Flusslandschaft 1959

Kunst/Kultur

BILDENDE KÜNSTE und AKTIONEN

„23. Januar: In den Räumen des Berufsverbands Bildender Künstler in München wird von jungen Künstlern eine Ausstellung mit dem Titel ‚Extremisten – Realisten’ eröffnet. Aus diesem Anlass ist der Stuttgarter Philosoph und Mathematiker Professor Max Bense als Redner eingeladen worden. Obwohl für denselben Abend ein Vortrag des Philosophen Martin Heidegger ‚Über die Sprache’ im Völkerkundemuseum angekündigt ist, erscheinen dreihundert erwartungsvolle Besucher – Kunst-
begeisterte, Presseleute und Repräsentanten der Kulturszene. Doch Bense tritt gar nicht auf; er ist angeblich verhindert. Anstelle des Philosophen begibt sich ein junger Mann ‚mit pomadisiertem Scheitel’ – wie ein Berichterstatter vermerkt – ans Rednerpult. Er liest einen Brief vor, in dem sich der Professor für sein Fernbleiben entschuldigt. Er habe kurzfristig nach Mailand und Zürich rei-
sen müssen. Um aber dennoch seinen Beitrag leisten zu können, lege er dem Schreiben ein Ton-
band bei, auf das er seine Eröffnungsrede noch vor seiner Abreise gesprochen habe. Neben dem Tonbandkoffer steht wie als symbolisches Zeichen für den abwesenden Redner ein Wasserglas. Als das Band schließlich den Besuchern vorgespielt wird, hört man eine weihevolle Stimme, die von Kontinuum und Koinzidenz, Perfektion und Zivilisation, Zeichen- und Signalwelt, ästhetischer In-
formation und anderen bedeutungsschweren Dingen spricht. Obwohl die Diktion des Vortrags et-
was gespreizt wirkt, lauscht das Publikum hingebungsvoll den Ausführungen des wissenschaftlich anerkannten Ästheten. Als die Aufnahme mit einem technischen Seufzer zu Ende geht, ertönt be-
freiend wirkender Applaus.

Die Presse reagiert freundlich, obgleich auch nicht ohne ironische Untertöne auf den zwar an-
spruchsvoll, zugleich aber befremdlich wirkenden Vortragsabend. Die Rede ist vom ‚Neo-Da-Da- und Tonbandphilosophen Bense’; zum Schlafwagenregisseur und Flugzeugdirigenten sei nun noch der ‚Tonbandphilosoph’ hinzugekommen. Nicht ohne Ernst setzt man sich mit den ästhetischen, kommunikationssoziologischen und allgemein ontologischen Aspekten des Vortrags aus dem Off auseinander. Ein Kritiker stellt zusammenfassend fest: ‚Alles in allem: München war be-benst!’

Doch kurze Zeit später trifft bei den Lokal- und Kulturredaktionen der Münchner Tageszeitungen ein Brief ein, in dem es heißt: ‚Ich erkläre Ihnen, dass ich nie mit den Veranstaltern verhandelt habe über etwas Derartiges, dass ich nie ein Tonband besprochen habe und an jenem fraglichen Tag nicht in München gewesen bin. Offenbar haben Fremde aus meinen Büchern auf Tonband gesprochen und das Ganze als meinen Vortrag ausgegeben. Die Gruppe der Veranstalter ist mir völlig fremd. Sie sind also einer bewusst arrangierten Täuschung zum Opfer gefallen. Es versteht sich, dass ich gegen die Veranstalter Strafantrag stelle.’

Max Bense meldet sich in dieser Form zu Wort. Erst durch die Presse hat er von seinem angebli-
chen Tonbandvortrag erfahren.

Wie sich herausstellt, war es nicht die Stimme des Professors, die an dem Abend zu hören war, sondern die eines Mitglieds der situationistischen Gruppe SPUR, das hier einigen Kunst- und Bildungsbeflissenen der Stadt München einen Schabernack spielen wollte. Mit der selbst fabri-
zierten Tonbandphilosophie, vermutet der Kritiker Rolf Seeliger, wollte man ‚der Schaumschläge-
rei snobistischer Intellektueller einen Zerrspiegel’ vorhalten.

