Flusslandschaft 1965

Internationales

Allgemeines
Vietnam und USA
Griechenland
USA und die Dominikanische Republik
USA und Indonesien
Iran
Rhodesien
Spanien


Gegen Ende des 15. Jahrhunderts/Anfang des 16. Jahrhunderts begannen die ersten europäischen Länder, auf anderen Kontinenten Kolonien zu errichten. Die „Unzivilisierten“ hatten sich den Normen und Gebräuchen ihrer Eroberer anzupassen, die Ressourcen der Kolonien wurden im Interesse der Kolonialherren ausgebeutet. Über den Kolonialismus hinaus beanspruchte der Imperialismus zur Erschließung großer Wirtschaftsräume und zum Schutz der globalen Verkehrs-
wege den Aufbau transkontinentaler Imperien. Im 17. Jahrhundert lösten Großbritannien und Frankreich Spanien und Portugal endgültig als Weltmächte ab. Zwischen 1870 und 1914 fand ein aggressiver Konkurrenzkampf der europäischen Mächte um die Aufteilung der noch nicht koloni-
sierten Länder statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg lösen sich unter dem Druck von Befreiungsbe-
wegungen die Kolonialreiche unter hinhaltendem Widerstand auf. Aber auch wenn die politische Unabhängigkeit erreicht ist, bleiben meistens die kulturelle und wirtschaftliche Abhängigkeit sowie die ungehinderte Ausbeutung der Ressourcen bestehen.1

VIETNAM und USA

Am 13. Februar billigt der US-Präsident systematische Bombenangriffe der USA in Nordvietnam, Laos und Kambodscha. Am 20. Februar findet in München eine Kundgebung gegen den Krieg in Vietnam statt.2 – Am Abend des 25. Mai spricht der US-Botschafter in der BRD, McGhee, in der großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität am Geschwister-Scholl-Platz 1 vor der Gesell-
schaft für Auslandskunde
und wird durch laute Zwischenrufe von Studierenden in seinen Aus-
führungen gestört. Es kommt zu einer Rauferei zwischen Demonstranten und ordnungsliebenden Studenten. Flugblätter werden verteilt.3

Für den 26. Mai lädt die Kampagne für Demokratie und Abrüstung zu einer Protestkundgebung in den Bürgerbräukeller an der Rosenheimer Straße 11 in Haidhausen. Rechtsanwalt Walter Lidl und der IG Metall-Gewerkschaftssekretär Rudi Müller aus Frankfurt am Main sprechen gegen den Vietnamkrieg. Dann soll ein Fackelzug zum Amerikahaus am Karolinenplatz in der Maxvorstadt ziehen. Hier ist dann eine ununterbrochene 50-stündige Demonstration geplant, die das Ende des Krieges fordert.4 Das Amt für öffentliche Ordnung verbietet die Kundgebung; es kommt zu Aus-
einandersetzungen.5

„… Auf den Vietnam-Demonstrationen 1965 und 1966, da waren vielleicht zweihundert bis vier-
hundert gewesen, da hatte man gesagt – dem habe ich auch teilweise zugestimmt – um die Wir-
kungslosigkeit dieser Demonstration zu zeigen: «Auf solche Demonstrationen kommen immer dieselben.» Und nach Anordnung der Polizei durften die Demonstranten damals nur in Zweier-
reihen auf dem Fußgängerweg gehen. Da gab es dann allerdings auch schon die ersten ‘Spielre-
gelverletzungen’, weil die Demonstranten diese Polizeiauflagen, die die Demonstrationen zur Wir-
kungslosigkeit verdammten, nicht mitmachten …“6 – Im Dezember beginnt ein Prozess gegen einen der Teilnehmer am Sitzstreik, der darauf besteht: „Ich habe nur durch Ausnutzung der Schwerkraft meines Körpers passiven Widerstand geleistet, weil ich gegen Eingriffe in die Grund-
rechte sehr allergisch bin.“7

