Flusslandschaft 1961

Kunst/Kultur

Am 17. April 2014 wird Hans Koller (1. Februar 1927 – 10. April 2014) auf dem Münchner Westfriedhof beerdigt. Dabei verliert eine Besucherin einen vergilbten Einladungszettel,
den zum Glück Wolf-Dieter Krämer bemerkt und vom Gehsteig aufhebt:

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BILDENDE KÜNSTE und AKTIONEN

Die Gruppe SPUR verteilt im Januar 1961 in den Münchner Kammerspielen ihr programmatisches „Avantgarde ist unerwünscht!“2 und in Schwabing ihr „Gaudi-Manifest“, auch „Januar-Manifest“ genannt.3 Im Februar wird sie aus der Situationistischen Internationale (SI) wegen oppositionel-
len Verhaltens ausgeschlossen. In den tendenzen erscheint ein kritischer Artikel.4 Siehe auch „Alternative Medien“.

KABARETT

Das Kabarett Die Zwiebel, das „zeitsatirische theater unterm Carlton Teeraum in der Briennerstraße 12 in der Maxvorstadt, zeigt „Folgen Sie mir unauffällig!“

LITERATUR

Anfang der 50er Jahre entstand der „Komma-Klub“ in der Schublade, einem Schwabinger Litera-
tur-Café, in dem noch unbekannte Autoren ihre Werke vortrugen, um dann dem Publikum Rede und Antwort zu stehen und auch manch kritische Bemerkungen sich anhören zu müssen. Der nonkonformistische Komma-Klub e.V. um Karl-Robert Danler, Sonja von Hove, Rolf Seeliger und Herbert Spiecker veranstaltet 1961 Autorenlesungen, Vorträge zu Fragen von Kultur und Politik und stellt junge Maler und Musiker vor.

Im Theatersaal der Max Emanuel Brauerei in der Adalbertstraße 33 in der Maxvorstadt singt am Mittwoch, 11. Januar, Will Elfes, „der vor allen als Bildhauer bekannt wurde, … selbst-vertonte Balladen, Moritaten, Chansons und Küchenlieder nach Bert Brecht, Erich Kästner, Rainer Lynen, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky und Francois Villon zur Gitarre. – Horst Wilhelm Blome, der mit Gedicht-Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften hervor-
trat, liest zeitkritisch satirische Verse. – Anschließend Diskussion.“5

Am Mittwoch, 25. Januar, liest Christian Geissler aus seinem Roman „Anfrage“. „’Es soll Streit des-
wegen entstehen, da anders ja heute niemand mehr munter wird. Und munter werden in dieser Sache ist, scheint mir, lebenswichtig für uns …’ schrieb der 1928 in Hamburg geborene Autor, als er sein Buch, mit dem er die ‘unbewältigte Vergangenheit’ anging, auf den Weg an die Öffentlich-
keit entließ. Er richtete seine ‘Anfrage’ an die Generation der Väter, die das ‘Dritte Reich’ zuließen und duldeten und sich heute in Schweigen und Vergessen retten. Christian Geissler suchte – um der Gegenwart und Zukunft willen – das Gespräch mit den Vätern über die Vergangenheit, und um das Gespräch zu finden, provozierte er den Streit. – Der Komma-Klub will mit dem Autor ein Buch diskutieren, das zwischen den Extremen emphatischer Zustimmung und empörten Protestes (der ‘Deutsche Ost-Dienst’ beispielsweise schrieb von ‘Landesverrat’) ein erstaunliches Echo weckte.“6 Tatsächlich ist die Diskussion über Geisslers Roman äußerst hitzig.

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1 Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

2 Siehe „Avantgarde ist unerwünscht“.

3 Siehe das „Gaudi-Manifest“.

4 Siehe „Gruppe SPUR/München“.

5 Komma-Klub, Programmzettel 1961/1, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

6 A.a.O.

7 Komma-Klub, Programmzettel 1961/2, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung