Flusslandschaft 1981
Hausbesetzungen
Das Blatt veröffentlicht die Adressen von leerstehenden Wohnungen und Häusern.1
Polizeipräsident Dr. Manfred Schreiber meint im Februar: „In München – das garantiere ich – bleibt kein Haus länger als 24 Stunden besetzt.“ Und zu Verhaltensweisen bei Räumungen sagt er: „Tragen statt schlagen … Aber immer kann man das nicht machen. Das Recht bietet dazu keine Möglichkeiten.“2 Prompt kommt es am 20. Februar zu einer 30-Minuten-Schein-Hausbesetzung in der Türkenstraße 30 in der Maxvorstadt. Der Sichtziegelbau, ein schützenswertes, verwittertes, mit Plakaten zugepflastertes Denkmal, steht seit 1973 leer. „Eine halbe Stunde lang besetzten sechs Leute das Haus in der Türkenstraße 30 ‚schein’ und verlangten ein Gespräch mit dem Besitzer des Hauses. Statt dessen erschien die Polizei und nahm die Besetzer fest. Es wurden zwei Haftbefehle erlassen, die jedoch später außer Kraft gesetzt wurden.“3 In derselben Nacht löst die Polizei im Milbertshofener Zentrum eine „Hausbesetzerparty“ mit der Begründung „Überschreitung der Sperrstunde“ auf. OB Kiesls Büro: „Die Feier war angeblich die Vorbereitung zu einer Hausbeset-
zung …, wozu ca. zweihundert Leute bereit waren."4
Die Münchner Polizei hat sich inzwischen Blanko-Strafanträge von Hausbesitzern für den etwaigen Fall einer Hausbesetzung geben lassen. Auch die Landeshauptstadt München hat bei zwei ihrer leerstehenden Anwesen in der Steinstraße 17 und Heidelärchenstraße 23 solch eine Blanko-Straf-
anzeige der Polizei auf deren Wunsch übergeben. Nachdem diese Blanko-Strafanträge in der Öffentlichkeit bekannt werden, hinterlegt der Kritiker des überbordenden Individualverkehrs, Rechtsanwalt Konrad Kittl, bei der Staatsanwaltschaft einen Blanko-Strafantrag, gültig bei der Gefährdung von Leib und Leben von Herrn Kittl im Straßenverkehr, der auch formgültig entge-
gengenommen wird.5
26. Februar: Scheinbesetzung in der Schellingstraße 5 in der Maxvorstadt. Polizei dringt nach ca. einer Stunde in das Haus ein, drinnen ist keiner, draußen sind etwa dreihundert Leute. — Im März stehen in München etwa 850 Wohnungen in dreihundert Häusern leer, allein in Neuhausen elf Häuser. Zugleich sind beim Sozialamt 16.000 Wohnungssuchende unter der Rubrik „Höchste Dringlichkeitsstufe“ registriert.6
In Nürnberg werden am 6. März massenhaft Hausbesetzer festgenommen. 141 Haftbefehle lauten auf „schweren Landfriedensbruch“. In München kommt es am Dienstag, 10. März, zu einer Pro-
testkundgebung gegen die „bayrische Linie“ gegen Hausbesetzerinnen und -besetzer mit vierhun-dert Demonstranten auf dem Odeonsplatz, die im Anschluss an die Kundgebung unangemeldet durch die Stadt demonstrieren. Niemand wird fest genommen.7
Ein weitere Protestmarsch erfolgt am 12. März mit dreitausend Teilnehmern. „Am 13. März folgten ca. sechzig Leute dem Aufruf Freiburger Hausbesetzer, die Polizei zu beschäftigen. Dies gelang dann auch, es gab zehn Festgenommene. Dieses Ereignis motivierte am nächsten Tag dreißig bis vierzig Leute, vor der Ettstraße ihr ‚eins, zwei, drei…’ zu rufen.“8 Am 17. März sind immer noch fünfundvierzig Besetzerinnen und Besetzer inhaftiert. — Im „Jugendbericht“ des Bundesministe-riums für Jugend, Familie und Gesundheit heißt es, dass ein Drittel der bundesrepublikanischen Bevölkerung die Besetzung leerstehender Häuser für vertretbar hält.
