen sind rund um die Uhr abwechselnd im Haus, eine Sozialpädagogin um Selbsthilfegruppen mitaufzubauen für Mädchen/junge Frauen, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind/waren, eine Verwaltungsfachfrau halbtags. Zufluchtsstelle für Mädchen und junge Frauen, Tel. 18 36 09. Postamt 20, 8000 München 19, Postlagernd. Bank für Sozialwirtschaft, Kt.-Nr. 78 038 00, BLZ 700 205 00, Spenden sind von der Steuer absetzbar.“5

Für den 6. Juli ist eine Großveranstaltung in der Ludwig-Maximilians-Universität am Geschwister-Scholl-Platz 1 mit dem Titel „Gentechnologie, Bevölkerungspolitik, Sextourismus und die Verhaftungen von Ulla Penselin und Ingrid Strobl“ geplant.6 Das Innenministerium will die Veranstaltung, die weder anmeldepflichtig noch genehmigungspflichtig ist, verbieten, das Wissenschaftsministerium weist die Universität an, den Raumbescheid zu wiederrufen. Schließlich weist die Regierung von Oberbayern das Münchner Kreisverwaltungsreferat an, die Veranstaltung zu verbieten. Vier Stunden vor Veranstaltungsbeginn erhalten die AnwältInnen der Studierenden den Verbotsbescheid. 15 Minuten vor Veranstaltungsbeginn entscheidet der Verwaltungsgerichtshof, dass die Versammlungsfreiheit Vorrang habe. Etwa siebenhundert Menschen hören jetzt Vorträge und diskutieren in der Uni, umgeben von einem beachtlichen Polizeiaufgebot und bespitzelt von nicht wenigen Zivis.7

In der Abendzeitung findet sich eine verkaufsfördernde Reportagen-Serie von Benno Kroll unter der Überschrift „Liebe per Kleinanzeige“. Am 12. September findet im Raum A 124/I im Gerichtsgebäude in der Nymphenburgerstraße ein Prozess „wg. gemeinschaftlicher Sachbeschädigung an Werbeplakaten der AZ für eine sexistische, frauenverachtende Serie“8 statt.

Gisela Elsner findet sich in der Frauenbewegung nicht wieder. Sie schreibt an Ronald M. Schernikau: „Seit mehr als dreißig Jahren muss ich für den Riss in einem Präservativ nun büßen. Das ist zuviel verlangt. Ich lasse mich von keiner Macht der Erde zu einer Mutter degradieren … Das weibliche Geschlecht ist glücklich, wenn es etwas über sich ergehen lassen kann. Deshalb hat es im Hinblick auf die Geschichte und die Errungenschaften der Menschheit erschreckend wenig vorzuweisen. Nicht einmal den Schwangerschaftsabbruch haben sich die Weiber zu erkämpfen vermocht. Es ist ein Gnadenakt der Männer. Lachhaft finde ich die Emanzipationsversuche der Weiber. Kaum dass sie ihre Doktorarbeiten geschrieben haben, wünschen sie sich nichts sehnlicher als ein Kind. In der Versklavung sehen sie ihr größtes Glück. Beim Anblick von Säuglingen stoßen sie Entzückungsschreie aus. Sie sind bis ins Mark verrottet und verdorben. Dabei hätten sie die Chance gehabt, die Fortpflanzung der Menschheit dadurch zu gefährden, dass sie massenweise zu Kindsmörderinnen geworden wären.“9

Siehe auch „Frieden/Abrüstung“.


1 Siehe „Autonomie gegen Integration“ von Anita Heiliger.

2 Siehe „Kunststück Zeit“.

3 Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 55, 1, 10.

4 Der Stadtbote. Politischer Rundbrief für München 25 vom 15. April 1988, 4.

5 A.a.O.

6 Siehe „Aufruf zur Vorbereitung einer gemeinsamen Veranstaltung“ und „Unterstützertreffen zur Vorbereitung einer solchen Veranstaltung“.

7 Vgl.: Abendzeitung, Süddeutsche Zeitung, tz und Münchner Merkur vom 8. und 9. Juli 1988.

8 Archiv Reader 3 vom September 1988, 72.

9 Matthias Frings, Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau, Berlin 2009, 307 f.