Flusslandschaft 1960

Kunst/Kultur

LITERATUR

Im Januar veranstalten die Münchner Kammerspiele „90 Minuten Kurt Tucholsky. Eine Matinee zu seinem 70. Geburtstag“. Thematisiert werden die alten Nazis, die immer noch da sind und der Muff der Adenauerzeit mit Wiederaufrüstung und Klassenjustiz. Es spielen Ursula Herking, Hanne Wieder, Helen Vita, Hans Schweikart, Günter Pfitzmann, Wolfgang Reichmann, Friedrich Hol-
laender, Werner R. Heymann, Jochen Breuer und Klaus Budzinski. Es spricht Erich Kuby.1

Einen nennen die Schwabingerinnen und Schwabinger immer wieder gerne den „Bürgermeister der Traumstadt“. Peter Paul Althaus dichtet hinreißende, liebevoll-surrealistische Oden auf sein „Wahnmoching“. Das hört man gern. Aber einmal wird es auch dem PPA zu viel. Er schreibt um 1960 einen Text, dessen Titel dreißig Jahre später in aller Munde ist, obwohl niemand mehr weiß, dass er von ihm ist.2

ZEITSCHRIFTEN

Aus der Initiative Künstler gegen den Atomtod entstehen die tendenzen, eine Zeitschrift für kritische Kunst und Kultur; dabei: Richard Hiepe.

BILDENDE KÜNSTE und AKTIONEN

Am 15. März beginnt die Genfer Abrüstungskonferenz, die bis in den Juni hinein andauert.
Die Gruppe SPUR veröffentlicht ein Flugblatt.3 — Bei der 4. Konferenz der Situationistischen Internationale (SI) in London im September lehnt die Gruppe SPUR die „Unterwanderung der Arbeiterklasse“ ab, da diese nicht mehr revolutionär, sondern beliebig manipulierbar sei. Die SI müsse ihr Programm allein mit den zu mobilisierenden Künstlern Europas verwirklichen. Alle anderen Sektionen sind mit dieser Forderung nicht einverstanden. — Im Dezember nehmen Frank Böckelmann und Uwe Lausen, Initiatoren der Zeitschrift Ludus, Kontakt zur Gruppe SPUR auf. Siehe auch „Alternative Medien“.

Will Elfes ist einer aus der „verlorenen Generation“. Er entwirft ein Mahnmal für das Konzentrationslager Dachau, das nie realisiert wird.4

Im Dezember veröffentlicht die Gruppe „Wir“ ihr Manifest.5

KABARETT

Aus einem SPD-Wahlkampfkabarett 1958/59 entwickelt sich 1960 das Studentenkabarett Die Knallfrösche. Hannes Stütz, Ekkehard Kühn und Hans Kolo nennen es »Politerarisches Kabarett«. Beim zweiten Programm „Du seufzst, Amalie?“ stehen außerdem Marilis Brommund, Susi Weber und Manfred Vosz auf der Bühne. In der Pause spielt das Publikum mit aus Papier gestanzten, gefalteten „Knallfröschen“.

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Siehe auch „Umwelt“.


1 Siehe „Ganz ohne Tucholsky“ von Erich Kuby.

2 Siehe „Wir sind das Volk“ von Peter Paul Althaus.

3 Siehe „Gruppe S.P.U.R.: Ritus contra Depravation“.

4 Siehe „Mahnmal für Dachau“ von Will Elfes sowie Gerstenbergs „Das Knie allein blieb unverletzt …“.

5 Siehe „Wir …“.

6 Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

Überraschung

Jahr: 1960
Bereich: Kunst/Kultur

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