Samstag, 24. Juli: US-Sonderbotschafter Harriman trifft sich mit Bundeskanzler Erhard im Hotel Vier Jahreszeiten in der Maximilianstraße 17. Etwa 50 bis 100 Menschen halten vor der Hotel-
einfahrt Tafeln und Transparente hoch: „Schmutziger Krieg – Erhard machts möglich“, „Bunker für München – Bomben auf Hanoi“, „Frieden in Vietnam heißt: Ami go home“. Sprechchöre ertö-
nen: „Meinungsfreiheit!“, „Wohlstandskanzler!“. „Großer“ und „kleiner Überfallwagen“ treffen ein. Die Polizei beschlagnahmt mehrere Transparente, darunter eine Tafel mit der Aufschrift „Not-
standskanzler spricht mit Kriegsverbrecher“ und drängt nach einem Handgemenge die Demon-
stranten schließlich in die Nebenstraßen ab.8 –- Am 9. November findet ein Prozess gegen Viet-
nam-Demonstranten statt.9

Im November unterzeichnen über hundertfünfzig SchriftstellerInnen und WissenschaftlerInnen, unter ihnen viele aus München, eine „Erklärung über den Krieg in Vietnam“.10 – Am 29. Novem-
ber demonstriert die Kampagne für Demokratie und Abrüstung erneut gegen den Vietnamkrieg.11 – Siehe auch „Gewerkschaften/Arbeitswelt“.

GRIECHENLAND

Mit Unterstützung der US-Administration kam 1952 die rechtskonservative „Griechische Samm-
lung“ des Marschalls Alexandros Papagos in Griechenland an die Macht. Ab da herrschten dezi-
diert antikommunistische Regierungen. Nach den Wahlen 1961 protestierte die Vereinigung der Demokratischen Linken (Ενιαία Δημοκρατική Αριστερά – ΕΔΑ = EDA) gegen das Wahlergebnis. Manipulationen und der Druck des Militärs hätten sie verfälscht. Im Wahlkampf 1963 wurde der EDA-Abgeordnete Grigoris Lambrakis ermordet; es kam zu großen Demonstrationen. Bei diesen Wahlen verlor, nachdem Ministerpräsident Konstantin Karamanlis als Folge der politischen Aus-
einandersetzungen und wegen eines Zerwürfnisses mit dem Königshaus zurückgetreten war und sich ins Exil begeben hatte, dessen rechte Nationalradikale Union ihre Mehrheit an die Zentrums-
union
von Giorgios Papandreou, der eine Regierung bildete. Die Durchführung seines Reformpro-
gramms wurde jedoch bald überschattet von einer neuen Zypernkrise. Auch Verschwörungsver-
dächtigungen um seinen von ihm als Minister in die Regierung berufenen Sohn Andreas Papandre-
ou (Aspida-Affäre) bereiteten ihm Schwierigkeiten. König Konstantin II. gelang es, Papandreou von der Regierungsmacht mit Hilfe von Überläufern aus der Zentrumsunion (angeführt von Kon-
stantinos Mitsotakis) im Juli 1965 zu verdrängen. Dies verschärfte die politischen Konflikte weiter. Diese wurden von zahlreichen Demonstrationen und gewalttätigen Auseinandersetzungen beglei-
tet, bei denen der Student Sotiris Petroulas zu Tode kam. – Am 2. August 1965 findet eine Demon-
stration für Giorgios Papandreu in München statt.12

USA und die DOMINIKANISCHE REPUBLIK

Der 1963 demokratisch gewählte Präsident der Dominikanischen Republik, Juan Emilio Bosch Gaviño, plante Sozialreformen. In einem von der CIA unterstützten Militärputsch wurde Bosch nach einer Amtszeit von nur sieben Monaten am 25. September 1963 gestürzt. Nachdem immer mehr Menschen die Rückkehr von Bosch fordern, entsenden die USA 1965 23.000 Mann auf die Insel und schlagen den Aufstand nieder. 5.000 Dominikanerinnen und Dominikaner verlieren ihr Leben

USA und INDONESIEN

In Indonesien positioniert sich Präsident Sukarno antiimperialistisch; das Land verlässt die Ver-
einten Nationen. Die CIA dagegen kontrolliert die Armee. Die „Volksfront“, die stärkste Stütze des Präsidenten, versucht, die Armeeführung zu entmachten, da schlägt das Militär am 30. Septem-
ber/1. Oktober zurück. Seitdem werden Hunderttausende Anhänger Sukarnos und Hunderttau-
sende Kommunisten ermordet. Gleichzeitig beginnt der Völkermord an den Chinesen Indonesiens. Sukarno tritt am 22. Februar 1967 zurück; an seine Stelle tritt General Suharto, ein bedingungslo-
ser Gefolgsmann Washingtons.