Nach einer DKP-Demonstration kommt es am Sonntag, 15. März, zwischen 19 und 20 Uhr zur Hausbesetzung des seit dem Herbst des vergangenen Jahres leerstehenden ehemaligen Kreis-
wehrersatzamtes in der Albrechtstraße 31. Neununddreißig Hausbesetzer wollen ein selbst-
verwaltetes Jugendzentrum in Neuhausen und demonstrieren Solidarität mit den Nürnberger Verhafteten. Schon bald sind etwa hundertfünfzig Sympathisanten da, die den Zugang zum Haus blockieren, unter ihnen August Kühn („Zeit zum Aufstehn“) und etwa Tausend Schaulustige. Die Hausbesetzer bestehen darauf, dass ihre Aktion gewaltfrei war und bleibt. Dann splittert die ver-
barrikadierte Eingangstüre an der Rückfront des Hauses. 614 Polizisten, 305 von ihnen kommen von auswärts, räumen von 2 bis 4 Uhr früh und nehmen neununddreißig HausbesetzerInnen und vier SympathisantInnen (25 Männer, 16 Frauen, der DKP-Kreisvorsitzende Matthias Oberhofer und der SDAJ-Vorsitzende Klaus Brütting) fest.9 Viele werden später wegen Haus- und Land-
friedensbruchs verurteilt.
Am Abend des 16. März veranstalten die inzwischen wieder Freigelassenen eine Mahnwache vor der Albrechtstraße 31, gleichzeitig machen etwa zweihundert Menschen eine Spontandemonstra-
tion vom Sendlinger-Tor-Platz über den Marienplatz, Löwengrube, Lenbachplatz zum Hauptbahn-
hof. Einige versuchen im Anschluss an die Demo vergeblich ein neues Haus in der Karlstraße 32 zu besetzen. Vor dem Hauptbahnhof: Die Heckscheibe eines Autos, das einem „Schwarzen Sheriff“ ge-
hört, geht zu Bruch. Zwei Sheriffs packen den, der den Stein geworfen hat, dieser wird von anderen Punkern befreit, er rennt los mit einer Sheriff-Mütze in der Hand. Ein anderer, der gerade das ent-
glaste Auto besprühen will, wird festgenommen und bekommt später, weil er angeblich auch noch den Stein geschmissen haben soll, sechs Monate auf Bewährung. Ministerpräsident F.J. Strauß meint: „Unter den Hausbesetzern gibt es Personen, die eng mit dem Kern der Terrorismus ver-
wandt sind. Es besteht die Gefahr, dass aus dem Umfeld der derzeitigen Hausbesetzer eine neue terroristische Bewegung erwächst.“10
Die F 81 nimmt an vielen Demos und Besetzungen teil. Am 18. März findet eine neue Solidaritäts-
demonstration von 3.000 Menschen statt, die Straffreiheit für die Hausbesetzer in der Albrecht-
straße fordern. Auf dem Fronttransparent ist zu lesen: „Bleibt froh und heiter – der Häuserkampf geht weiter.“ Die Demo wird von vielen behelmten Polizisten begleitet. Der Block der Punker ist durchsetzt von zivilen Beamten. Es kommt zu einem Scharmützel mit Ordnungshütern sowie zu einer Verhaftung. OB Kiesl meint, die Münchner Wohnungsnot resultiere auch aus der Tatsache, „dass die jungen Leute heute nicht mehr mit einem winzigen Appartement zufrieden sind, sondern gleich eine Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnung haben wollen“.11
18. März, Marienplatz: Kundgebung »Gegen die Kriminalisierung der Hausbesetzer«12