Zunächst stellt der Stuttgarter Professor tatsächlich gegen die Fälscher Strafantrag; er zieht diesen jedoch zurück, als er erkennt, dass es sich bei der Abspielung um eine Persiflage auf den Kulturbe-
trieb handelt.

Der Literaturkritiker Joachim Kaiser kommentiert den Fall am 3. Februar in der Süddeutschen Zeitung mit den Worten: ‚Das ganze war also ein großer Bluff, auf den alle hereingefallen sind. Man hielt die Stimme eines offenbar älteren, schön sprechenden Herren, die vom Bande erklang, für Bense. Dessen unverwechselbares, kölnisch gefärbtes Intellektuellen-Prestissimo hatte an-
scheinend noch niemand gehört. Die Extremisten hatten mit der extremen Vermutung, der Schwindel werde unbemerkt bleiben, recht … Fazit: Man darf der Authentizität von Stimmen nicht mehr trauen. Die Bänder lügen durchaus … was darf man eigentlich noch glauben ?’“1

Während der 3. Konferenz der Situationistischen Internationale (SI) vom 17. bis 20. April 1959 in München wird die Gruppe SPUR als deutsche Sektion offiziell aufgenommen.2 Nach der Konferenz werden am 21. April Flugblätter verteilt, deren Überschrift lautet „Ein kultureller Putsch — wäh-rend Ihr schlaft“. Dieter Kunzelmann gehört zeitweilig dem Zentralrat der SI an.

Am 27. Februar spritzt ein dreiundfünfzigjähriger Schriftsetzer Säure auf den „Höllensturz der Verdammten“ von Rubens in der Alten Pinakothek. Ob der Attentäter geistesgestört ist, ob er ein Motiv der Tat benannte, ist unklar.

THEATER

Horst A. Reichel bringt am 18. April in seinem münchner studio-theater im schweizerhaus das „lied der taube“ zur Aufführung. Nach vierzehn Tagen ist Schluss. Einige Tausend Mark sind „verbrannt“. Im Herbst findet er im Nebenzimmer der Neuen Akademie, einem Gasthaus in der Amalienstraße in der Maxvorstadt, eine neue Bleibe. Am 6. November steigt hier die Premiere von Christopher Frys „Ein Phönix zuviel“. Der Abend ist eine Katastrophe.

Am 18. Januar 1960 steigt Ionescos „Unterrichtsstunde“; der Besucherzuspruch bleibt spärlich. Der 30. März beendet das theater an der amalienstraße. Nach Monaten des Suchens findet Rei-
chel im Hinterhof der Schleißheimerstraße 96 in Schwabing einen Raum, der einmal als Pferdestall diente. Hier passen genau 44 Stühle rein. In diesem theater 44 werden zunächst noch einmal der „Phönix“ und die „Unterrichtsstunde“ gegeben; die Eröffnungspremiere im November zeigt Becketts „Endspiel“. 1962 zieht Reichel mit seinem Theater in die Hohenzollernstraße 20 in Schwabing um. Dieses frühe Münchner Privattheater wird vor allem mit Franz Xaver Kroetz’ „Wunschkonzert“ Furore machen.

MUSEEN

Kurz vor Wiesn-Beginn wird am 17. September 1959 mit einem großen Festakt im Bürgerbräukel-
ler
an der Rosenheimer Straße 11 in Haidhausen das Valentin-Musäum im Isartor eröffnet. Als Einladung hierfür dient ein vier Kilo schwerer Ziegelstein. Für 51 Pfennig Eintritt können die Münchner Bürger das Musäum ab dem folgenden Tag besichtigen. Die öffentliche Resonanz ist überwältigend.

