Flusslandschaft 1986

Kunst/Kultur

Wenns um zeitgenössische Kunst geht, sagen manche, „des konni a, so a G’schmier auf d’ Lein-
wand“. Die Gegenfrage, „warum machst es dann nicht und verkaufst es teuer“ erntet nur Kopf-
schütteln. Ein Gespräch über die Moderne gelingt in den seltesten Fällen. Vorurteile sitzen dort besonders fest, wo es ihnen gelingt, als Vorurteil nicht erkannt zu werden. Und Vorurteile freuen sich, wenn sie Bestätigung erfahren. So sehr sich Sigi Sommer um die Blicke auf das Leben der „einfachen Leute“ verdient gemacht hat, so sehr bedient er aber auch den Stammtisch.1

Alles ist wahrgenommen worden. Es wurde analysiert und interpretiert. Es ist schon alles gesagt. Jede und jeder hat es schon einmal gehört. Niemand kann sich herausreden, er hätte es nicht ge-
wusst. Alles ist gezeigt, alles ist gesagt. Umso erstaunlicher ist die Beobachtung, dass Wissen in den seltensten Fällen zu richtigen Konsequenzen führt. Ganz im Gegenteil: Wissen scheint dazu da zu sein, als vernachlässigbaren Größe zu gelten, noch schlimmer, als Projektionsfläche, gegen die erst recht zu agieren ist. So benötigt der korrupte Machthaber seinen Hofnarren, der die Wahrheit zu sagen hat, liebt es der reaktionäre Politiker, sein Spiegelbild in der Münchner Lach- und Schießge-
sellschaft
vorgeführt zu bekommen, schlagen sich die Funktionäre des Bauernverbandes wiehernd auf die Schenkel, wenn vor ihnen auf der Bühne die Biermösl Blosn ein kritisches Gstanzl spielen. Schlussfolgerungen aus dem, was die Bauernfunktionäre da hören, ziehen sie nicht. Zur Zeit läuft im Fernsehen „Kir Royal“. Ob es sich hier nur um Unterhaltung handelt oder auch um Zeitkritik, darin sind sich die Zuschauer nicht einig. Alles haben sie wahrgenommen, analysiert und interpretiert. Und es ist schon wieder alles gesagt.2

Siehe auch „Kunst/Kultur“.


1 Siehe „Hochbegabte Pinselschwinger“ von Sigi Sommer.

2 Siehe „Kir Royal“ von Jürgen Walla.

Überraschung

Jahr: 1986
Bereich: Kunst/Kultur