Katz- und Mausspiele: Ende März kommt es zur Scheinbesetzung der Balanstraße 155, um die Exe-
kutive von der Besetzung der Lothstraße 52 abzulenken. Diese verläuft eigentlich ganz friedlich, aber das Haus in der Balanstraße wird unverzüglich abgerissen. Dafür verweist das Blatt auf die leerstehenden Häuser in der Prinzenstraße 56, Enhuberstraße 7, Fleischerstraße 3, Adlzreiterstra-
ße 3, Marsopstraße 16 in Pasing, Stuberstraße 7, Friedenheimerstraße 75 — 85, Soldnerweg 6 und 8 sowie Rumfordstraße 43.13
23. Mai: 6 Frauen, 1 Mann und 9 Kinder haben das Haus in der Winthirstraße 9a besetzt.14
Am 22. Mai besetzen Jugendliche für vier Stunden die Ursula-Kirche.15 „Sieben Kleinkinder und fünf Frauen besetzten am 23. Mai ein Haus in der Winthirstraße. Nach 35 Minuten verließen sie nach Aufforderung der Polizei freiwillig das Haus. Es wurden keine Strafanträge gestellt.“16
Weitere leere Häuser und Wohnungen: Sebastiansplatz 5, Kanalstraße 9 und 12, Herrenstraße 46/Rgb. …17
„WIR SIND ENTSETZT
Wir Eltern und Ältere sind ENTSETZT, dass Menschen, die sich für das Recht auf Wohnung und vernünftige Miete einsetzen, zu Kriminellen abgestempelt werden.
Wir sind ENTSETZT, dass junge Menschen, anstatt eine Wohnung zu finden, im Knast landen.
Wir sind ENTSETZT, dass Willkür statt Recht gehandhabt wird.
Wir Eltern und Ältere stehen hinter unseren Jungen. Wofür sie auf die Straße gehen, geht uns alle an: WOHNUNGSNOT und SPEKULANTENTUM.
Wir verwandeln unser Entsetzen in Handeln.
Mit dem Sternmarsch der Münchner Mieterinitiativen sind wir dabei!
Kommt alle!
SAMSTAG, 4. Juli, 10 Uhr – ab Pariser Platz“18
4. Juli: Hausbesetzung in der Blutenburgstraße 57 in Neuhausen. In der „Blubu“ müssen die war-
tenden Hundertschaften allerdings zunächst unverrichteter Dinge abziehen. Die Besetzer schließen einen Vertrag mit dem Eigentümervertreter und ziehen erst nach der Durchbrechung der 24-Stun-
den-Schallmauer wieder ab.19 Anders erinnert sich Olli Nauerz: Später, als die Besetzer nicht ge-
hen wollten, verweigerte die Polizei den Hausbesitzern die Räumung. – 11. Juli: Die Hausbesetzer in der Blutenburgstraße feiern ein Fest. Hier kommt es zur Idee einer Scheinbesetzung. Man zieht in die Gümbelstraße, begibt sich in ein leerstehendes Haus und verziert es mit einem Transparent. Als die Polizei anrückt, verlassen die Besetzer das Haus und mischen sich unter die Schaulustigen, die Beamten stürmen das Haus, entfernen das Transparent. Ohne jemanden festnehmen zu kön-
nen, versuchen die Polizisten das Gebäude zu verlassen, werden aber dabei mit einem Hagel von Feuerwerkskörpern eingedeckt. Irgendwann gehen die Knallkörper aus, die Polizei verlässt das Haus, F 81 fährt inzwischen mit dem Auto durch die Stadt und entglast elf Banken und diverse andere Gebäude bis in den Morgen des 12. Juli.20 – Am 16. Juli nimmt die Polizei in einer überra-
schenden Aktion achtzehn Menschen vor dem besetzten Haus fest.21 Am vorletzten Tag der Beset-
zung, am 17. Juli, wurden einunddreißig Sympathisanten festgenommen.
