Flusslandschaft 1976

Gewerkschaften/Arbeitswelt

Allgemeines
DGB

- Druckindustrie
- Großmärkte
- Siemens


Betriebsarbeit findet im Spannungsbogen zwischen tarifvertraglicher Interessenvertretung und politischer Zielsetzung mit kapitalismuskritischer Strategie statt. Die DKP vertritt eine Position
des „Kampfs um Mitbestimmung“. Dies machen ihr andere Kommunisten als „Klassenverrat“ zum Vorwurf.1

Erwerbslose bilden die industrielle Reservearmee. Sie warten geduldig und sind bereit, wenn die Konjunktur wieder anspringen sollte, sich für wenig Geld wieder zu verdingen. Dabei gäbe es schon jetzt genügend sinnvolle Arbeit.2

Leben für wen?
Als wandelnde Leiche geboren,
– durch die Erziehung
konserviert,
an den Arbeitsstätten
– die Pflicht erfüllend,
deine Gefühle vergoren,
zum Genuß anderer.
Wolf-Dieter Krämer am 23. Januar

DGB

In München beginnt am 10. April ein zweitägiges Treffen oppositioneller Gewerkschafter, an dem sich unter dem Motto „Gegen kapitalistische Krisenpolitik die Einheit verstärken“ etwa 1.500 Personen beteiligen. Dazu aufgerufen haben Gruppen von Siemens, Hoechst, Münchner Merkur und aus der ÖTV. Die Veranstaltung „sollte einen Beitrag zur engeren Zusammenarbeit der Kräfte leisten, die sich bewusst für eine ausschließlich an den Arbeiterinteressen orientierten Betriebs- und Gewerkschaftspolitik einsetzen“.3

Fünfzehntausend sind beim Ersten Mai zum letzten Mal auf dem Königsplatz. Es sprechen unter massiver Polizeibewachung DGB-Vorsitzender Heinz Oskar Vetter und Bundeskanzler Helmut Schmidt.4 Nach der Kundgebung bildet sich ein vom Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD ausgelöster, spontaner Protest-Zug von 3.000 bis 6.000 Menschen und zieht zum Buchgewerbe-
haus
(Springer), wo am vorigen Tag ein Streikposten offenbar willentlich angefahren wurde. An dieser Demo beteiligten sich auch Soldaten in Uniform sowie andere linke Gruppen (KABD, KBW, GIM). Im Anschluss findet eine Veranstaltung des Arbeiterbunds im Pschorrkeller an der There-
sienhöhe 7 mit vierhundert Besuchern u.a. mit Mitgliedern des Türkischen Arbeiterbundes und der griechischen Gruppe Rigas Fereos statt.

DRUCKINDUSTRIE

Mit dem Einzug neuer elektronischer Satzsysteme sind zahlreiche Arbeitsplätze in der Druckin-
dustrie in Gefahr. Die Geräte können nach Ansicht der Arbeitgeber auch von Schreibkräften oder Journalisten bedient werden. Nur an einigen Arbeitsplätzen werde man auch in Zukunft noch Setzer brauchen. Für Setzer und Drucker geht es deshalb vor allem um ihre Arbeitsplätze und um ihre soziale Absicherung.

Am 13. April treten die Kollegen der Spätschicht der Süddeutschen Zeitung in einen einstündigen Warnstreik. Erst drückt die Geschäftsleitung auf die Tränendrüse mit der Bemerkung, dass infolge des Streiks etwa 1.000 zeitungsaustragende Studenten kein Zubrot verdienen könnten. Nachdem die Streikenden hart bleiben, droht die Geschäftsleitung den etwa hundert Druckern, Setzern, Chemigraphen, Galvanoplastikern und Stereotypeuren mit der Aussperrung, wenn nicht in fünf Minuten wieder gearbeitet wird. Die Mehrheit der Kollegen läßt sich einschüchtern; man nimmt die Arbeit wieder auf.

Ende April kommt es zu Urabstimmungen in der Druckindustrie. Bei der Süddeutschen Zeitung und bei der Abendzeitung laufen unbefristete Streiks mit fünfhundert Lohnabhängigen. Die Arbeitgeber antworten mit der Aussperrung von achttausend Lohnabhängigen. Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer hält die Aussperrung für sozial, weil sie die Dauer von Arbeitskämpfen entscheidend reduziere.5

Am 6. Mai protestieren hundert Menschen vor dem Pressehaus Bayerstraße, Paul-Heyse-Straße 2 – 4, gegen die Auslieferung des Landwirtschaftlichen Wochenblattes.

GROSSMÄRKTE

Truderinger Geschäftsleute drehen am 17. September aus Protest gegen Großmärkte das Licht ab.6

SIEMENS

Die Siemens AG, deren Zentrale sich in bester Lage am Wittelsbacher Platz befindet, beschäftigt in München 50.000 Menschen, weltweit sind es 300.000.7

In der Siemens-Stiftung hält der Nationalökonom und Nobelpreisträger Friedrich-August von Hayek einen Vortrag, in dem er allen, die sich sozial engagieren, bescheinigt, dass ihr Tun mehr als sinnlos ist: „… Wenn Hayek es die Tragödie unserer Zeit nannte, dass unsere moralischen Instinkte hinter der tatsächlichen Entwicklung der Menschheit zurückgeblieben seien, so bedauerte er damit nicht etwa den häufig beschworenen Tatbestand einer unterentwickelten Moral. Im Gegenteil: Nicht, dass wir zuwenig, sondern dass wir zuviel Verantwortungsgefühl haben, ist unser Unglück! – Unsere Sittlichkeit entpuppt sich nämlich bei näherem Zusehen als ebenso überflüssiger wie schädlicher Anachronismus. Insbesondere das Streben nach sozialer Gerechtigkeit ist ein lästiges Überbleibsel unseres Daseins in der Kleingruppe, in der jeder jeden kennt, und wo die Entlohnung des einzelnen nach Verdienst und Bedürfnis ihren selektiven Sinn hat. Diese Hordenmoral über-
tragen wir nun auf die Verhältnisse der ‚Großgruppe’: Ihre Verwirklichung erweist sich hier nicht nur als blanke Illusion, sie hätte auch die Vernichtung unseres Wohlstands, unserer persönlichen Freiheit, kurz aller Errungenschaften der modernen Zivilisation zur Folge …“8

(zuletzt geändert am 10.8.2018)


1 Siehe „Massenentlassungen bei Krauss-Maffei — DKP wirbt für Mitbestimmung!“.

2 Siehe „arbeitslose“ von Rodja Weigand.

3 Sozialistische Arbeiter Zeitung 1 vom 1. Mai 1976.

4 Foto Harald Frey: 1. Mai 1976, Standort: tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 112 vom März/April 1977, Umschlag.

5 Siehe „Druckerstreik: Ein Gespenst geht um“; Fotos Harald Frey: Die Bosse der Druckindustrie während der Aussperrung, Standort: tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 120 vom Juli/August 1978; Vier Frauen als Streikposten, Standort: tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 111 vom Januar/Februar 1977, 43. Vgl. wir. Information für Betriebsräte, Perso-
nalräte, Vertrauensleute, Jugendvertreter 1/1978, 6.

6 Vgl. Süddeutsche Zeitung 216/1976.

7 Siehe „Resignation und Verwirrung“ und „Und so residieren heute folgerichtig …“.

8 Süddeutsche Zeitung vom 9. Juli 1976.