Flusslandschaft 1977

Atomkraft

Rudi Amannsberger will mit Freundinnen und Freunden am 19. Februar zur Brokdorf-Demonstration fahren. Er erinnert sich: „Mit drei Bussen, die die Münchner Initiative gegen Atomanlagen und die Münchner Atomkraftgegner organisiert hatten, sind wir von München aus losgefahren. Die ganze Zeit ist die Polizei hinter uns her gefahren und an einer Autobahnraststätte hat sie uns schließlich angehalten. Wir wurden von Polizisten mit Maschinenpistolen umstellt und vier Stunden lang festgehalten. Weil dann klar war, dass wir nicht mehr rechtzeitig zu der Großdemo in Brokdorf kommen würden, sind wir um 6 Uhr morgens umgekehrt.“1 Am Münchner Stachus angelangt versuchen die AtomkraftgegnerInnen eine Spontandemo, leider ohne Resonanz; es ist Faschingssamstag. Dafür kommt es am Monopteros im Englischen Garten zu einem nicht angemeldeten Narrentreiben, das einige Wellen schlägt.2

Am 7. Mai findet eine Großdemonstration gegen das Atomkraftwerk Isar I in Ohu statt. Viele Münchnerinnen und Münchner sind dabei sowie siebentausend Polizisten, zwei Hubschrauber und fünf Polizeiboote.3 Wenige Wochen später kommt es zu Übergriffen.4

Etwa zweihundert Atomkraftgegner auf Fahrrädern radeln am 30. Juni auf der „Demo der lachenden Gesichter“ von Ministerium zu Ministerium und von Konzern zu Konzern.5 Die Demonstration sucht nicht nur in den Formen neue Wege, sie beruft sich auf ein neues, ökologisches Gewissen.6

Die Bürgerinitiative Bürgeraktion Umweltschutz München wendete sich am 14. Juli vehement gegen eine Beteiligung der Stadt am Kernkraftwerk Ohu. „Wenige Tage vor der geplanten Klausurtagung der Stadtspitzen zum Thema Atomstrom stellte das Bündnis die Forderung, der Neubau von Kernkraftwerken müsse unterbleiben, solange die Umwelt- und Gesundheitsrisiken dieser Anlagen so unübersehbar und bedrohlich seien, wie dies gegenwärtig der Fall sei.“ Am 23. Juli erteilt die Münchner SPD auf einem „kernenergie-politischen Parteitag“ den Beteiligungsabsichten der Stadt mehrheitlich eine Absage. Wenige Tage später kritisiert Oberbürgermeister Kronawitter diesen Beschluss. Er wirft seinen Parteigenossen vor, sich „ohne ausreichende Erörterung der lebenswichtigen Fragen der Energieversorgung“7 allzu einseitig festgelegt zu haben.8

Am 15. November erhalten Tausende von Münchner Haushalten einen Fragebogen. Im amtlich aussehenden Begleitschreiben wird von einer Voruntersuchung gesprochen, die „Aufschluss für einen besseren Schutz im Falle eines kerntechnischen Unfalls“ geben könne. Die Telefone im Rathaus laufen heiß. Oberbürgermeister Kronawitter erklärt, es handle sich um ein fingiertes Schreiben, das die „Bevölkerung irritieren und beunruhigen“ solle. Wenige Tage später wird ein weiterer Text an einige Stadträte, an die Bezirksausschüsse und an die Presse geschickt.9


1 Süddeutsche Zeitung 27 vom 3. Februar 1999, L3.

2 Vgl. Süddeutsche Zeitung 42/1977; siehe „Warum eigentlich kein Kernkraftwerk im Englischen Garten?“ und „Festival der Asphaltaktivisten in München vom 27. – 30. März“.

3 Vgl. Blatt. Stadtzeitung für München 93 vom 6. Mai 1977, 7 und 94 vom 10. Mai 1977, 4 f.

4 Siehe „Kraftwerk in OHU abgebaut“.

5 Vgl. Blatt – Stadtzeitung für München 99 vom 15. Juli 1977, 4 ff.

6 Siehe „Das Ende der Megalopolis“ von Rädli.

7 Stadtchronik, Stadtarchiv München.

8 Siehe dazu auch „Müllmutanten“ von Julius Schittenhelm.

9 Siehe „Diese Stadt braucht Atomkraftwerke – wir wollen eine andere Stadt“.