Am 26./27. September kommt es zur vierstündigen Hausbesetzung in der Eduard-Schmid-Straße 19 in der Au. Nach der brutalen Räumung werden fünf Personen mit Schädelplatzwunden ins Krankenhaus eingeliefert, auch Schaulustige werden niedergeknüppelt.22 Siehe auch „Zensur“. Die Misshandelten erstatten Strafanzeige. Ein Jahr später meint Justizminister Hillermeier: „Es liegen keine Angaben von Polizeibeamten vor, die Rückschlüsse auf Misshandlungen durch bestimmte andere Beamte zuließen. Die Staatsanwaltschaft hat keine gesetzliche Handhabe, die beteiligten Beamten zu belastenden Aussagen gegen Kollegen zu bewegen … Die Staatsanwaltschaft hat be-
richtet, dass mehrere Aussagen von Beamten nicht zutreffend sein könnten, es sei aber nicht auf-
zuklären, bei welchem Beamten im einzelnen unrichtige Angaben vorlägen.“ Herbert Riehl-Hey-
se: „Wie sich die Aufklärungsbemühungen seinerzeit abgespielt hatten, war in der SZ auch berich-
tet worden: Die verdächtigen Polizisten wurden bei einer Massengegenüberstellung unter 117 an-
dere Beamte gemischt, was – nicht weiter überraschend – dazu führte, dass keiner als Täter hatte überführt werden können.“23
Vor der Fraunhoferstraße 9 stehen mehrere blaulichtblitzende Wannen. 40 Polizisten und drei Kri-
minaler stürmen am 15. November den Hinterhof. Dann stellt sich heraus, dass die Behörde über kein Gerät verfügt, mit dessen Hilfe die beschlagnahmte Kassette abgespielt werden kann.24
Siehe „Freizeit ’81 {I})“ und „Freizeit ’81 {II}“.
(zuletzt geändert am 15.4.2026)
1 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=191, 10.
2 Zit. in Freizeit 81, Winter 1981, (11) unpag.
3 Freizeit 81, Winter 1981, (11) unpag.
4 Münchner Merkur vom 23. Februar 1981.
5 Konrad Kittl am 21. April 2009
6 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=193, 12.
7 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=193, 8 ff.
8 Freizeit 81, Winter 1981, (11) unpag.
9 Siehe
- https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=194, 37,
- „Bleibt froh und heiter, der Häuserkampf geht weiter!“. Vgl.
- Dokumentation Albrechtstrasse 31, 1981. Eine Radierung mit dem Titel „Münchner Gschichten, Albrechtstraße, 16./17. März 1981“ von Franz Kochseder ist abgebildet in: tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 142 vom April 1983, 42.
10 Münchner Merkur vom 17. März 1981.
11 Münchner Merkur vom 18. März 1981.
12 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=197, 15.
13 Siehe
- https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=194, 6 ff.,
- https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=195, 10,
- https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=196, 15 und
- https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=197, 16.
14 Siehe
- https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=198, 7 ff. und
- https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=199, 8.
15 Vgl. Süddeutsche Zeitung 118/1981.
16 Freizeit 81, Winter 1981, (11) unpag.
17 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=198, 12.
18 Abgebildet in: Börni, Annette, Ruth, Mathias, Hartmut (Wächtler), Christopher, Lilo, Billy und Andrea (Wolf) mit Beiträgen von Wolfi und Reinhard, Stark sein – stärker werden, München Januar 1984, 75.
19 Siehe
- „Happy End?“
- und https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=201, 9..
20 Vgl. Freizeit 81, Sommer 1981, (4) unpag.
21 Siehe „Angst im Gesicht“ von Michael.
22 Siehe
- „Augenzeuge“ von Rolf Wilhelms,
- „Drunt in da schöna Au …!“ von Angelus und
- „Trauer und Wut“.
23 Süddeutsche Zeitung 279 vom 4./5. Dezember 1982, 8.
24 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=211, 9.