Flusslandschaft 1969

Kinder

Am 1. März entsteht der erste antiautoritäre Kindergarten in der Königinstraße 20.1 Am 13. März findet eine Demonstration vor dem Kultusministerium statt.2 Es folgen weitere antiautoritäre Kindergärten.3

Für Freitag, 18. Juli, ist in der Akademie der Bildenden Künste eine große Kunstauktion zugunsten des Akademie-Kindergartens4 geplant. Mit der Schließung der Kunstakademie am 17. Juli fällt die Auktion aus und ist auch der Zugang zum Akademie-Kindergarten verwehrt. Das an der Ostseite des Gebäudes befindliche Zufahrtstor ist mit einer Kette und einem großen Vorhängeschloss gesi-
chert, wird aber mit Hilfe eines Bolzenschneiders jeden Morgen geöffnet: In den Baracken ertönt fröhliches Kindergeschrei. Die Behörden sind unzufrieden, das Kultusministerium droht Prof. Dr. Thomas Zacharias, einem der drei Präsidialkollegen der Akademie, mit verschärften Maßnahmen, wenn er nicht dieses Ärgernis abstellt. Zacharias ist es leid, vom Ministerium wie ein kleiner Ange-
stellter behandelt zu werden, der bei Anweisungen zu parieren hat. Er widerspricht, wenn er zum Ministerium einbestellt wird und leistet hinhaltenden Widerstand. Das Kultusministerium droht mit einem weiteren Polizeieinsatz. Jetzt reicht es dem Akademie-Präsidenten. Er bittet um einen Gesprächstermin mit dem Münchner Polizeipräsidenten, zu dem auch Oberbürgermeister Vogel hinzugezogen wird, und stellt hier die Frage, wie es in der Weltöffentlichkeit wohl aussehen werde, wenn die Polizei der heiteren Olympiastadt mit Herz gegen weinende Kinder vorgehen werde. Manfred Schreiber und Hans-Jochen Vogel sind entsetzt. Der Fall Mexiko-City ist noch nicht lange her. Im Gespräch finden die drei eine Lösung: Der Akademie-Kindergarten wird flugs zum städti-
schen Kindergarten umgewidmet und ist so der kultusministeriellen Gewalt entzogen. Der Bolzen-
schneider wandert wieder an seinen Platz in der Werkstatt.5

Am 26. November entsteht der Uni-Kindergarten. 1974 müssen die Betreiber des Kindergartens feststellen, dass das politisch motivierte, radikaldemokratische Projekt gescheitert ist.

Am 29. November findet eine Versteigerung zu Gunsten des ersten antiautoritären Kindergartens mit einem Auftritt von Amon Düül6 statt. Der Plastikabguss von Rosy-Rosys Busen bringt 60 DM.

In diesem Jahr stehen deutschlandweit 4.000 Erwachsene wegen Kindesmisshandlung vor Ge-
richt. Nur 2.500 werden verurteilt; oft sind die Beweise dürftig oder manche Richter legen das Züchtigungsrecht der Eltern recht weit aus. 95 Prozent aller Kindesmisshandlungen kommen, so die Meinung des Deutschen Kinderschutzbundes, gar nicht zur Anzeige, obwohl die Umgebung die Vorfälle meistens bemerkt.


1 Siehe „‚Man wusste, dass das Knäste sind’ Ivo Bozic: Margit Czenki im Gespräch über antiautoritäre Erziehung in den siebziger Jahren und die heutige Debatte“.

2 Siehe „Verschiedene Reinhard Falk nahestehende Personen …“; siehe auch „Prozesse“.

3 Siehe „Antiautoritäre Eltern gesucht“, „Repressionsfreie Kindererziehung“ und „Schwierigkeiten bei der Praktizierung antiautoritärer Erziehung am Beispiel ‚Aktion antiautoritäre Erziehung München-Ost’“.

4 Siehe „Der Akademiekindergarten und das Antiautoritäre“ von Roswitha Wolff.

5 Prof. Dr. Thomas Zacharias am 1. Juli 2011 beim Kulturempfang der Landeshauptstadt München.

6 Die Band Amon Düül geht aus einer Künstler-Kommune hervor, die 1967 in München entstand. Namensgeber: der ägypti-
sche Sonnengott Amon und ein türkisches Wort für Mond. Im Musikerkollektiv bilden sich schnell zwei Lager heraus: die einen wollen sich ihre künstlerische Freiheit bewahren und stellen keine „musikalischen Mindestanforderungen“ an die oft wechselnden Mitglieder. Dagegen wollen Chris Karrer, Peter Leopold, Ulrich Leopold, Falk Rogner, John Weinzierl und Re-
nate Knaup einen musikalisch professionelleren Weg einschlagen. Bei den Essener Songtagen 1968 treten dann zwei Bands namens Amon Düül auf: Amon Düül I und Amon Düül II. Es gibt aber weiterhin personelle Überschneidungen und Zusam-
menarbeit. Amon Düül I veröffentlicht vier Alben und löst sich um 1970 auf. Amon Düül II veröffentlicht „Phallus Dei“ 1969 und schafft mit dem zweiten Album „Yeti“ den internationalen Durchbruch. Der Songtitel „Mama Düül und ihre Sauer-
krautband“ auf „Psychedelic Underground“ von 1969 gilt als eine der möglichen Quellen für den Begriff Krautrock. (www.sub-bavaria.de) — Zu Amon Düül siehe „Der Besitzer des Café Trikont …“ von Jürgen Arnold.