Vorausgegangen waren 1958 zwei Valentin-Ausstellungen im Kunstpavillon im Alten botanischen Garten und in einem Zelt auf der Auer Dult anlässlich der 800-Jahr-Feier Münchens. „Warum bleibt ein solches Museum nicht für ewig in München stehen?“ schrieb damals ein Münchner Be-
sucher ins Gästebuch. Für den Münchner Kunstmaler Hannes König war dies Ansporn, in eigener Initiative ein wirkliches Valentin-Musäum dauerhaft einzurichten. Hierzu überredete er Bürger-
meister Adolf Hieber, ihm das Isartor zur Verfügung zu stellen. Dieses war freilich schwer kriegs-
beschädigt und nur mit einem Notdach versehen. So musste die hohle Brandruine für Museums-
zwecke erst ausgebaut werden. Das Geld für den Ausbau des Südturms und die Einrichtung der Ausstellung — eine Mischung aus informativen Einheiten und kuriosen Überraschungen — sam-melte er mit Unterstützung von Künstlerfreunden und Kulturreferat bei den Münchner Bürgerin-nen und Bürgern und bei Benefiz-Veranstaltungen. Viele Firmen steuerten auch Sachspenden bei. Als Vorbild für die Gestaltung des Musäums diente Karl Valentins Ritterspelunke, eine Verbindung aus Kellerkneipe, Bühne und Kuriositätenkabinett. So war auch das Turmstüberl von Beginn an fester Bestandteil das Musäums und ist bis heute Treffpunkt von Volkssängern und Kabarettisten. 2001 entsteht im Nordturm das Liesl-Karlstadt-Kabinett. Seither heißt die Einrichtung Valentin-Karlstadt-Musäum.3

VERLAGE

1925 gab Rudolf Geist in seiner Reihe „Verse und Gesänge“ IV ( Verlag der Schriften ) Erich Müh-
sams 1924 auf der Festung Niederschönenfeld geschriebene und zuvor bereits in der österreichi-
schen „Arbeiter-Literatur“, Nr. 7 — 8 ( Wiener Verlag für Literatur und Politik ) veröffentlichte Dichtung „Seenot“ heraus. 1956 bat der Anarchist Rudolf Geist Paul Heinzelmann, Fürstenfeld-bruck 2, Dachauerstraße 29, das Werk noch einmal zu drucken. Zum 25. Todestag Mühsams er-scheint 1959 im Brucker Steinklopfer-Verlag die Wiederveröffentlichung unter dem Titel „Damp-fer «Deutschland» in Seenot“ zum Preis von 1,50 DM.4

(zuletzt geändert am 17.3.2020)


1 Wolfgang Kraushaar, Die Protest-Chronik 1949 — 1959. Eine illustrierte Geschichte von Bewegung, Widerstand und Utopie. 4 Bde., Hamburg 1996, 2091 f.

2 Siehe „Die Gruppe SPUR“ von Nina Zimmer, „Verwehte Spuren“ und „Ringvorlesung am 18. Mai 1988“.

3 Siehe www.valentin-musaeum.de.

4 1932 gab Drucker und Verleger Paul Heinzelmann das erste Heft der Zeitschrift „Der Steinklopfer“ heraus. Nach der Machtübergabe eliminierten die Nazis den „Steinklopfer-Verlag“. 1953 gründete Heinzelmann den Verlag in Fürstenfeld-
bruck neu und gab von 1955 bis zu seinem Tod die circa 35-bändige Steinklopfer-Reihe der Außenseiter heraus, darunter Titel von Willy Alante-Lima, Robert Browning, Rudolf Geist, Jakob Haringer, Friedrich Markus Huebner, Louise Labé, Monika Mann, Hans Pflug-Franken, Arno Reinfrank, Cornelius Streiter. Auch die Komma-Reihe des Komma-Clubs München kam hier heraus. 2018 erschien eine kommentierte Neuauflage der Mühsamschen Steinklopfer-Ausgabe im Berliner Verlag „Die Buchmacherei“ (Hg.: Dieter Braeg). Eine zweite, korrigierte Auflage ist in Vorbereitung. (Dank an Bernhard Heinzelmann für die Information!)