IRAN

Persische Studierende protestieren am 28. Oktober gegen vier im Iran beantragte Todesstrafen bei einem Prozess gegen vierzehn Akademiker und Studenten. Diese sollen sich gegen den Schah ver-
schworen haben.13

RHODESIEN

Am 26. November findet eine Kundgebung gegen die Smith-Regierung in Rhodesien statt.14

SPANIEN

„Fast gleichzeitig mit dem Erscheinen unseres 2. Sonderheftes ‚Kunst in Spanien’ wurde in den letzten Dezembertagen 1965 der Maler und Graphiker Agostin lbarrola nach vierjähriger Haft aus dem Gefängnis entlassen. Die ‚Westeuropäische Konferenz für die Amnestierung der spanischen Politischen Gefangenen’ teilt uns die Freilassung des Künstlers aus dem Zentralgefängnis in Bur-
gos mit. Damit scheint die erste Welle der Verfolgungs- und Strafmaßnahmen der Franco-Diktatur gegen die Künstlergruppe ‚Estampa popular’ abzuklingen, in deren Verlauf ein Drittel der aktiven Mitglieder inhaftiert (und teilweise gefoltert), ein anderes Drittel zur Emigration gezwungen und der Rest in seiner Arbeit gehindert und isoliert wurde. Inzwischen kam es zu weiteren Protesten der Intelligenz und Künstler in Spanien (vergleiche Sonderheft 11, Chronik). Am 9. Dezember de-
monstrierten mehr als 2.000 Studenten vor der Politischen Fakultät in Madrid gegen die Verhaf-
tung von zehn Kommilitonen. Professor Eloy Terron stellte seinen Lehrstuhl für Moralphilosophie an der Universität von Madrid aus Solidarität mit gemaßregelten Professoren zur Verfügung. Die Polizei räumte gewaltsam ein Universitätsgebäude, in dem Studenten sich zu einem Hungerstreik gegen das Regime verbarrikadiert hatten. Die Studenten der Universität Barcelona protestierten Mitte Dezember gegen die Übergriffe der Polizei auf das Universitätsgelände.

In den tendenzen wird fortlaufend über die Lage der Intelligenz und der Künste in Spanien be-
richtet. Da einflussreiche Kreise in unserem Land in dem dortigen System das ‚Modell eines Ord-
nungsstaates’ erblicken möchten, scheint uns eingehendere Information über die offiziellen Herrschaftsmethoden und den Protest der Künstler vonnöten.“15

Es dürfte 1965 gewesen sein, als SDS-Mitglied Werner Präg in einem Flugblatt Francisco Franco als spanischen „Diktator von Gottes Gnaden“ tituliert. Prompt erfolgt eine Anzeige wegen „Be-
leidigung eines befreundeten Staatsoberhauptes“. Präg wendet sich an Rechtsanwalt Konrad Kittl mit der Bitte um Hilfe. Dieser besorgt eine spanische 10-Centimos-Münze und verweist auf die Umschrift „Francisco Franco Caudillo de España por la Gracia de Dios“, die den Kopf Francos umgibt.


1 Siehe „25. mai“.

2 Vgl. Süddeutsche Zeitung 44/1965. Fotos: Stadtarchiv Standort Rudi Dix-Archiv. Mappe 2024 Demonstrationen.

3 Siehe „Man trägt wieder Big Stick“.

4 Aufruf: Stadtarchiv, Zeitgeschichtliche Sammlung 190/5.

5 Siehe „Polizei rückt gegen Demonstranten aus“ von Ursula Wilke und Martin Rehm.

6 Rolf Pohle, Mein Name ist Mensch. Das Interview, Berlin 2002, 34 f.

7 Süddeutsche Zeitung vom 8. Dezember 1965.

8 Vgl. Süddeutsche Zeitung 177 vom 26. Juli 1965, 1 ff.

9 Vgl. Süddeutsche Zeitung 268/1965.

10 Siehe „Erklärung über den Krieg in Vietnam vom November 1965 …“.

11 Vgl. Süddeutsche Zeitung 285/1965. Aufruf: Stadtarchiv, Zeitgeschichtliche Sammlung 190/5. (hier: „27.11.1965“)

12 Vgl. Süddeutsche Zeitung 183/1965.

13 Vgl. Süddeutsche Zeitung 258/1965. Fotos: Stadtarchiv Standort Rudi Dix-Archiv. Mappe 076 H.

14 Vgl. Süddeutsche Zeitung 283/1965.

15 tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 37 1965/66, 42. Siehe „Agostin Ibarrola Goicoechea“.