Flusslandschaft 1989

Kunst/Kultur

Zum Ende der 80er Jahre fragt die Zeitschrift tendenzen nach den Chancen einer engagierten Kunst und nach ihrer Rolle im Kunstmarkt. Richard Hiepe antwortet illusionslos.1 Und Mona Winter beobachtet, wie in Münchens Kulturwelt ignorantes Publikum, kommerzielle Interessen und bornierte Kunsterzeuger sich gegenseitig bedingen; nur in Nischen blüht das Neue.2

Die Interessenten, die zur „Jungbürgerfeier“ in Milbertshofen kommen, sind an einer Hand abzuzählen. Politikerinnen und Politiker sind sehr enttäuscht.3 Überhaupt, die Milbertshofener muss man zu kulturellen Veranstaltungen tragen. Eine Anwohnerin erklärt, woran das liegt.4

BILDENDE KÜNSTE

Im Januar 1989 zeigt Peter Frese auf Reklametafeln am Sendlinger-Tor-Platz und am Bauzaun der Uni-Mensa an der Leopoldstraße auf 240 mal 360 cm vergrößerte Bilder, auf denen zu sehen ist, wie Polizisten in Kampfmontur auf Demonstranten einschlagen. Die Fotos hat er Zeitungen entnommen.5

MUSEEN

Hannes König, der Gründer und Leiter des Valentin-Musäums stirbt am 11. Oktober. An seinem Grab spielte man die »Internationale«.

MUSIK

„1. April: Stellvertretend für rund 1.000 junge Musiker. die in München einen Raum zum Üben suchen, proben 5 Bands auf einer provisorischen Bühne auf dem Marienplatz und protestieren damit gegen ihre Misere. Gefordert wird ‚ein klarer Stadtratsbeschluss für Proberäume’. Zur Linderung der größten Not haben die Musiker ein ‚Übungs-Studio’-Konzept vorgelegt, das sie im ehemaligen Ölkeller des Hauses Hansastraße 39 verwirklichen wollen. Weil der Ausbau weitgehend in Eigenarbeit erfolgen könnte. kämen sie schon mit 50.000 Mark von der Stadt zurecht. Das Projekt habe sich jedoch ‚auf dem Weg durch die Instanzen’ festgefahren.“6

AKTIONEN

Bei einer Kunstperformance tritt Heinz Jacobi als Helmut Kohl auf. Die Veranstaltung wird als unangemeldete Demonstration gewertet; Jacobi soll dazu aussagen.7

THEATER

Frank Castorf inszeniert am Residenztheater „Miss Sara Sampson“. Herbert Fritsch onaniert hier in der Rolle des Mellefont in Zeitungspapier und wirft anschließend das Knäuel ins Parkett (Natürlich tut er nur so …). Schon in der Premiere hagelt es Buhrufe. Innenminister Tandler fordert wegen „Oszönität“ die Absetzung der Inszenierung.

Alexeij Sagerer, der Leiter des prozessionsTheaters (proT), sucht einen neuen Theaterraum für sein „unmittelbares Theater“. Er meint: „In gewisser Weise kann man unmittelbares Theater und domestiziertes Theater mit der Wildsau und dem Hausschwein vergleichen. Wo das eine sein Sausein austrägt, trägt das andere Schnitzel. ODER. Das unmittelbare Theater ist nicht ‚der Humus’ des domestizierten Theaters. Ebensowenig wie die Wildsau ‚der Humus’ für das Hausschwein ist.“8


1 Siehe „Rundschlag“ von Richard Hiepe.

2 Siehe „Alles geht – Lieber Aal“ von Mona Winter.

3 Münchner Stadtanzeiger (Norden) vom 29. September 1989, 3.

4 Siehe „Anscheinend …“ von Inge Marchner.

5 Siehe „Die Ästhetik des Widerstands und der Widerstand der Ästhetik“ von Reinhard Kreissl sowie „6. petit battement sur le coup de pied“ von Peter Frese.

6 Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 76, 1, 3.

7 Siehe „Ablehnung einer Zeugenaussage“ von Heinz Jacobi.

8 Stadtmagazin München 3 vom 20. Oktober 1989, 10.